Regisseur Philipp Koch stellt seinen Film im Cinema Ostertor vor Foltermord in der Jugendvollzugsanstalt

Ostertor. Verstörend. Beklemmend. Brutal. Das ist "Picco". Der Foltermord in der Jugendvollzugsanstalt Siegburg im Jahr 2006 hat Nachwuchs-Filmemacher Philip Koch dazu veranlasst, einen Film zu drehen, der wachrütteln soll. Ein Jahr lang hat Koch recherchiert, in verschiedenen Jugendvollzugsanstalten mit Häftlingen gesprochen. Dann hat er die Geschichte von Kevin geschrieben, dem Neuen im Jugendgefängnis, der sich aus Angst, selbst Opfer zu werden, in einen Mörder verwandelt. Bei der Premiere von "Picco" hat Philip Koch im Cinema Ostertor die Fragen der Besucher beantwortet.
10.02.2011, 05:00
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Von Karin Mahlstedt

Ostertor. Verstörend. Beklemmend. Brutal. Das ist "Picco". Der Foltermord in der Jugendvollzugsanstalt Siegburg im Jahr 2006 hat Nachwuchs-Filmemacher Philip Koch dazu veranlasst, einen Film zu drehen, der wachrütteln soll. Ein Jahr lang hat Koch recherchiert, in verschiedenen Jugendvollzugsanstalten mit Häftlingen gesprochen. Dann hat er die Geschichte von Kevin geschrieben, dem Neuen im Jugendgefängnis, der sich aus Angst, selbst Opfer zu werden, in einen Mörder verwandelt. Bei der Premiere von "Picco" hat Philip Koch im Cinema Ostertor die Fragen der Besucher beantwortet.

Einem Zuschauer kam in dem Film die Beziehung zwischen Häftlingen und Wärtern, Sozialarbeitern und Psychologen zu kurz. Abseits der Kamera würden viele Dinge passieren, die in dem Film nur nicht gezeigt werden, erklärte Koch. "Ich habe mir Mühe gegeben, die Wärter nicht als die sadistischen Schließer darzustellen, die man aus amerikanischen Filmen kennt", erklärte der 28-jährige Regisseur. Er wolle auch nicht mit dem Finger auf sie zeigen und sie für das, was in den Jugendgefängnissen passiert, verantwortlich machen. "Die Gefängnis-Angestellten sind für mich auch nur Opfer des Systems. Sie sind chronisch unterbesetzt. Manche, die früher noch von einem gewissen Idealismus beseelt waren, sind durch Jahre des Kampfes gegen Windmühlen verbittert." Eine 70- bis 80-prozentige Rückfallquote zeige, dass das System Jugendvollzugsanstalt nicht funktionieren könne.

"Was ist der Unterschied zum Gefängnis für Erwachsene?", fragte eine Bremerin. "Jugendliche haben ein ganz anderes Energiepotential", antwortete Koch. Die meisten würden wegen Gewalt- und Drogendelikten im Gefängnis landen. Das Gewaltpotential sei viel höher als in Gefängnissen für Erwachsene, in denen auch ältere Häftlinge für weniger gewaltsame Straftaten einsitzen würden. "Sehr beeindruckend, sehr echt, unheimlich gut gespielt", fand ein anderer Kino-Besucher "Picco". Anders als bei früheren Filmvorführungen hat in Bremen niemand den Regisseur angeschrien. "Was in den Gefängnissen passiert, ist noch viel, viel extremer", sagte Koch. Das hätten Sträflinge ihm gesagt. Einige Leiter von Jugendvollzugsanstalten zeigten "Picco" ihren Mitarbeitern inzwischen schon als Lehrfilm.

"Der Film ist unglaublich aufrührend und wie ich finde, auch sehr wichtig", sagte Kinobetreiber Thomas Settje. Er verglich den "Picco" mit "Die Verrohung des Franz Blum", dem Gefängnisdrama aus dem Jahr 1974 von und mit Burkhard Driest. "Der Film war zu seiner Zeit auch sehr berührend", sagte er. "Und es gab große Diskussionen, wie bei diesem Film auch."

Genau das will Koch erreichen. Denn wenn über den Film gesprochen wird, kann er vielleicht dazu beitragen, dass sich in den deutschen Jugendgefängnissen etwas ändert. "Die Message des Filmes ist, dass das, was in den Jugendvollzugsanstalten passiert, mit uns, mit der Gesellschaft zusammenhängt", sagte Philip Koch. "Es muss Reformen in den Gefängnissen geben. Aber eigentlich muss schon in der Familie angesetzt werden. Es müssen wieder Werte vermittelt werden. Die Vision des Filmes ist, Jugendvollzugsanstalten abzuschaffen. Und zwar, indem sie überflüssig werden."

Sein nächster Film soll ein Thriller werden, eine Mischung aus "Shining" und "The Sixth Sense". Aber auch Filme für Programmkinos will er weiterhin machen. Eine Komödie wird wohl allerdings nicht dabei sein. "Das ist nicht mein Ding", stellte Koch fest.

"Picco" läuft im Cinema Ostertor. Ein weiterer Regisseur war dort zu Gast, um seinen neuen Film vorzustellen: Florian Cossen präsentierte "Das Lied in mir", eine Geschichte, in der es um zwischenmenschliche Folgen der argentinischen Militärdiktatur geht. Mehr darüber in unserer nächsten Ausgabe.

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