Bremer Günter-Grass-Stiftung Förderer unterstützt Günter-Grass-Stiftung

Weil die Ex-Geschäftsführerin Geld aus der Stiftungskasse genommen haben soll, hat die Günter-Grass-Stiftung Anzeige erstattet. Der Fortbestand der Stiftungsarbeit ist laut Vorstand aber gesichert.
21.06.2018, 19:59
Lesedauer: 4 Min
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Förderer unterstützt Günter-Grass-Stiftung
Von Maren Beneke

Die Günter-Grass-Stiftung hat einen neuen Geschäftsführer: Der langjährige Bürgerschaftssprecher Horst Monsees hat das Amt zu Beginn des Monats übernommen. Das teilte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Klaus Meier, nun mit. „Herr Monsees hat uns in den letzten Monaten schon an einigen Stellen mit Rat und Tat zur Seite gestanden, und er wird uns sicher dabei helfen können, Profil und Wahrnehmung der Stiftung weiter zu verbessern“, sagte Meier.

Derzeit muss sich die in den Räumen der Jacobs University ansässige Stiftung mit einem Untreueskandal auseinandersetzen. Im April hatte der WESER-KURIER berichtet, dass der Vorstand gegen die frühere Geschäftsführerin der Stiftung Strafanzeige gestellt hat. Die Staatsanwaltschaft Bremen ermittelt. Der ehemaligen Geschäftsführerin wird vorgeworfen, sich während ihrer Amtszeit immer wieder aus der Barkasse der Stiftung bedient zu haben.

Gemeinschaftliches Schuldanerkenntnis

Gut drei Jahre hatte die Frau als Geschäftsführerin für die Stiftung gearbeitet, bevor sie Mitte 2017 schließlich durch den Stiftungsvorstand abberufen wurde. Im Anschluss sollen die Frau und ihr Ehemann vor einem Notar ein gemeinschaftliches Schuldanerkenntnis gegenüber der Stiftung über mehr als 23.000 Euro unterzeichnet haben.

Dieser Betrag hatte sich offenbar über mehrere Monate angehäuft. Bis Mitte Oktober soll das Paar Zeit gehabt haben, das Geld an die Stiftung zurück zu überweisen – dort kam es jedoch offenbar bis heute nicht an. „Als im November noch immer kein Geld da war, mussten wir Anzeige stellen“, erklärt Vorstandschef Meier. Auch, weil aus seiner Sicht Wiederholungsgefahr bestehen könnte.

Zwar stehe hinter dem Fall ein Schicksal, aber auch für die Stiftung wäre es beinahe ums Ganze gegangen, sagt Meier. Demnach verfügt die Stiftung, die sich über Zinsen und Spenden finanziert, über ein Vermögen von 830.000 Euro; der jährliche Etat liegt bei 75.000 Euro. Damit macht die mutmaßliche Unterschlagung rund ein Drittel des Jahresetats aus.

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Sorgen um den Fortbestand der Stiftung müsse sich aber niemand machen, so der Vorstandschef weiter. Denn ein Förderer der Stiftung habe nach Bekanntwerden den Schaden ausgeglichen und kümmere sich nun um die Rückzahlung. Was Meier, der auch Chef der WPD-Unternehmensgruppe ist, besonders ärgert: Bis heute habe die Staatsanwaltschaft dem Vorstand und seinen Anwälten die Akteneinsicht verwehrt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft liegen die Akten derzeit bei der Polizei. „Ich gehe davon aus, dass die Geschädigten im Anschluss Einsicht bekommen“, sagt Frank Passade, Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft.

Der WESER-KURIER hatte im April berichtet, dass die mutmaßliche Untreuehandlung bei der Staatsanwaltschaft als Teil einer umfangreichen Akte geführt wird, in der mehrere Vermögensdelikte zusammengefasst sind, die der Frau, die im Übrigen noch bis Ende des Monats auf der Gehaltsliste des Kulturressorts steht, und ihrem Mann zur Last gelegt werden. Ob und wann Anklage erhoben werde, könne er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, sagt Passade. „Das Ermittlungsverfahren läuft.“

"Ein hervorragendes Ergebnis"

Die Günter-Grass-Stiftung sammelt alles, was es an Bild- und Tondokumenten von dem 2015 verstorbenen Schriftsteller gibt. Auf gut 3000 Dokumente kommt die Einrichtung nach eigenen Angaben in ihrem Archiv bereits, 90 Prozent davon seien bereits bearbeitet. Gut 1200 weitere Dokumente vor allem aus dem deutschsprachigen Raum könnten demnach in den kommenden Jahren noch dazukommen.

Dem Vorwurf, die Stiftung sei nicht mehr aktiv, widerspricht der Vorstand. Es stimme zwar, dass der zuletzt 2014 vergebene Albatros-Literaturpreis wegen fehlender Sponsorengelder habe aufgegeben werden müssen. „Aber 2017 hatten wir in der Archivierung von Dokumenten ein hervorragendes Ergebnis“, sagt Meier. Und das sei der eigentliche Stiftungszweck.

Der neue Geschäftsführer, zwei weitere Mitarbeiter sowie eine studentische Hilfskraft haben aber nicht nur die Aufgabe zu archivieren. Sie sollen das Archiv auch für Forschungszwecke und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Nach Angaben der Stiftung werden jährlich bis zu 25 wissenschaftliche Arbeiten durch die Einrichtung begleitet.

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„Auch zuletzt ist die Nachfrage gut gewesen“, sagt Meier. Bislang müssen Wissenschaftler dafür zur Jacobs University kommen. Ziel sei es, dass die Dokumente über ein Online-Portal weltweit abgerufen werden können. Die Kritik, dass die Stiftung zu wenig sichtbar ist, kann Meier allerdings nicht ganz von sich weisen. „Uns fehlt ein Ausstellungsraum“, sagt er.

Die Hörstationen und Beamer-Installationen, die in der Stadtwaage aufgebaut waren, stehen längst nicht mehr. Nach Angaben von Meier sind Gespräche mit der Uni-Bibliothek und der Stadtbibliothek über Ausstellungsflächen für die Grass-Dokumente gescheitert. Die Pressestelle der Universität Bremen bestätigt auf Nachfrage, dass es vor etwa zwei Jahren entsprechende Diskussionen gegeben habe.

Dabei sei es um eine „dauerhafte Bewerbung der Stiftung im Eingangsbereich der Bibliothek“ gegangen. Allerdings: „Leider fehlt es der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen schlichtweg an Platz“, sagt eine Sprecherin. Auch die Direktorin der Stadtbibliothek Bremen, Barbara Lison, bestätigt, dass es eine Anfrage der Grass-Stiftung gegeben habe. Aber auch sie habe eine Absage erteilen müssen.

Argumente für beide Städte

„Die im Haus am Wall angemieteten Räumlichkeiten der Stadtbibliothek sind leider nicht so umfangreich, dass wir hier Materialien unterbringen beziehungsweise sogar dauerhaft dem Publikum präsentieren können, die nicht zu dem Kernauftrag der Stadtbibliothek gehören.“ Die Grass-Stiftung schaut sich nach Angaben des Vorstandschefs daher nun außerhalb Bremens – nämlich in Göttingen und Lübeck – um.

Eine Hürde seien allerdings die technischen Anforderungen, die die Bild- und Tondokumente nun einmal mit sich brächten, sagt Meier. Auch über den Sitz der Stiftung werde innerhalb des Vorstands gesprochen, sagt er. „An erster Stelle sind wir Günter Grass gegenüber verpflichtet“, sagt der Vorstandschef, „und erst an zweiter Stelle Bremen gegenüber.“

Derzeit wird seinen Angaben zufolge ermittelt, ob die Stiftung ihre Arbeit in Lübeck ambitionierter machen könne. Grass hatte seit Mitte der 1980er-Jahre bis zu seinem Tod in der Nähe der Hansestadt gelebt, heute lagert dort im Günter-Grass-Haus ein Großteil seiner literarischen Werke. „Für beide Städte gibt es Argumente“, sagt der Stiftungsvorstandschef. Eine Entscheidung erwarte er bis Ende des Jahres.

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