Papageinschutz-Centrum in Findorff Fluggehege statt Käfig

Früher Gärtnerei, heute ein Fluggehege: In Findorff leben 56 körperlich geschädigte und verhaltensgestörte Papageien. Um die Tiere kümmert sich das Papageienschutz-Centrum.
05.05.2018, 20:14
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Fluggehege statt Käfig
Von Marlo Mintel

Um Happy herum ist es laut. Gekrächze, Gepfeife, Gefiepe geht wild durcheinander. Happy ist für einen Moment still. Schließlich hat er gerade zu tun. Mit seinem Schnabel knabbert der Papagei an einer Rinde. Hans-Hermann Braune beobachtet ihn dabei. "So glücklich ist Happy aber nicht", sagt der Vorsitzende vom Papageienschutz-Centrum in Findorff. Sein Verein kümmert sich seit 14 Jahren um körperlich geschädigte und verhaltensgestörte Vögel. Blaustirn-Amazone Happy ist einer von insgesamt 56 Papageien.

Das Centrum möchte den Tieren eine artenschutzgerechte Haltung bieten. Dafür übernahm der Verein im Juni 2003 eine ehemalige Gärtnerei in der Salzburger Straße 2a. Braune blickt zurück: "Das war hier damals komplett überwuchert mit Brombeeren. Überall standen Birken." Sanitäre Einrichtungen, Wasser, Strom: Fehlanzeige. Der Verein gestaltete die Gärtnerei mühevoll zu einem Fluggehege mit Bäumen und Sträuchern um. In zwei Flughallen leben die Papageien auf einer Fläche von rund 530 Quadratmetern.

Seit 2011 ist das Centrum Happy`s Zuhause. Der Vogel ist in der Obhut des Vereins, weil seine Wirbelsäule verformt ist. Das Tier hat mehrere Risse im Brustluftsack. Seine Haut im Brustbereich muss regelmäßig punktiert und die angesammelte Luft vorsichtig ausmassiert werden. Für den Laien sind seine gesundheitlichen Schäden auf den ersten Blick nicht ersichtlich.

Bei Nelly sieht es dagegen anders aus. Der Kongo-Graupapagei ist ein sogenannter Rupfer. Seine Haut ist nackt, er hat keine Federn mehr. Nelly wuchs bei seinem damaligen Eigentümer per Handzucht auf. Dadurch seien Fehlprägungen entstanden, sagt Braune. Der Papagei konnte nicht die Verhaltensweisen von den Elterntieren lernen. "Bei ihm fehlt anscheinend die Kenntnis über die Gefiederpflege, sodass er sich die Federn selbst rausreißt."

Tiere vom Menschen entwöhnen

Mit dem Fluggehege möchte der Verein die Tiere vom Menschen entwöhnen. "Papageien brauchen Papageien. Der Mensch kann ihre Artgenossen nicht ersetzen. Hier führen wir sie wieder zusammen", sagt Braune. Schließlich sind Papageien Schwarmtiere. In der freien Natur leben sie laut des Vereinsvorsitzenden mit zum Teil über 1000 Tieren zusammen.

"Papageien gehören einfach nicht in Menschenhand", bekräftigt der 64-Jährige. Die Papageienhaltung lehnt der Verein ab. Braune nennt es eine "Gefangenschaft" für die Tiere. Vor allem, wie die Papageien im Privatbesitz in Käfigen gehalten werden, kritisiert er. "Die Tiere müssen viel fliegen", sagt er. Ist das nicht der Fall, verfetten sie, bekommen Probleme mit der Leber und den Nieren, die Flugmuskulatur bildet sich zurück.

Neben den körperlichen Schäden kommen dann noch die seelischen hinzu. "Es gibt auch Papageien, die richtig aggressiv werden können", sagt Braune. Fängt der Vogel dann noch an, Menschenstimmen nachzuahmen, sei es ein schlechtes Zeichen. "Ein solches Verhalten zeigt, dass in seiner Umgebung keine Artgenossen sind. Das heißt: Er ist alleine unter Menschen." Dieser Einsamkeit würde der Papagei jederzeit entfliehen wollen. "Hätte der Papagei eine Möglichkeit, das zu tun, macht er das auch", sagt Braune. "Ganz egal, wie lange er mit dem Menschen zusammengelebt hat."

Keine staatliche Unterstützung

Dass Papageien unter anderem Fluchttiere sind, erfahren die Besucher bei den Publikumstagen, die das Schutz-Centrum jährlich mehrfach anbietet. Die nächste Veranstaltung ist am Sonntag, 27. Mai. Sie beginnt um 14 Uhr und endet um 17 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene drei Euro, für Kinder 0,50 Euro. Die Besucher lernen dann nicht nur die Papageien kennen, sondern auch die übrigen Stationen des Fluggeheges: etwa den Informationsraum oder die Futterstation.

Der Verein finanziert sich ausschließlich durch Spenden, Mitgliedschaften und Patenschaften für einzelne Vögel. Jeder Papagei hat im Internet eine eigene Seite mit Informationen, Fotos und Videos. So können die Paten jederzeit sehen, wie es ihnen geht. Das Schutz-Centrum würde gern mehr Papageien aufnehmen. Aber: "Wir sind an der Grenze", sagt Braune. Der Verein hat einen Aufnahmestopp.

Laut des 64-Jährigen fallen monatlich zwischen 100 und 120 Euro pro Vogel an. Insgesamt belaufen sich die Kosten auf 7500 Euro im Monat – vorwiegend für das Fachpersonal. Neben den vier festangestellten Mitarbeitern engagieren sich ehrenamtliche Helfer. Staatliche Unterstützung erhält der Verein nicht, da die Tiere nicht wieder abgegeben werden. Sie bleiben bis zu ihrem Lebensende in der ehemaligen Gärtnerei.

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