Bremen verweist auf erfolgreiche Konzepte

Neuer Umgang mit jungen Flüchtlingen

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gelten als schwierige Klientel. Doch Bremen nimmt mehr auf als es eigentlich muss. Vor allem im Umland ist man recht erfolgreich bei der Integration.
12.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Joerg Helge Wagner und den Regionalredaktionen
Neuer Umgang mit jungen Flüchtlingen

Unbegleitete Kinder und Jugendliche aus dem griechischen Flüchtlingslager Moria steigen auf dem Insel-Flughafen Mytilene in ein Flugzeug.

dpa

Fast 700 junge unbegleitete Flüchtlinge sind derzeit allein in Bremen untergebracht, nachdem es auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 rund 2500 waren. Dazu zählen auch junge Erwachsene im Alter bis zu 21 Jahren, wenn sie als Minderjährige aufgenommen wurden. Überwiegend gelten sie mittlerweile als gut integriert.

Nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria könnten bald weitere minderjährige Flüchtlinge in Norddeutschland ankommen. Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil (SPD) und Bremer Politiker machen sich parteiübergreifend dafür stark, mehr Geflüchtete aufzunehmen. Der Flüchtlingsrat Bremen fordert eine komplette Evakuierung des Lagers Moria und die Aufnahme aller minderjährigen Flüchtlinge. Das sei „bei entsprechendem politischen Willen umsetzbar, auch mit Blick auf das Bremer Jugendhilfesystem“.

Junge Geflüchtete werden in Jugendhilfen untergebracht

Dazu müssten wohl einige der Unterbringungsmöglichkeiten, die man 2015 geschaffen hatte, wieder aufgebaut werden, Leerstände gibt es nach Auskunft des Sozialressorts nicht. „Einrichtungen werden noch genutzt oder wurden umgenutzt. Modulbauten wurden abgebaut, andere Objekte abgemietet“, sagt Behördensprecher Bernd Schneider. Heute würden unbegleitete Minderjährige nach der Phase der Erstaufnahme nicht mehr in speziellen Einrichtungen untergebracht, sondern „integrativ“, also in regulären Einrichtungen der Jugendhilfe.

Der Zwei-Städte-Staat tat und tut offenbar mehr, als er im Kreis der Bundesländer nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel müsste. Danach ist festgelegt, wie die einzelnen Länder an gemeinsamen Finanzierungen zu beteiligen sind. Das richtet sich zu zwei Dritteln nach dem Steueraufkommen und zu einem Drittel nach der Bevölkerungszahl. „Bremen übererfüllt seine Quote durch die Aufnahme von Fällen, in denen eine Umverteilung ausgeschlossen ist“, erläutert Schneider. Dazu zählten oft gesundheitliche Gründe, schwere psychische Belastungen oder das besonders niedrige Alter von Geflüchteten.

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Gleichwohl wurden aus Bremen von Ende 2015 bis Ende 2019 rund 1250 minderjährige Flüchtlinge nach dem Verteilverfahren des Jugendhilferechts in andere Bundesländer verlegt. Das verlief in Einzelfällen nicht konfliktfrei. Der Flüchtlingsrat Bremen kritisiert insbesondere die vorübergehende Inobhutnahme, die Altersfestsetzungen und die Umverteilungen: „Dies lehnen wir grundsätzlich und in seiner teilweise gewaltsamen Umsetzung ab.“ Anfang des Jahres hatte die Polizei zweimal Jugendliche, die partout in Bremen bleiben wollten, in Handschellen aus der Jugendhilfe-Erstaufnahmeeinrichtung abtransportiert.

Im Oktober 2015 hatte es massiven Ärger mit kriminellen unbegleiteten Minderjährigen aus Nord- und Zentralafrika rund um den Bahnhof gegeben. 2017 noch einmal mit einer zweiten Gruppe im Viertel. Dabei ging es vor allem um Antanzdiebstähle, Raub- und Drogendelikte sowie Kofferdiebstähle an Reisebussen.

Insgesamt scheinen die Integrationsbemühungen aber überwiegend erfolgreich zu sein. Während ein Teil der Jugendlichen und Heranwachsenden einen Ausbildungsplatz erhalten hat, geht ein anderer Teil zur Schule. „Zudem haben einige andere unbegleitete Flüchtlinge eine Arbeitsstelle gefunden, ohne vorher eine Ausbildung absolviert zu haben“, berichtet Stephan Schaper, Leiter der Allgemeinen sozialen Dienste im Landkreis Verden. Während der praktische Teil meistens problemlos laufe, gebe es im schulischen Teil häufiger Sprachprobleme.

Hauptschulabschluss nach einem Jahr

„Alle beteiligen sich aktiv und motiviert an der Hilfeplanung“, betont auch Hanna Ahrens, Jugendamtsleiterin im Landkreis Osterholz. Minderjährige seien weiter in Wohngruppen oder Pflegefamilien untergebracht, die Volljährigen würden in der eigenen Wohnung mit ambulanter Hilfe weiter unterstützt. Besonders bewährt habe sich der seit 2018 angebotene Kursus, bei dem junge Leute binnen eines Jahres den Hauptschulabschluss nachholen können. Jugendamt, Jugendwerkstatt und Jobcenter arbeiten dabei mit der Volkshochschule, dem Lernhaus und der Bildungsstätte Bredbeck zusammen.

Minderjährige Flüchtlinge ohne Eltern wurden im Wümme-Kreis zunächst in einem Schülerwohnheim in Zeven untergebracht, später kamen sie in Pflegefamilien und Jugendhilfeeinrichtungen. „Viele sind gut eingebunden und haben eine Ausbildung begonnen“, sagt Gerd Hachmöller, Leiter der Stabsstelle Kreisentwicklung des Landkreises Rotenburg. Derzeit leben 25 minderjährige Migranten im Kreis Rotenburg. Je jünger sie seien, umso leichter falle die Integration. Hachmöller ist sich sicher: Flüchtlinge lassen sich am leichtesten auf dem Land integrieren. Es gebe hier keine Gettos und keine Parallelstrukturen, in die sich die Geflüchteten zurückziehen.

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