Zentrale Aufnahmestelle in Bremen-Habenhausen Flüchtlingsheim vor Kollaps

Gewalt, Essensschlangen bis auf die Straße und Drohungen gegen das Personal zwingen die zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge zu einem Hilferuf. In einem Schreiben an die Sozialbehörde heißt es, die Unterkunft gelange an ihre Kapazitätsgrenzen.
05.09.2014, 16:39
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Flüchtlingsheim vor Kollaps
Von Alexander Tietz

Gewalt, Essensschlangen bis auf die Straße und Drohungen gegen das Personal zwingen die zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge (ZAST) zu einem Hilferuf. In einem Schreiben an die Sozialbehörde heißt es, die Unterkunft gelange an ihre Kapazitätsgrenzen. Die Lage sei „unhaltbar und von uns nicht verantwortlich zu händeln“, schreiben die Heimleiter.

Nahezu täglich komme es zu Übergriffen auf Polizisten und Wachmänner, berichtet Gisela Böhme, Beistand der Heimleitung und Mitarbeiterin der Arbeiterwohlfahrt. Vor etwa zwei Wochen sei ein Wachmann in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Diagnose: Nasebeinbruch. Mittlerweile, so Böhme, sei die Anzahl der Wachmänner von eins auf vier aufgestockt worden. Ebenso rücke die Polizei in diesen Tagen vorsorglich mit zwei Streifenwagen an. „Egal, warum wir anrufen“, so Böhme.

Das Personal der Arbeiterwohlfahrt, das sich im Auftrag der Sozialbehörde um die Betreuung der Asylbewerber vor Ort kümmert, sei laut Gisela Böhme noch nicht attackiert worden. Dennoch komme es zu Gewaltdrohungen. Zum Schutz des Personals hätten Polizisten zwei Körper-Schutzschilder in der Aufnahmestelle deponiert, so Böhme.

Der Bremer Innenbehörde sind die Zustände an der Steinsetzer Straße bekannt. Pressesprecherin Rose Gerdts-Schiffler teilt mit, es hätte seit Januar 28 Hausfriedensbrüche durch Personen gegeben, die mit den Bewohnern befreundet sind und sich Zutritt zum Gebäude verschaffen wollten. Ebenso seien elf Einbrüche und ein Raub registriert worden. Vor allem unbegleitete Minderjährige gehören nach Angaben der Innenbehörde zu den Hauptaggressoren. „Ihnen ist kaum beizukommen“, so Gerdts-Schiffler. Ein Strafverfahren sei jedoch bereits eingeleitet worden. „Diese Fälle wollen wir schnell durch ermitteln.“

Derzeit sind 247 Asylbewerber nach Angaben der Heimleitung in der Erstaufnahmestelle untergebracht. Eigentlich ist das ehemalige Bürogebäude jedoch auf 180 Plätze ausgelegt, berichtet Gisela Böhme. Im Speisesaal, der 53 Plätze biete, komme es zu Gedränge. „Die Lautstärke und die daraus resultierende Unruhe führt zu regelmäßigem Unmut“, sagt Böhme. Es seien Duschcontainer eingerichtet worden, ein Teil der Bewohner schläft auf Matratzen im Gang oder in zusätzlich eingerichteten Räumen im Keller. Gisela Böhme sagt: „Wir sind bis oben dicht und bitten die Öffentlichkeit um Hilfe.“

Es ist Hilferuf am Rande der Verzweiflung. Die Sozialbehörde ist für die Unterbringung der Asylbewerber zuständig. Pressesprecher Bernd Schneider räumt ein, die Aufnahmeeinrichtungen seien „knüppeldick voll“. Eine Lieferung von Wohncontainern hätte sich verzögert, was zu aktuellen Engpässen führe. Zudem sei die Zahl der Asylsuchenden in den vergangenen Monaten „dramatisch angestiegen.“

Bernd Schneider stellt jedoch in den kommenden Wochen etwa 120 Plätze zur Unterbringung der Flüchtlinge in Aussicht. In Friedehorst sollen 50 Asylsuchende in Wohnungen unterkommen. Darüber hinaus will die GEWOBA 15 bis 20 Wohnungen in ganz Bremen zur Verfügung stellen. Unbegleitete Jugendliche sollen zudem in einer Einrichtung in Hastedt mit etwa 35 Plätzen vorübergehend wohnen, bis sie in eine Jugendhilfseinrichtung überstellt werden, so Schneider.

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