"Das ist unter aller Sau"

Forderung nach mehr Kontrollen für Bremer Taxen

In der Nacht von Freitag auf Sonnabend führte die Bremer Polizei Taxi-Kontrollen durch und stellte fest: Es gibt einiges zu bemängeln. Die Interessensgemeinschaft Bremer Taxifahrer plädiert an die Unternehmen.
17.01.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Forderung nach mehr Kontrollen für Bremer Taxen
Von Lisa Boekhoff
Forderung nach mehr Kontrollen für Bremer Taxen

Die Entwicklung der letzten Jahre sei trotz allem positiv zu betrachten, teilt die Polizei mit.

Frank Thomas Koch

In der Nacht von Freitag auf Sonnabend führte die Bremer Polizei Taxi-Kontrollen durch und stellte fest: Es gibt einiges zu bemängeln. Die Interessensgemeinschaft Bremer Taxifahrer plädiert an die Unternehmen.

Taxifahrer Pedram Nejady ärgert sich. Das Wochenende war frostig, die Straßen waren glatt und verschneit. Doch trotzdem sind einige seiner Kollegen mit Sommerreifen in der Stadt unterwegs gewesen. Die Polizei hat in der Nacht von Freitag auf Sonnabend 30 Taxis kontrolliert: Drei der Fahrzeuge hatten demnach keine Winterreifen. Das sind zehn Prozent. Wegen Mängeln an den Fahrzeugen gab es weitere Ordnungswidrigkeiten. 14 Fahrern fehlten Unterlagen, die sie eigentlich bei sich führen müssen.

Nejady hat dafür kein Verständnis. „Papiere kann man ja mal vergessen, aber mit Sommerreifen bei so einem Wetter zu fahren, ist unter aller Sau. Das ist unverantwortlich.“ Schließlich falle das auch auf ihn und seine Kollegen zurück. Zu Unrecht, sagt Nejady, denn etwa 90 Prozent der Fahrzeuge seien in gutem Zustand. Über die Sommerreifen könne er nur den Kopf schütteln. „Dafür gibt es keine Ausreden. Es ist Januar. Wir transportieren keine Pizza, sondern Kinder, Frauen und ältere Menschen.“ Seine drei Mitarbeiter lasse er nicht fahren, wenn es zu glatt sei.

Marco Bark von der Interessengemeinschaft Bremer Taxifahrer ist dagegen über die Ergebnisse der Kontrolle nicht überrascht. Er habe sogar mehr Mängel an den Fahrzeugen erwartet. „Das Problem ist bekannt. 20 Prozent der Bremer Taxen sind überhaupt nicht verkehrstüchtig.“ Ihm sei unerklärlich, wie sie durch den TÜV kämen.

Weniger Mängel als 2014

Taxi-Kontrolle Polizei

Taxifahrer Pedram ­Nejady kann nicht verstehen, dass einige seiner Kollegen in diesen frostigen Tagen noch Sommerreifen aufgezogen hatten.

Foto: Christina Kuhaupt

Die Polizei spricht mit Blick auf die vergangenen Jahre jedoch von einer positiven Entwicklung. Die bei Kontrollen aufgenommenen Vergehen seien seit 2014 zurückgegangen. Damals hatten fast alle überprüften Fahrzeuge noch sehr gravierende Mängel, sagt ein Sprecher der Polizei. Drei betroffene Fahrzeuge, das sei ein insgesamt gutes Ergebnis, das auch auf die Kontrollen zurückgehe. „Der Weg ist richtig.“ Die Polizei halte die Bremer Taxen grundsätzlich für sicher. Marco Bark widerspricht. Die Kontrollen der Beamten seien nicht repräsentativ und oberflächlich. Aus den Ergebnissen könne man nicht auf alle Taxen schließen. „Es muss regelmäßiger überprüft werden. Ein bis zweimal im Jahr 30 von 600 Taxen zu kontrollieren, ist nicht genug.“

Für mehr Kontrolle plädiert auch Fred Buchholz, Vorsitzender des Bremer Taxi-Rufs. "Wir finden das gut. Das Gewerbe begrüßt das.“ Jedoch: Die Polizei habe zwar immer wieder mehr Überprüfungen angekündigt, dabei sei es aber schon oft geblieben. Die Sommerreifen seiner Kollegen, darüber sei er entsetzt. „Ohne Worte." Die anderen Mängel seien weniger gravierend. Er weiß von Kollegen, denen der Schein zum Fahren auf Deichen oder die Genehmigung für Außenwerbung gefehlt habe. Buchholz findet: "Da hält sich die Dramatik in Grenzen." Nein, Taxifahren sei hier nicht gefährlich. Bremen habe unterm Strich sehr gute, neue Taxen. "Wir sind bundesweit auf dem dritten Platz, was den Fuhrpark angeht.“

Taxiunternehmen sparen an vielen Stellen

Bark will das nicht kommentieren, sagt aber, die Studie, die das belege, habe Buchholz selbst in Auftrag gegeben. Er appelliert an den Taxi-Ruf, dem 90 Prozent der Fahrer in Bremen angehörten, mehr auf seine Mitglieder zu achten, um einen gewissen Standard zu halten. Der Sprecher der Interessengemeinschaft sieht die Situation des Gewerbes kritisch: Schwarzarbeit, die schlechte Umsetzung des Mindestlohns und obendrauf veraltete Fahrzeuge – die Unternehmen versuchten, jeden Cent zu sparen. Abgase im Innenraum des Taxis, davon habe er auch schon gehört.

„Die Sicherheit der Fahrgäste und Fahrer ist untergeordnet.“ Fahrer in prekären Beschäftigungsverhältnissen könnten sich nicht wehren. Was Marco Bark in Bezug auf die Kontrollen erzürnt, ist, dass die Taxi-Zentrale an ihre Fahrer Warnungen verschicke, wenn die Polizei im Einsatz sei. So auch diesmal. Er sei in der Nacht selbst unterwegs gewesen und habe den Hinweis bekommen, die Polizei kontrolliere am Bahnhof und auf der Bürgerweide beim Sechstagerennen. Er hält das für falsch: „Das hat eine andere Dimension als die Warnung vor einem Blitzer.“ Taxen hätten den Platz danach gemieden. Dort, wo sonst wegen der großen Veranstaltung gewöhnlich 150 bis 200 Taxen auf Fahrgäste warteten, seien es maximal 20 gewesen.

Fahrer werden bei Vergehen wie gewöhnliche Autofahrer behandelt

Taxi-Kontrolle Polizei

Taxifahrer Koffi Doglo

Foto: Christina Kuhaupt

Davon berichtet ein weiterer Taxifahrer, der seinen Namen nicht nennen möchte. Es spreche sich schnell herum, wenn die Polizei kontrolliere. „Dann fahren die Taxen woanders hin und verlieren keine halbe Stunde.“ Der jetzige Zeitpunkt sei auch nicht neu: Während des Sechstagerennens habe es schon öfter solche Aktionen gegeben. „Absprachen über die sozialen Netzwerke oder über Funk sind vorstellbar“, sagt der Sprecher der Polizei. Auch er bezeichnet die Kontrollen als situativ. Jedoch überprüften seine Kollegen regelmäßig und unterschiedlich intensiv – auch in Zukunft.

Taxiunternehmer Nejady sieht das Problem noch woanders. Selbst wenn jemand erwischt werde, die Fahrer hätten nicht mehr zu befürchten als andere Autofahrer: ein Strafgeld ab 60 Euro und einen Punkt in Flensburg. Eine spezielle Abmahnung gebe es nicht. Ein Sprecher des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbands bestätigt, dass wegen eines Verstoßes zunächst keine Konsequenzen drohen. „Das passiert erst, wenn das Unternehmen öfter auffällt.“ Dafür muss es nach Bark mehr Kontrollen geben: „Von selbst reinigt sich das Gewerbe leider nicht.“

Taxifahrer Koffi Doglo wünscht sich deshalb ebenfalls mehr Kontrollen: um etwas gegen schwarze Schafe unter seinen Kollegen zu unternehmen. Die meisten Taxen seien aber in Ordnung. Doglo zeigt auf sein Auto: „Das ist doch unser Geschäft.“

Auch die Kollegen von nordbuzz haben auf den Beifahrersitzen der Bremer Taxis Platz genommen und skurrile Stories gesammelt: Storys aus Bremer Taxis

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