50 Corona-Fälle

Aufnahmestopp in Vegesacker Erstaufnahme

Nach etlichen Corona-Fällen in der Landeserstaufnahmestelle in der Lindenstraße verhängte das Gesundheitsamt nun einen Aufnahmestopp. Die Sozialsenatorin will zudem die Bewohnerzahl weiter reduzieren.
21.04.2020, 20:01
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Aufnahmestopp in Vegesacker Erstaufnahme
Von Carolin Henkenberens
Aufnahmestopp in Vegesacker Erstaufnahme

Die Landeserstaufnahmestelle für Asylbewerber und Flüchtlinge in Vegesack befindet sich in einem früheren Verwaltungsgebäude der Vulkan-Werft.

Sina Schuldt /dpa

Nach mindestens 50 Corona-Fällen in und reichlich Kritik an der Landeserstaufnahmestelle (Last) für Flüchtlinge in Bremen-Vegesack nimmt die Einrichtung vorerst niemanden mehr auf. Dies verkündete das Sozialressort von Senatorin Anja Stahmann (Grüne) am Dienstag. Das Gesundheitsamt habe den Aufnahmestopp im Einvernehmen mit dem Sozialressort verhängt.

Neu ankommende Asylbewerber sollen ab sofort in der Erstaufnahme-Dependance in der Alfred-Faust-Straße in Obervieland unterkommen. Dort ist laut Sozialressort Platz für 235 Menschen, die Hälfte der Betten sei bislang belegt. Im Monat März seien 73 Menschen in Bremen angekommen.

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Anlass des Aufnahmestopps ist laut Stahmann, dass vergangene Woche 33 von 62 Bewohnern ohne Krankheitssymptome positiv auf Covid-19 getestet wurden. Eine im Vergleich zur restlichen Bremer Bevölkerung sehr hohe Quote. Am Dienstag teilte das Sozialressort außerdem mit, dass weitere elf von 70 Tests positiv ausfielen. Zusammen mit sechs weiteren Infizierten ergibt das mindestens 50 Corona-Infizierte. Wie viele es tatsächlich sind, ist unklar. Von allen aktuell 374 Bewohnern und allen Mitarbeitenden soll nach und nach ein Abstrich genommen werden.

„Covid-19 ist weiter verbreitet, als wir annehmen“, betonte Stahmann auf der Senatspressekonferenz. Sie wünsche sich, dass anlasslose Tests in allen Einrichtungen gemacht würden. „Daran muss die Bundesrepublik arbeiten“, sagte die Senatorin. Wegen begrenzter Kapazitäten empfiehlt das Robert-Koch-Institut derzeit Tests nur bei Menschen, die Kontakt mit Infizierten hatten und Symptome der Krankheit zeigen. In der Landeserstaufnahme werden seit Wochen alle neu ankommenden Flüchtlinge getestet. Bis ihr Ergebnis vorliegt, sind sie von anderen Bewohnern getrennt.

Ankunftszentren dienen der Abschreckung

Der Flüchtlingsrat, das Bündnis „Together we are Bremen“ und ein Dutzend weitere Organisationen sehen den Corona-Schutz in der Last nicht umgesetzt. Sie fordern bessere Bedingungen und in letzter Konsequenz die Schließung der Unterkunft. Ankunftszentren wie die Lindenstraße hätten nicht die kurzfristige Unterbringung zum Ziel, sondern dienten der Abschreckung, kritisiert der Flüchtlingsrat. Auch die Grüne Jugend stellte sich nun gegen die Senatorin aus ihrer eigenen Partei: „Wir distanzieren uns von Anja Stahmanns Kommentar im Weser-Kurier und möchten ganz deutlich machen, dass es sich bei den Protestierenden nicht um eine kleine, lautstarke Gruppe handelt.“

Den Vorwurf, ihre Behörde habe spät reagiert, wehrte Stahmann ab. Zu einem Zeitpunkt, als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) noch keine Notwendigkeit sah, Karnevalsveranstaltungen abzusagen, habe ihr Haus die Weichen gestellt, dass Flüchtlinge woanders untergebracht werden. Die Zahl der Bewohnern in der Last sei seit März von einst 600 reduziert worden, und das soll sie auch weiter. Der Schutz der Menschen stehe an erster Stelle. Sie arbeite an einem „Entlastungskonzept“, das etwa vorsieht, wie Abstandsregeln eingehalten und Wohnungen gemietet werden können.

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„Wir haben das klare Ziel, gute Hygiene- und Gesundheitsstandards in Sammelunterkünften zu verwirklichen – nicht nur im Flüchtlingsbereich“, sagte Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD). Der Senat sei nicht der Auffassung, dass die Auflösung von Sammelunterkünften ein Beitrag zur Problemlösung sei. Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) hob hervor, alle Menschen müssten die Chance haben, die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten.

Die Linken-Fraktion fordert die Dezentralisierung der Last, aber auch anderer Sammelunterkünfte für Obdachlose und Geflüchtete während der Corona-Pandemie. Die sozialpolitische Sprecherin Sofia Leonidakis begrüßte den Aufnahmestopp. Sie hält die Belegung in Vegesack für zu dicht: „Es gelingt offenbar nicht, Risikogruppen zu schützen.“ Sie nannte das Beispiel einer infizierten Siebenjährigen, die an Asthma leide.

Diskussion muss auch um andere Einrichtungen erfolgen

Die Sozialpolitikerin der CDU-Fraktion, Sigrid Grönert, sagte: „Mein erster Gedanke war: Hoffentlich wird das Problem jetzt nicht nur verlagert.“ Sie betonte, die Diskussion dürfe nicht nur über die Lindenstraße erfolgen, sondern auch über andere Einrichtungen, in denen Menschen auf engem Raum zusammen leben. Von einer Auflösung der Last hält Grönert nichts: Die Senatorin habe die Lage schon durchaus verbessert.

Die Arbeiterwohlfahrt (Awo), die in Vegesack die Geflüchteten betreut, teilte mit, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hofften, dass endlich Ruhe einkehre und sie weiter „ohne Anfeindungen von außen“ ihre Arbeit machen könnten. Der Sprecher der Sozialbehörde sicherte zu, dass die geschätzten Mitarbeiter weiter dort tätig blieben. Die Awo betreut ebenso die Geflüchteten in der Dependance in Obervieland.

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