Medienkompetenz

Fluch und Segen der digitalen Welt

Terror auf der Facebook-Timeline, Pokémon to Go oder der digitale Arbeitsplatz 4.0 – die Welt ist ein virtuelles Klassenzimmer geworden. Hauptfach: Medienkompetenz.
17.10.2016, 00:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Von Dirk Hansen

Terror auf der Facebook-Timeline, Pokémon to Go oder der digitale Arbeitsplatz 4.0 – die Welt ist ein virtuelles Klassenzimmer geworden. Hauptfach: Medienkompetenz.

Terror auf der Facebook-Timeline, Pokémon to Go oder der digitale Arbeitsplatz 4.0 – wir alle sind ständig gefordert, manchmal überfordert, wenn es darum geht, die rasant wachsenden Kommunikations-Möglichkeiten zu beherrschen. Anstatt uns von ihnen beherrschen zu lassen. Die Welt ist ein virtuelles Klassenzimmer geworden. Hauptfach: Medienkompetenz.

Wie sind wir darauf vorbereitet? An der Basis der Bildung? Für eine Antwort lohnt ein genauerer Blick dorthin, wo in Bremen für das Leben gelernt werden soll. Immerhin gibt es ein „Zentrum für Medien“ am Landesinstitut für Schule (LIS), der Aus- und Fortbildungsinstitution für Lehrerinnen und Lehrer.

Rainer Ballnus leitet es, ein Mann mit breiter Bildungs-Biografie: Staatsexamen als Lehrer, Diplom-Kaufmann, promovierter Informatiker. Optimist ist er außerdem. „Bremen“, so sagt Ballnus, „ist konzeptionell bestens gerüstet, liegt in mancher Hinsicht sogar vorn.“ Mit digitaler Bildung möchte sich seine Chefin, Senatorin Claudia Bogedan (SPD), schließlich als Vorsitzende der Kultusministerkonferenz profilieren.

Für vorbildlich hält die Behörde insbesondere ihr IT-Betriebskonzept „SuBITi“, das verschiedenste digitale Dienste für die Schulen integriert: Vom WLAN-Hotspot für den drahtlosen Anschluss bis zur vernetzten Lern-Software „Itslearning“. Die soll jetzt nach und nach im ganzen Bundesland ausgerollt werden.

"An Bremer Schulen sind die Ansätze da"

Für Ballnus geht es im Kern darum, gleichzeitig „mit und über Medien zu lernen.“ Damit meint er nicht nur das Bedienen von Geräten, sondern auch, damit Inhalte kreativ gestalten und ihre Wirkung verstehen zu lernen. Was Bedeutung und Begriff betrifft, da sind sich Bildungsbehörde, Erziehungsgewerkschaft und Elternvertretung übrigens ziemlich einig.

„Selbstorganisation, -reflexion und -regulation“ – so umschreibt etwa Christian Gloede von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW) Medienkompetenz. „Dabei ist die Fähigkeit, Wissensquellen kritisch einschätzen zu können, in der digitalen Welt wichtiger denn je.“

Pierre Hansen, zweiter Sprecher des Zentralelternbeirats, wünscht sich ebenfalls, dass aus Kindern und Jugendlichen „verantwortungsvolle Nutzer/innen“ von Medien werden, vor allem von neuen. An den Bremer Schulen, so Hansen, „sind die Ansätze da“. Dass das Land inhaltlich selbst im Vergleich gar nicht schlecht aussieht, kann er als Leiter der „AG Medienkompetenz“ im Bundeselternbeirat durchaus bestätigen.

Lesen Sie auch

Allerdings sieht Hansen eine hohe Hürde: das „Verteufeln der neuen Medien“. Dabei bezieht er sich weniger auf besorgte Eltern als auf die hiesige Lehrerschaft. Sie sei „schlecht bis unterdurchschnittlich auf die Herausforderung eingestellt,“ ärgert sich der Programmierer und Mediengestalter.

Lehrer sind unterschiedlicher Ansichten

Von digitaler Distanz im Lehrkörper ist beim Thema Medienkompetenz öfter die Rede, und dahinter scheint mehr zu stecken als eine Generationenfrage. Es ist eher eine des Milieus. Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge gehören Lehrer und Lehrerinnen zu den am wenigsten medienaffinen Studierenden überhaupt.

Fakt sei, dass gerade digital-kritische Fortbildungs-Veranstaltungen von Lehrkräften besonders gut angenommen werde, berichtet der Leiter des LIS, Rainer Ballnus und nennt die Medien-Qualifikation und -Motivation des Kollegiums vorsichtig ein „schwieriges Gelände“.

Das kann man den Betroffenen auch nicht vorwerfen, die bereits mit Integration und Inklusion stark belastet sind. Außerdem ist ja keineswegs unumstritten, ab wann und wie sehr digitale Methoden pädagogisch sinnvoll in der Schule eingesetzt werden sollen. Ob Kinder beispielsweise Programmieren lernen müssen genauso wie Lesen, Schreiben und Rechnen.

So weit will man in Bremen nicht gehen, sondern nur die Funktionsprinzipien vermitteln. Manche Praktiker wollen aber nicht mal das: Im Zweifel werben viele Lehrerinnen und Lehrer dafür, Kinder und Jugendliche lieber „Primärerlebnisse“ sammeln zu lassen. Smartphone einfach mal weglegen und: „Ab in die Natur““ – in die echte natürlich, die ohne Pokémon-Figuren. Oder?

Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte

Vermutlich liegt auch im Fall Medienkompetenz die Wahrheit dort, wo sie meistens liegt: Irgendwo in der Mitte. Digitaler Wandel lässt sich weder konzeptionell ausdiskutieren noch wegdiskutieren. Als Streitgegenstand ist er kaum zu fixieren, sondern erscheint flüssig, ständig in der Entwicklung. Im Grunde erfordert das lebenslanges Lernen – von Schülern, Eltern und Lehrern.

Wer sich unter diesen Umständen Sorgen um pädagogische Risiken macht, muss durchaus kein destruktiver Bedenkenträger sein. Und wer sich andererseits auf das Wagnis neuer, experimenteller Unterrichtsformen einlässt, handelt nicht gleich fahrlässig gegenüber den anvertrauten Schülern.

Überall in der Gesellschaft herrscht die gleiche Unsicherheit gegenüber dem digitalen Wandel, international. Der Schweizer Professor für Medien und Informatikdidaktik, Beat Döbeli Honnegger, rät in seinem Buch „Mehr als 0 und 1 – Schule in einer digitalisierten Welt“ zum „pragmatischen Mittelweg“ zwischen Totalverweigerung und Netzeuphorie, zum offenen Umgang mit dem globalen „Leitmedienwechsel“.

Rainer Ballnus vom LIS hält die Entwicklung ebenfalls für gangbar und sowieso für „unumkehrbar“. Zudem glaubt er, dass sich viele Bedenken relativieren, wenn die Arbeit mit digital vernetzten Medien erst einmal im Schulalltag etabliert ist. Wenn es endlich konkret wird.

"Kulturtechnik vermitteln, nicht verteufeln"

Dabei setzt er stark auf engagierte Einzelne. Wie den Grundschullehrer André Sebastiani, der auch im Personalrat Schulen aktiv ist. Er kümmert sich eigeninitiativ um Lernsoftware und Geräte. Außerdem wirkt er in seiner Freizeit an einem Wissens-Podcast mit: „SchlauLcht“ ist ein Internet-„Radio“-Angebot für Schüler und Schülerinnen. Alle 14 Tage zum Download.

Sebastiani sieht durchaus die Risiken unserer mediatisierten Welt, will aber in der Schule die notwendigen Verhaltensregeln mit auszuhandeln. „Wir müssen die neue Kulturtechnik vermitteln, nicht verteufeln.“ Weil er die pädagogische Aufgabe so sieht, stört ihn auch das Gerede von den „Digital Natives“, denen man angeblich nichts mehr beibringen muss, was Medien betrifft.

Dass dem nicht so ist, zeigt beispielsweise eine Studie aus Großbritannien. Die dortige Medienaufsichtsbehörde „Ofcom“ untersucht seit Jahren die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen. Befund 2015: Obwohl die jungen Menschen viel Zeit im Netz verbringen, wissen sie über die Hintergründe von Inhalten erschreckend wenig, zum Beispiel über Werbung und was sie von anderen Informationen unterscheidet.

Oder über Terror. Kinder und Jugendliche vermögen sich nicht ohne weiteres schützen, wenn schockierende Bilder wie von den Anschlägen in Nizza auf ihre Bildschirme schwappen. Und sie können möglicherweise genauso wenig die Verantwortung für das Teilen von Gerüchten über ihre Social-Media-Plattformen übernehmen. Beim Amoklauf von München haben viele falsche Facebook-Beiträge für Verwirrung gesorgt. Die Polizei hatte jede Menge zusätzlicher Arbeit, die sie dort allerdings auch sehr medienkompetent kommunizierte. Alles eben nicht so einfach.

Doppelnatur des Digitalen

Fluch und Segen – der weltweite Spiele-Hit Pokémon Go ist ein gutes Beispiel für die Doppelnatur des Digitalen. Einerseits belangloser Spielkram mit Suchtfaktor. Andererseits bringt es vor allem junge Menschen in Bewegung. Sie spielen draußen. „Primärerfahrung“ verbindet sich mit moderner Medientechnik. „Augmented Reality“ sagen Fachleute, also: „Erweiterte Wirklichkeit“.

Davon ist die Realität in den hiesigen Klassenzimmern noch weit entfernt. Veraltete Computerräume und kriechend langsames Internet, wenn überhaupt. Neben der Ausbildung des Lehrpersonals wird die Ausstattung der Bremen Schulen, also die passende Lern-Umgebung, zur entscheidenden Baustelle.

Der Satz „Digital spart Geld“ ist dabei ein politisch verführerischer Irrtum. Zwar verfügen fast alle Schülerinnen und Schüler heute schon früh über Smartphones – und das unabhängig von der sozialen Schicht. Aber entscheidend bleibt die relativ teure Infrastruktur: WLAN-Technik, Wartung und vor allem Bandbreite.

Gerade eine ausreichende Übertragungskapazität ist vonnöten, damit das digitale Lernen frustfrei funktioniert. Das weiß natürlich auch der Medienbeauftragte Ballnus. Wenn sich die Bildungssenatorin urplötzlich in eine Fee verwandeln würde und sie ihm einen Wunsch gewährte, dann wüsste der Kaufmann eine Zahl: eine Million Euro im Jahr für die laufenden Kosten.

Elternvertreter wollen moderne Medien im Unterricht

Eine solche Investition in die Zukunft ist derzeit jedoch reines Wunschdenken. In der Realität der bremischen Bildungspolitik zeigt sich der Streit von Anspruch und Wirklichkeit gerade beim Thema Inklusion.

Wäre sogar noch ein zweiter Wunsch frei, so würde sich der Leiter des Landesinstituts für Schule wohl ein eigenes Fach „Medien“ wünschen. So bekäme diese Kompetenz einen höheren Stellenwert, denn den integrativen Weg hält Rainer Ballnus eher für gescheitert. Genau dieses Einbinden moderner Medien in den gesamten Schulunterricht befürworten dagegen sowohl Elternvertreter als auch Gewerkschafter.

In einem stimmen die Vertreter von Behörde, Lehrkörper und Eltern überein: Es gibt keine Zeit mehr zu verlieren. Wenn nicht bald ein angemessener Einstieg in die Förderung von Medienkompetenz gelingt, dann werden alle Seiten verlieren: Die um das Wohl der Kinder Besorgten genauso wie jene, die fürchten, dass der Nachwuchs von den Zukunftschancen einer digital vernetzten Gesellschaft abgehängt wird.

Nun muss sich das Klassenzimmer zügig zu einem Ort entwickeln, an dem nicht nur für das Leben gelernt wird, sondern auch vom Leben.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+