Analyse von Facebook und Instagram-Beiträgen Bremen beteiligt sich an Forschungsprojekt zur Clankriminalität

Einblicke zur Selbsteinschätzung von Mitgliedern arabischer Großfamilien erhofft sich ein Forschungsprojekt der TU Berlin. Nicht von ungefähr ist auch Bremen an dieser Studie beteiligt.
11.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremen beteiligt sich an Forschungsprojekt zur Clankriminalität
Von Ralf Michel

Den Machenschaften krimineller Clans soll jetzt auch mit wissenschaftlichen Methoden zu Leibe gerückt werden. Das Landeskriminalamt (LKA) beteiligt sich an einem Forschungsprojekt der Technischen Universität (TU) Berlin. Über die Auswertung von Facebook- und Instagram-Beiträgen soll analysiert werden, wie Mitglieder arabischer Großfamilien sich selbst und den deutschen Staat sehen.

Seit Jahren sorgen kriminellen Aktivitäten arabischer Großfamilien bundesweit für Schlagzeilen. Der Begriff „Clankriminalität“ ist in der sicherheitspolitischen Debatte ebenso zur festen Größe geworden wie in der medialen Berichterstattung. Wie aber sehen Angehörige dieser Familien sich selbst, wie tragen sie mit eigenen Beiträgen in sozialen Medien zu ihrer Außenwahrnehmung bei? Hier setzt ein Forschungsprojekt der TU Berlin an. Titel der Studie: „Vernetzte Prävention und Bekämpfung von Kriminalität im Kontext großfamiliärer Strukturen.“

Untersuchung von Beiträgen in sozialen Netzwerken

Zentraler Forschungsinhalt ist die „Betrachtung der öffentlichkeitswirksamen Selbstpräsentation von Angehörigen arabischer Großfamilien sowie deren Verknüpfungen zu medialen und sicherheitspolitischen Diskursen“. Ansatzpunkt hierfür ist die Untersuchung von Beiträgen in den beiden sozialen Netzwerken Facebook und Insta­gram. Hier sollen Lebensstile und Wahrnehmungsmuster von Angehörigen der Großfamilien identifiziert und analysiert werden, aber auch deren Einstellung gegenüber den staatlichen Institutionen. Die Forscher setzen darauf, dass in sozialen Netzwerken sehr viel schneller persönliche Ansichten und Meinungen preisgegeben werden als im realen Leben. „Personen, die in sozialen Netzwerken aktiv sind, geben automatisch auch Informationen über das jeweilige digitale soziale Umfeld preis“, heißt es seitens der Innenbehörde.

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Aus der digitalen Interaktion mit anderen ergäben sich daher Hinweise auf Milieu übergreifende Verbindungen, die zwar im polizeilichen Kontext vermutet würden, bisher jedoch keine empirische Bestätigung erfahren hätten. Die Polizei hoffe, durch das Projekt fundierte Erkenntnisse über das Milieu der Großfamilien zu generieren, um so Rückschlüsse auf Einstellungen zu delinquenten Verhaltensweisen und staatlichen Institutionen ziehen zu können, sagt Jürgen Osmers, Leiter der Kripo Bremen. „Hierdurch könnten Handlungskonzepte optimiert und die behördenübergreifende Zusammenarbeit weiter intensiviert werden.“

Der Hinweis Osmers’ auf die behördenübergreifende Zusammenarbeit kommt nicht von ungefähr. Der repressive wie auch der präventive Umgang mit Clankriminalität beschränkt sich längst nicht mehr auf Maßnahmen von Polizei und Justiz. Auch Behörden wie Ordnungsämter, Jugendämter, Gewerbeaufsicht, Zoll oder Schulen sind hier mit eingebunden.

Studien in Bremen, Berlin und Essen

Auch hiermit beschäftigt sich das Projekt. Untersucht werden Strukturen und Rahmenbedingungen der ressortübergreifenden Zusammenarbeit. Auf der Grundlage einer Analyse bisheriger Maßnahmen und Netzwerke sollen in drei Fallstudien Ansatzpunkte für eine bessere Kooperation identifiziert werden. Eine dieser Studien wird in Bremen durchgeführt, die beiden anderen in Berlin und Essen, die wie Bremen als Hochburgen von Clankriminalität gelten.

Als Projektpartner stehen dem LKA Fördermittel aus einem Topf des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu, mit denen drei Jahre lang ein Mitarbeiter mit voraussichtlich 28 Wochenstunden finanziert werden kann. Insgesamt geht es dabei um rund 230 000 Euro. Das Bundesministerium hat die Gelder für den Zeitraum 1. September 2020 bis 31. August 2023 bereits bewilligt. Derzeit ist laut Innenbehörde allerdings noch nicht klar, wann in Bremen jemand für diese Aufgabe eingestellt wird.

Zugleich mit der Zustimmung zu diesen Plänen hat der Senat am Dienstag auch den aktuellen Bericht zum „ressortübergreifenden Konzept zur nachhaltigen Bekämpfung der Clankriminalität“ vorgelegt. Zur Entwicklung dieses Konzeptes war der Senat Anfang 2019 in einem Antrag der Fraktionen von SPD, CDU, Grünen und FDP beauftragt worden.

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Gefordert wurde dafür unter anderem die bessere Zusammenarbeit mit anderen Bundesländern. Der Senat verweist hierzu nun auf die Einrichtung der „Bund-Länder-Initiative zur Bekämpfung der Clankriminalität“(BLICK) im Sommer 2019. Die teilnehmenden Länder Berlin, Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sowie das Bundeskriminalamt, die Bundespolizei und das Zollkriminalamt hätten eine arbeitsteilige Vorgehensweise vereinbart und Voraussetzungen für eine deutliche Intensivierung der Zusammenarbeit geschaffen.

Im Rahmen von BLICK werde aktuell auch – unter Federführung des LKA Niedersachsen – an der Entwicklung eines Präventionskonzeptes gearbeitet, das als wesentliche Komponente auch ein Aussteigerprogramm enthält. Dies kommt einem weiteren Punkt im Antrag der vier Fraktionen nach, die Präventionsprogramme sowie Konzepte zur Verbesserung der sozialen Integration und Teilhabe von Angehörigen ethnisch abgeschotteter Clans gefordert hatten.

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