Schulen vor riesiger Herausforderung Flüchtlingskinder treffen auf volle Klassen

Es fehlt in Bremen an Vorkursen, in denen Flüchtlingskinder Deutsch lernen, und die Schulklassen, in die sie später kommen, sind häufig bereits voll: Das kritisieren Lehrer- und Elternvertreter.
01.09.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Flüchtlingskinder treffen auf volle Klassen
Von Sara Sundermann

Es fehlt in Bremen an Vorkursen, in denen Flüchtlingskinder Deutsch lernen, und die Schulklassen, in die sie später kommen, sind häufig bereits voll: Das kritisieren Lehrer- und Elternvertreter. Auch der niedersächsische Philologenverband fordert Dolmetscher, kleine Lerngruppen und mehr Hilfsmittel für den Unterricht. Die Schulen in Deutschland stehen vor großen Herausforderungen.

Eine Klasse voller äußerst unterschiedlicher Kinder: laute Kinder, fitte Kinder, langsame und schnelle Kinder. Kinder, die nur wenig Deutsch können und andere, die nicht gut still sitzen können. Und hinzu kommen immer häufiger Schüler, die die Sprache noch gar nicht verstehen, die oft traumatisiert sind, die vielleicht sogar überhaupt noch nie eine Schule von innen gesehen haben, weil sie allein oder mit ihren Eltern aus einem Land geflüchtet sind, in dem Bürgerkrieg herrscht. Das ist Teil des Alltags an Bremer Schulen. Ein Alltag, der ab Donnerstag wieder beginnt, wenn der Unterricht nach den Sommerferien wieder anläuft.

Zu wenig Vorkurse

Der Zustrom neuer Flüchtlinge reißt nicht ab. In Berlin rechnet man mit 800.000 Menschen, die in diesem Jahr nach Deutschland kommen – und das gilt vielen noch als zurückhaltende Schätzung.

„Es ist insgesamt eine sehr schwierige Situation“, sagt Arno Armgort vom Personalrat Schulen in Bremen. „Es kommt eine ständig wachsende Zahl von geflüchteten Jugendlichen, das ist kaum planbar.“ Einige der Jugendlichen seien Analphabeten und noch nie zur Schule gegangen: „Kinder, die aus Bürgerkriegsgebieten wie Somalia oder dem Kongo kommen, können zum Teil weder lesen noch schreiben.“ In manchen Herkunftsländern seien Schulen auch Angriffsziele, zum Beispiel im Norden Nigerias, wo Boko Haram Anschläge verübt, sagt Armgort: „Dass Kinder nicht lesen oder schreiben können, fällt hier aber meistens erst nach und nach auf, weil im Deutschkurs sowieso das meiste erstmal über mündliche Kommunikation läuft.“

Bevor Flüchtlingskinder und -jugendliche in die regulären Schulklassen kommen, gehen sie normalerweise in einen Vorkurs, um zuerst die Sprache zu lernen, häufig ein Jahr lang. Dabei werden sie oft schon bestimmten regulären Klassen zugeordnet und nehmen mit diesen zum Beispiel am Sportunterricht teil, um in den normalen Schulalltag integriert zu werden.

„Es gibt noch immer zu wenig Vorkurse, der Bedarf ist nicht gedeckt“, sagt Andrea Spude vom Zentralen Elternbeirat in Bremen, „insbesondere für ältere Jugendliche, die in die Berufsschule gehen.“ Die Integration in die Regelklassen sei schwierig, sagt Spude – und nach dem Vorkurs müsse der Deutschunterricht eigentlich weiterlaufen, breche dann aber oft ab. „Das können die Lehrer nicht auch noch leisten“, so Spude.

"Behörde füllt Klassen bis zur Obergrenze"

„Die Vorkurse explodieren, sie platzen aus allen Nähten“, sagt auch Armgort. Doch gerade beim Spracherwerb seien kleine Lerngruppen wichtig: An Grundschulen sollen ihm zufolge maximal zehn, an Oberschulen maximal 15 Schülerinnen und Schüler in einem Vorkurs sitzen. Zwar seien die Vorkurse in Bremen schon stark ausgebaut werden doch es fehle an weiteren Lehrkräften für diese Sprachklassen. „Die Situation ist eine große Herausforderung für die Lehrkräfte, viele Kollegen setzen sich sehr für die Flüchtlingskinder ein und versuchen, die Lage zu bewältigen.“

Angesichts des ohnehin herrschenden Lehrermangels sei die Situation in Bremen besonders schwierig, so Armgort: „Die Bildungsbehörde müsste noch mehr tun, zum Beispiel vorausschauend kleinere Vorkurs-Klassen einrichten, in denen künftig Platz für weitere Flüchtlinge ist, statt wie der Hase dem Igel hinterherzulaufen.“

Auch Petra Lichtenberg von der Bildungsgewerkschaft GEW Bremen fordert kleinere Klassen, um Flüchtlingskinder besser aufnehmen zu können. „Die Behörde füllt die Klassen inzwischen bis zur Obergrenze, die Flüchtlingskinder kommen dann zusätzlich in volle Klassen“, kritisiert sie. Und wenn Vorkurs-Lehrkräfte krank würden, gebe es häufig keine Vertretung: „Die Kinder werden dann oft auf die regulären Klassen verteilt.“

Die Vorkurse seien zuletzt kontinuierlich ausgeweitet worden, heißt es von Seiten der Bildungsbehörde. Sie würden auch weiterhin dort ausgebaut, wo der Bedarf entstehe. An allgemeinbildenden Schulen wurde die Zahl der Vorkurse der Behörde zufolge in den vergangenen zwei Jahren fast verdoppelt, an berufsbildenden Schulen sei sie noch deutlich mehr gewachsen.

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