Verletzte beim Nordderby

Forscher soll Situation im Stadion analysieren

Bremen. Angesichts der Verletzten, die beim Nordderby zu beklagen waren, wird jetzt der Panikforscher Michael Schreckenberger eingeschaltet. Er soll die Situation im Stadion sowie das Sicherheitskonzept der Polizei prüfen und Verbesserungsvorschläge machen.
28.09.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Elke Gundel und Alexander Klay
Forscher soll Situation im Stadion analysieren

Auf dieser schmalen Treppe stürzten am Sonnabend HSV-Fans und Polizisten.

Jochen Stoss

Bremen. Angesichts der Verletzten, die nach dem Nordderby am Sonnabend zu beklagen waren, wird jetzt der renommierte Panikforscher der Universität Duisburg-Essen, Michael Schreckenberger, eingeschaltet. Er soll die Situation in der Westtribüne des Weserstadions sowie das Sicherheitskonzept der Bremer Polizei analysieren und Verbesserungsvorschläge machen. Darauf haben sich gestern Innensenator Ulrich Mäurer (SPD), Werder-Geschäftsführung und die Bremer Polizeiführung geeinigt.

Schreckenberger soll mit seiner Arbeit noch in dieser Woche beginnen und seine Empfehlungen bis zum nächsten Risikospiel, der Champions League-Begegnung Werder gegen Enschede am 2. November, vorlegen, sagte Mäurer. Eine Situation wie die während der Blocksperre nach dem Spiel Werder gegen HSV dürfe sich nicht wiederholen. Daran sei nicht nur ihm, sondern auch Werder und der Polizei gelegen.

Zahl der Verletzten unklar

Wie berichtet, hatten 15 bis 20 HSV-Fans etwa 25 Minuten nach dem Abpfiff eine Polizeisperre vor einer Treppe der Westtribüne, also im Bereich des Gästeblocks, durchbrochen. Mehrere Polizisten wurden mitgerissen, Einsatzkräfte und Fans stolperten beziehungsweise fielen die Treppe hinunter. Ein 44-jähriger HSV-Anhänger aus Neumünster wurde lebensgefährlich verletzt und musste wiederbelebt werden. Er liegt im künstlichen Koma, sein Zustand gilt als kritisch. Ein zweiter Schwerverletzter,ein 43-jähriger Hamburger, konnte die Klinik am Sonntag wieder verlassen. Zu den Leichtverletzten gehörten auch 17 Polizisten. Über die Zahl der verletzten HSV-Fans gibt es keine zuverlässigen Angaben. Beobachter gehen von einer hohen Dunkelziffer aus: Viele Betroffene hätten sich am Sonnabend nicht behandeln lassen, sondern nur noch schnell heimfahren wollen.

Unterdessen bestätigte Polizeisprecher Henning Zanetti auf Nachfrage, dass die Blocksperre im Gästeblock nicht erst kurz vor Abpfiff des Spiels um 20.21 Uhr, sondern deutlich früher aufgebaut worden ist. Nach Informationen des WESER-KURIER sollen die drei Treppen, die von der Erschließungsebene am Gästeblock nach unten führen, etwa ab der 70. Spielminute abgeriegelt worden sein. Dadurch, so die Kritik, sei es für HSV-Fans unmöglich gewesen, das Stadion früher zu verlassen.

Hintergrund: Fans aus Schleswig-Holstein standen unter Zeitdruck, weil sie ihren letzten Anschluss-Zug in Hamburg erreichen wollten. Dieser Zeitdruck war laut Polizei der Auslöser dafür, dass ein Teil der HSV-Anhänger unruhig wurde und die Sperre vor der Treppe durchbrach. Nach Informationen unserer Zeitung haben die Beamten jedoch auch am Sonnabend einzelne HSV-Fans vorzeitig durchgelassen, wenn diese ein entsprechendes Bahnticket vorzeigten.

Unabhängig davon bleibt die Kritik, dass die rund 3700 HSV-Fans etwa eine Stunde im Stadion festgehalten worden seien. Im Vorfeld hatten die Einsatzkräfte eine 20-minütige Blocksperre nach dem Spiel angekündigt; nach Polizeiangaben wurden die Sperren aus Sicherheitsgründen tatsächlich 27 Minuten nach dem Abpfiff aufgelöst, also sieben Minuten später als geplant.

Unter den HSV-Fans sorgen die Ereignisse im Stadion dem Vernehmen nach für Frust und Wut. Nach Informationen unserer Zeitung soll es Ende der Woche ein Treffen der Fan-Beauftragten beider Clubs mit Werder und der Polizei geben. Die Stimmung ist auch deshalb im Keller, weil es in der Vergangenheit immer wieder Probleme bei Nordderbys in Bremen gegeben hat. Nach dem Match am 8. Mai dieses Jahres beschwerten sich HSV-Führung, Leitung des HSV Supporters Club, der Fanbeauftragte des Vereins und der Leiter des HSV-Fanprojekts in einem offenen Brief bei der Bremer Polizei. Daraufhin gab es ein offizielles Entschuldigungsschreiben, bestätigte Henning Zanetti.

Neben den kritischen gibt es allerdings auch versöhnliche Stimmen in den Fan-Foren auf den Internetseiten beider Clubs. Auf der HSV-Seite gibt es sogar Lob für die Polizeiarbeit vor dem Spiel. Sowohl Werder als auch der HSV sprachen den Verletzten gestern in einer Erklärung auf ihren Internetseiten ihr Mitgefühl aus und wünschten gute Besserung.

Bevor der Vorfall im Gästeblock des Weserstadions genau analysiert wird, stehe die Genesung der Verletzten im Vordergrund, bekräftigte Klaus Filbry, Werder-Marketingchef, am späten Montagnachmittag. Anschließend wolle der Verein gemeinsam mit Polizei und Ordnungskräften nach dem Grund für die tragischen Ereignisse suchen.

Gleichzeitig betonte Filbry, dass eine Verlegung des Gästeblocks derzeit nicht zur Diskussion stehe. 'Alle haben das Konzept mitgetragen', entgegnete er Kritikern. Das unterstrich auch Thorsten Nagel, Geschäftsführer der Procon-Ingenieursgesellschaft. 'Die Treppen sind so gestaltet, dass man die Menschen sicher aus diesem Bereich führen kann', erklärte er. Die drei Abgänge vom Gästerang seien keinesfalls zu schmal gebaut worden. Die rund 3700 HSV-Anhänger hätten das Stadion problemlos verlassen können - zumindest laut theoretischen Berechnungen, auf die sich Nagel am Montag stützte.

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