Zentrale Aufnahmestelle in Habenhausen gelangt an Kapazitätsgrenze / Gewalttaten nehmen zu

Flüchtlingsheim vor dem Kollaps

Tägliche Gewalt, Drohungen gegen das Personal und Essensschlangen bis auf die Straße – die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in Habenhausen schlägt Alarm. Die Heimleitung teilt in einem Schreiben mit, die Lage nicht mehr kontrollieren zu können. Die Sozialbehörde will reagieren – und stellt mehr Unterkünfte in Aussicht.
06.09.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Flüchtlingsheim vor dem Kollaps
Von Alexander Tietz
Flüchtlingsheim vor dem Kollaps

An der Steinsetzer Straße in Habenhausen werden Betreuer immer häufiger von Flüchtlingen bedroht.

Volker Crone

Tägliche Gewalt, Drohungen gegen das Personal und Essensschlangen bis auf die Straße – die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in Habenhausen schlägt Alarm. Die Heimleitung teilt in einem Schreiben mit, die Lage nicht mehr kontrollieren zu können. Die Sozialbehörde will reagieren – und stellt mehr Unterkünfte in Aussicht.

Es ist ein Hilferuf am Rande der Verzweiflung. In einem Schreiben an die Sozialsenatorin teilen die Leiter der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Habenhausen mit, an die Grenzen ihrer Kräfte zu geraten. Die Lage sei „unhaltbar und von uns nicht verantwortlich zu händeln“, heißt es in dem Schreiben.

Nahezu täglich komme es zu Übergriffen auf Polizisten und Wachmänner, berichtet Gisela Böhme, Beistand der Heimleitung und Mitarbeiterin der Arbeiterwohlfahrt. Vor etwa zwei Wochen sei ein Wachmann in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Diagnose: Nasenbeinbruch. Mittlerweile, so Böhme, sei die Anzahl der Wachmänner von eins auf vier aufgestockt worden. Ebenso rücke die Polizei in diesen Tagen nicht mit einem, sondern gleich mit zwei Streifenwagen an – „unabhängig, warum wir anrufen“, so die 69-Jährige.

Zu Übergriffen auf die Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt ist es laut Gisela Böhme jedoch noch nicht gekommen. Dennoch gehe die Angst vor Gewalttaten um, insbesondere vor der Aggression der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Zum Schutz des Personals hätten Polizisten zwei Körper-Schutzschilder im Heim deponiert.

In den vergangenen acht Monaten gab es nach Angaben der Bremer Innenbehörde 28 Hausfriedensbrüche. Laut Rose Gerdts-Schiffler, Pressesprecherin des Innenbehörde, wollen befreundete Personen der Flüchtlinge immer wieder in das Gebäude an der Steinsetzer Straße eindringen. Außerdem seien elf Einbrüche und ein Raub gemeldet worden. Vor allem unbegleitete Jugendliche würden in Erscheinung treten: „Diese Gruppe wurde in kriminellen Verhältnissen sozialisiert und ist schwer zu kontrollieren.“

Gewalt ist aber nicht das einzige Problem. 247 Asylbewerber sind nach Angaben der Heimleitung in dem ehemaligen Bürogebäude in Habenhausen untergebracht. Vorgesehen sind eigentlich 180 Plätze. Im Speisesaal, der 53 Plätze biete, komme es häufig zu Gedränge, sagt Gisela Böhme. „Die Lautstärke und die daraus resultierende Unruhe führen zu regelmäßigem Unmut.“

Eng wird es laut Böhme auch bei der Nachtruhe oder bei der Hygiene. Im Innenhof wurden zusätzliche Duschcontainer eingerichtet. Ein Teil der Bewohner schläft in Gängen auf Matratzen oder im Keller. Gisela Böhme, die eigentlich Rentnerin ist und wegen der kritischen Lage in die Erstaufnahmestelle als Beistand gerufen wurde, sagt: „Wir sind bis oben dicht und bitten die Öffentlichkeit um Hilfe.“

In den vergangenen Monaten geriet die Aufnahmestelle immer wieder in die Kritik. Die Sozialbehörde stufte die Einrichtung als sanierungsbedürftig und zeitweise überbelegt ein. Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) veranlasste deshalb eine Verlegung in die Alfred-Faust-Straße. Ihr Sprecher Bernd Schneider bestätigte gestern die geplante Eröffnung einer Erstaufnahmestelle in der Alfred-Faust-Straße in Kattenesch. „Wir rechnen damit, im Frühling des kommenden Jahres etwa 170 Flüchtlinge dort unterzubringen.“ Das Gebäude an der Steinsetzer Straße solle jedoch für unbestimmte Zeit weiter genutzt werden.

Grundsätzlich, so der Sprecher der Sozialsenatorin, seien die Einrichtungen in Bremen „knüppeldick voll“. Eine Lieferung von Wohncontainern in Walle und Vegesack habe sich verzögert, was die aktuellen Unterbringungsprobleme erkläre. Zudem sei die Zahl der Asylsuchenden in den vergangenen Monaten „dramatisch angestiegen“. Im August wurden laut Sozialbehörde fast 200 Menschen aufgenommen, annähernd doppelt so viele wie im August des Vorjahres.

Nachdem die Pläne für die Unterbringung der Flüchtlinge in Turnhallen zu großen Teilen gescheitert sind, ist die Behörde auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten. Bernd Schneider stellt zumindest in Aussicht, in den kommenden sechs bis sieben Monaten etwa 900 Plätze zur Verfügung zu stellen. In der kommenden Woche sollen bereits 120 Asylbewerber zusätzlich untergebracht werden. Es gebe 50 Plätze in Friedehorst, 20 weitere Plätze in Bremen-Nord und 50 Plätze in einem Hotel,

so Schneider.

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