Bremer mieten Fahrgeschäft Flüchtlingskinder können kostenlos Karussell fahren

Viele Flüchtlingskinder verfolgen täglich den Karussellbetrieb vor der Waterfront. Ohne Geld zum Mitfahren. Heinz Meyer änderte dies am Dienstagvormittag und mietete das Fahrgeschäft gemeinsam mit vielen Unterstützern.
30.12.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Flüchtlingskinder können kostenlos Karussell fahren
Von Frauke Fischer

Viele Flüchtlingskinder verfolgen täglich den Karussellbetrieb vor der Waterfront. Ohne Geld zum Mitfahren. Heinz Meyer änderte dies am Dienstagvormittag und mietete das Fahrgeschäft gemeinsam mit vielen Unterstützern.

Man sieht es den drei Kleinen an: Wahida, Hamoudi und Dilcan sind selig, ihre Augen leuchten. Sie haben sich die Plätze auf drei Motorrädern nebeneinander gesichert. Nun kann es los gehen. Während ihre Eltern am Rande des Karussells ihnen fröhlich zuwinken, drehen die drei mit rund 50 anderen Kindern ihre Runden.

Damit ist eine Idee Wirklichkeit geworden, die den Bremer Heinz Meyer in den vergangenen Tagen nicht mehr losgelassen hat. Er wollte Flüchtlingskindern, die er so oft vor dem Karussell an der Waterfront stehen sah, kostenlose Fahrten ermöglichen. Als der WESER-KURIER darüber berichtete, fanden sich innerhalb von zwei Tagen so viele Unterstützerinnen und Unterstützer, dass Meyer das Karussell vor der Waterfront am Dienstagmorgen für fast zwei Stunden mieten konnte. „Ich bin so glücklich, dass es geklappt hat“, freute sich der 62-Jährige.

Es gibt Geschichten, die gehen richtig gut aus. Und dann macht es Freude, darüber weiter zu berichten. Die Geschichte von Heinz Meyer und Lilo Almstadt, die wir kürzlich in unserer Zeitung veröffentlichten („Wir wollen hier etwas tun“, Montag, 21. Dezember), ist so eine. Darin schildert der Bremer seine Idee, Flüchtlingskindern kostenlose Karussellfahrten in dieser Zeit um Weihnachten zu ermöglichen.

„Ich suche Mitstreiter“, sagte der Mann, der selbst nur eine kleine Rente bezieht. Und er fand sie prompt, nachdem Menschen in unserer Zeitung von der Idee gelesen hatten. Am Dienstagmorgen nutzten rund 70 Kinder die willkommene Gelegenheit, auf kleinen Motorrädern, in Feuerwehrautos und Rennwagen unbeschwert ihre Runden zu drehen. Meyer, der seine Leidenschaft für Kinderkarussells ins Erwachsenenleben hinübergerettet hat, schaute mit seiner Lebensgefährtin Lilo Almstadt, den Eltern der Kinder und vielen anderen zu. Runde um Runde klatschten sie die Kleinen ab, winkten fröhlich und feuerten sie an.

Alles war gut vorbereitet. In den Flüchtlingsunterkünften am Schiffbauerweg und anderswo, die das Paar durch seine ehrenamtliche Arbeit dort kennt, hatte es bekannt gemacht, dass Kinder ab 10.30 Uhr vor der Waterfront in Gröpelingen kostenlos Karussell fahren können. Außerdem besorgte Heinz Meyer Fahrkarten beispielsweise für jene Familien, die in den Großzelten in der Überseestadt leben und noch keine Tickets für Bahn und Bus bekommen haben.

Der 19-jährige Syrer Hamoudi Moustafa aus der Unterkunft am Schiffbauerweg, den die beiden Bremer seit einigen Monaten unter ihre Fittiche genommen haben, übersetzte das Projekt ins Arabische. Er kam am Dienstag wie andere Helfer auch am Karussell vielfach zum Einsatz, dolmetschte und vermittelte Kontakte zwischen den Flüchtlingsfamilien und Ehrenamtlichen, die mitgekommen waren.

Die Eltern des 19-Jährigen leben noch in Syrien. „Wenn es dort Internet gibt, haben wir Kontakt“, sagt der junge Mann, der in Bremen sein Elektrotechnikstudium fortsetzen will, sobald er genügend Deutschkenntnisse dafür hat. Von Montags bis Freitags besucht er nachmittags einen Deutschkursus, um voranzukommen.

Auch der 22-jährige Syrer, der die Kindergruppe aus den Zelten in der Überseestadt zum Karussellfahren begleitet hat, setzt alles daran, sein Deutsch weiter zu verbessern. Seit sieben Monaten ist er in Bremen und möchte unbedingt eine Ausbildung im Restaurantfach machen. „Ich habe ganz viel Kontakte zu Deutschen“, freut er sich über die Gelegenheiten, die Sprache anzuwenden. Neben der Schule hilft er unentgeltlich in der Zeltunterkunft, übernimmt kleine Arbeiten, übersetzt und begleitet andere Flüchtlinge, erzählt er. „Es macht mich glücklich, die Kinder zu sehen, denn meine eigene Familie ist noch in Syrien. Und ich bin ganz allein hierhergekommen.“

Für die Familie Mazgim, die vor neun Monaten aus Syrien nach Deutschland flüchtete, war der Dienstag ebenfalls ein besonderer Tag. Erst wenige Wochen leben sie in einer eigenen Wohnung im Lindenhofviertel. Die drei Kinder, Wahida, 10, Hamoudi, 5, und Dilcan, 4, beginnen langsam, sich in der neuen Umgebung einzuleben. Die Freude beim Karussellfahren war ihnen anzusehen.

Der Plan von Heinz Meyer und Lilo Almstadt ist damit aufgegangen. Die Spenden von Menschen, die seine Idee unterstützen wollten, ermöglichten es ihm, das Karussell einen Vormittag lang zu mieten. „Es kamen sogar Kinder zu mir, die ihr Taschengeld spenden wollten“, erzählte er. Andere Bremer standen mit 20- oder sogar 50-Euro-Scheinen vor der Haustür, weitere meldeten sich telefonisch und sagten Hilfe zu. Lilo Almstadt freute sich über die gute Stimmung am Karussell: „Es ist für uns alle ein toller Tag geworden.“

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