Wirte im Lockdown Warum eine Künstlerin Gastronomen porträtiert

Die Münchner Fotografin Helena Heilig porträtiert Gastronomen in ihren geschlossenen Lokalen. Am Mittwoch war sie auch in Bremen zu Gast und hat vier Wirte besucht.
10.03.2021, 20:34
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Matthias Holthaus

Normalerweise arbeitet die Fotografin Helena Heilig von München aus. Doch was ist dieser Tage schon normal? So ist aus einem Miniprojekt, wie Heilig sagt, „eine große Geschichte“ geworden, die sie am Mittwoch auch nach Bremen geführt hat. Am frühen Nachmittag arbeitet sie in der Küche 13 im Viertel – eines von gut 175 Lokalen, die sie nach eigenen Angaben mittlerweile besucht und deren Betreiber sie abgelichtet hat.

„Wirte im Lockdown“ heißt das Kunstprojekt, das Heilig mit ihrer Assistentin Martina Vogt in die Hansestadt gebracht hat. Tags zuvor waren die beiden Frauen in Hannover, an diesem Donnerstag werden sie in Hamburg sein. Und immer sind es die derzeit unterbeschäftigten Gastronomen, die sie in schwarz-weißer Optik im leeren Lokal in Szene setzen. Nun steht Heilig in der Küche 13 und rückt den Wirt und Koch Jan-Philipp Iwersen ins rechte Licht. „Mir persönlich geht es gut“, sagt er vor dem Shooting, „doch die Situation ist nervig, es gibt keine Perspektive, wie es weitergehen kann.“ Und er vermisse es schon, sagt er, „hier zu sein, zu kochen, mit den Gästen zu schnacken und ein Gläschen zu trinken.“

Lesen Sie auch

Vor kurzem hat er die Mensa der Hochschule für Künste übernommen und 2020 zwei Koch-Auszubildende eingestellt – die Azubis arbeiten seinen Angaben zufolge derzeit in der Mensa, ebenso weitere Lehrlinge aus befreundeten Läden. Das laufe zumindest, doch er stelle auch fest, dass es ohne die Überbrückungshilfen nicht gehe.

Acht Festangestellte und Aushilfen beschäftigt Iwersen, wie er erzählt. „Wer in der Gastronomie arbeitet, verlässt sich auch auf das Trinkgeld“ – und das fehle jetzt. Iwersen will seine Aushilfen weiter bezahlen, "so lange ich es noch kann." Er trage einen Teil des Kurzarbeitergeldes, die Überbrückungshilfen unterstützten die laufenden Kosten. „Wären die Hilfen im November und Dezember nicht gekommen, hätten wir und andere Betriebe bereits dichtmachen müssen", sagt er. Es müsse also eine Perspektive geben, wiederholt er die zuletzt vielfach von Gastronomen und Verbänden an die Politik gerichtete Forderung. Doch auf das vielfach beschworene Konzept der Außengastronomie setzt er seine Hoffnungen eher nicht: „Wir kennen doch den Bremer Sommer, wie soll man so etwas planen?“

Lesen Sie auch

Der Plan, mit Heilig ein kleines Fotoshooting zu veranstalten, hat ihm sein Weinhändler näher gebracht: „Ich habe mir die Bilder angeschaut und fand sie gut. Und auch, dass sich Helena Heilig eigens von München hierher aufmacht. Und ich finde auch gut, dass das für die Nachwelt festgehalten wird.“

Die Fotografin hat inzwischen die Technik aufgebaut und lässt Iwersen posieren. Eine dreiviertel bis eine Stunde nimmt sie sich Zeit. Danach ziehen Heilig und Vogt ins Canova, ins Engel Weincafé und abschließend in die Feuerwache weiter. „Ich höre die Gastronomen ganz oft sagen, dass sie sich von so einer Pandemie nicht ihre Leidenschaft nehmen lassen“, sagt Heilig. Von 171 Porträtierten habe nur einer gesagt, dass er sich einen anderen Job sucht. "Irgendwie ist das auch positiv, dass nicht gleich alle das Handtuch werfen.“ Teilweise werde auch wertgeschätzt, dass man sich auf die Hilfen verlassen könne und dass man unterstützt werde. Einige Wirte aber seien auch sauer darüber gewesen, dass sie nun unverschuldet Schulden machen müssten.

Lesen Sie auch

Das ganze Projekt sei nicht geplant gewesen und auch nicht, dass es inzwischen so groß geworden ist. Im ersten Lockdown fotografierte sie 26 Gastronomen in ihren verwaisten Gaststuben, die Journalistin Susanne Fiedler interviewte die Wirte und schrieb die begleitenden Texte dazu. Daraus sollte eine Ausstellung entstehen, doch der zweite Lockdown verhinderte die Eröffnung. „Ich habe dann Anfragen von anderen Gastronomen erhalten, die Gastronomie fühlt sich dadurch unterstützt.“ Ein Kunstprojekt sei es, ein zeitgeschichtliches Dokument: „Ich möchte den Moment festhalten.“

Info

Zur Sache

Die Fotografin hinter dem Projekt

Die 1977 geborene Helena Heilig arbeitet nach einem Fotografiestudium in England seit 2002 als freie Fotografin in München. Mit Businessporträts sowie Produkt- und Veranstaltungsfotos hat sie sich ein Standbein geschaffen, seit 2010 nutzt sie Fotografie als Kunstmedium: „Etwas nur für mich, die digitale Fotografie war mir zu schnell“, sagt sie, „ich wollte etwas ganz Langsames machen.“ Mit der Camera Obscura, einer Lochkamera, hat sie anschließend beeindruckende Bilder geschaffen, die im März 2018 im Rahmen einer Ausstellung in München zu sehen waren. Nachdem die für November 2020 geplante Ausstellung „Wirte im Lockdown“ mit Aufnahmen aus dem ersten Lockdown und Texten von Susanne Fiedler pandemiebedingt verschoben werden musste, ist der Termin für eine Eröffnung derzeit noch offen. Dieser erste Teil der Ausstellung ist bereits gesponsert, für den zweiten Teil sind die Ausstellungsmacher derzeit noch auf Sponsorensuche und freuen sich über Unterstützung. Weitere Informationen zum Ausstellungsprojekt sind unter wirte-im-lockdown.de erhältlich, unter www.helenaheilig.de ist mehr über die Fotografin und ihre Arbeit zu erfahren.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+