Bundespräsident zu Besuch Frank-Walter Steinmeiers Antrittsbesuch in Bremen - Tag 1

Seit Wochen wird in Bremen der Antrittsbesuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vorbereitet. Seinen Besuch wollte das Staatsoberhaupt vor allem nutzen, um das Gespräch mit Jugendlichen zu suchen.
27.02.2018, 22:38
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Frank-Walter Steinmeiers Antrittsbesuch in Bremen - Tag 1
Von Sara Sundermann

Ein Staatsoberhaupt kommt nicht alle Tage zu Besuch. Seit Wochen wird in Bremen der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vorbereitet. "Ein Antrittsbesuch wäre eigentlich nicht nötig gewesen", sagt Steinmeier selbst, als sich der erste seiner zwei Tage im kleinsten Bundesland dem Ende zuneigt. Schließlich sei er schon oft in Bremen gewesen: als Jura-Student, als Chef der niedersächsischen Staatskanzlei und zuletzt als Außenminister. Seinen Besuch wollte er nun vor allem nutzen, um nicht nur Politiker und Amtsträger zu treffen, sondern das Gespräch mit Jugendlichen und Ehrenamtlichen zu suchen.

Putzen für den Präsidenten

Kurz bevor Steinmeier eintrifft, wird in Bremen noch einmal letzte Hand angelegt: Im Rathaus wird das silberne Schreibset, in dem früher Tinte und Schreibfeder ruhten und heute ein silberner Kugelschreiber aufbewahrt wird, frisch poliert – für den Eintrag ins Goldene Buch. In der Bürgerschaft schrubbt man die letzten Flecken im hellen Teppich, und den wohl speziellsten Job des Vormittags erledigt unverdrossen ein Mitarbeiter vor dem Parlament: Er fegt den sorgsam in Folie eingepackten Roten Teppich und befreit ihn vom frisch gefallenen Schnee.

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Um 10.15 Uhr werden Steinmeier, seine Ehefrau Elke Büdenbender und ihre Begleiter im Rathaus erwartet. Ein großer Teil des Rathaus-Teams ist damit befasst, seinen Besuch zu begleiten, rund zwanzig Journalisten warten in der Wandelhalle. Der Tag ist durchgetaktet. "Zeit ist heilig", steht auf der großen Wanduhr in der Halle. Und im kleinen Stadtstaat, wo Politiker selten gezielt Abstand zu Bürgern und Journalisten herstellen, gibt es plötzlich überall Absperrungen auf den Wegen, über die der Bundespräsident schreiten soll. Das ist Teil der Sicherheitsvorkehrungen, ebenso wie der Polizeihund, der am im Rathauseingang eifrig die Taschen der Journalisten nach Sprengstoff abschnüffelt.

Smalltalk übers Rodeln

Und dann fahren die schwarzen Staatskarossen vor und drehen eine Runde auf dem Domshof. Eigentlich sollten Motorräder voranfahren, doch dafür ist es zu glatt. Aus dem BMW mit Standarte und dem Kennzeichen "0-1" steigt Steinmeier aus. Er und seine Frau werden von Bürgermeister Carsten Sieling in Empfang genommen. Steinmeier und Sieling kennen und duzen sich – es folgt der erste Smalltalk über den Schnee: „Das sah von oben ganz besonders schön aus“, sagt Steinmeier, der im Flugzeug angereist ist.

Der Präsident und seine Frau begrüßen die Senatsmitglieder und tragen sich im Rathaus in das Goldene Buch ein. Erste Fragen werden geklärt: „Kann man denn hier auch rodeln?“, erkundigt sich Steinmeier, und wird von Sieling aufgeklärt, dass die Abfahrt fürs Schlittenfahren in Bremen naturgemäß kurz ist: Einmal den Deich hinunter, dann ist Schluss.

Dann schließen sich die Türen des Senatssaals. Später berichtet Steinmeier, worum sich das Gespräch drehte: Man habe über die Integration von Flüchtlingen und über die soziale Lage gesprochen, aber auch über die "erfreulichen jüngsten Daten" zur Wirtschaft in Bremen.

Nächste Station ist die Bürgerschaft, wo der Bundespräsident nicht nur mit dem Präsidenten des Bremer Parlaments spricht, sondern vor allem mit Jugendlichen. Ihnen gehört an diesem Tag der Plenarsaal. 83 Jugendliche haben auf den Sitzen der Parlamentarier Platz genommen. Einige von ihnen haben ihre Wünsche an die Politik in Form künstlerischer Projekte dargestellt, andere haben in Bands bei der Nacht der Jugend im Rathaus gespielt, sind für fünf Tage in die Haut eines Abgeordneten geschlüpft oder setzen sich in Jugendbeiräten für Projekte in ihrem Stadtteil ein. Klar ist dennoch: Auch wenn hier 83 Jugendliche sitzen, die sich für Politik engagieren, sind sie in ihren Schulklassen die Ausnahme, die Exoten. Im Gespräch mit dem Bundespräsidenten geht es daher auch darum, was es braucht, damit Jugendliche sich politisch engagieren.

Aufruf zum Einmischen

Mehr Politikunterricht wünschen sich die einen – über ein Dutzend der Mädchen und Jungen hebt die Hand auf die Frage, wer keinen Politikunterricht habe. Klare Ansprechpartner an den Schulen, die sie unterstützen, wenn sie ein eigenes Projekt auf die Beine stellen wollen, wünscht sich ein anderer. Ein Dritter stellt klar: Mehr Politikunterricht mit Klausuren würde nicht für eine politischere Jugend sorgen, glaubt er: "Man muss selbst die Erfahrung machen, dass man mitentscheiden kann." Der Junge spitzt seine Meinung zu und sagt: "Im Grunde ist jede Klasse eine kleine Diktatur, wie ein kleiner Staat." Nur wer aufgefordert werde, in der Schule mitzuentscheiden, bekomme Lust, sich zu beteiligen.

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Der Bundespräsident ermuntert die Jugendlichen, sich weiter politisch zu engagieren: "Viele haben den Verdacht, man könne ohnehin nichts bewegen. Aber ob das so ist oder nicht, kann man erst herausfinden, wenn man es probiert hat." Er betont: "Es lohnt sich, sich einzumischen."

Einige Jugendliche sagen nachher, es habe sie gefreut, den Präsidenten zu treffen. "Es war aber auch sehr gut zu sehen, dass man nicht die Einzige ist, die sich politisch engagiert", sagt Zahra-Melissa Aggün vom Jugendbeirat Findorff. Dass es oft nur wenige Jugendliche gibt, die sich politisch engagieren wollen, wird auch in Findorff deutlich: Zwölf Kandidaten für den künftigen Jugendbeirat wurden benötigt, nur fünf Jugendliche wollten antreten, erzählt Zahra-Melissa. Sie hört nun als Beiratsmitglied auf – einen neuen Jugendbeirat gibt es vorerst nicht.

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Nach einer kurzen Mittagspause kommt der Bundespräsident zu einem Gespräch mit Journalisten in die Redaktion des WESER-KURIER. Danach steht ein Besuch der Handelskammer auf dem Programm. Steinmeier wird in die Besonderheiten des historischen Wappenbuches der Bremer Kaufleute eingeweiht: Darin sind seit dem Jahr 1400 bis heute die Mitglieder des Handelskammer-Plenums mit ihrem Wappen verewigt.

Im Zentrum des Besuchs im Schütting steht aber vor allem die berufliche Ausbildung. Dazu haben Spitzenvertreter der Handelskammer auch ehrenamtliche Ausbilder und junge Auszubildende aus Bremen mit an den Tisch geholt. "Wir müssen uns gemeinsam engagieren, um Qualität und Attraktivität der beruflichen Bildung weiter zu steigern", fordert Handelskammer-Präses Harald Emigholz. Spürbar sei für viele Unternehmen, dass immer mehr Jugendliche studieren und die Firmen immer weniger geeignete Bewerbungen für Ausbildungsplätze erhielten.

Wertschätzung für die Ausbildung

"Ich war acht Jahre lang im Ausland unterwegs und habe für die duale Ausbildung geworben, ich habe fast überall brennendes Interesse gespürt", sagt Steinmeier nach dem Gespräch. In Deutschland dagegen gebe es nicht soviel Anerkennung für das Modell. "Wir müssen heute etwas dafür tun, dass die Wertschätzung für die berufliche Ausbildung wiederhergestellt wird, auch in den Elternhäusern."

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Zum Abschluss des Tags in Bremen gibt es zu Ehren des Bundespräsidenten einen Bürgerempfang im Rathaus. Eingeladen sind Vertreter aus Politik, Kultur und Wirtschaft ebenso wie viele Ehrenamtliche. Dabei bekommen Steinmeier und seine Frau zunächst Lieder zu Bremens Geschichte zu hören: Imke Burma und die Musikerfamilie Jehn tragen Stücke vor, die sie zum 70-jährigen Jubiläum des Landes Bremen im vergangenen Jahr mit vielen Kindern und Erwachsenen gesungen haben. Damals fand das Singfest "Bremen so frei" statt, bei dem mehr als 5000 Menschen zusammen kamen.

Fundament für ein freies Bremen

Für die weitere Eigenständigkeit des kleinsten Bundeslandes gebe es nun ein besseres Fundament, sagt Bürgermeister Carsten Sieling beim Bürgerempfang. Er betont, dass es mit der Neuordnung der Bund-Länder-Finanzen eine Grundlage für solides Handeln gebe. "Wir stehen an einer Schwelle, die Bremen viele Möglichkeiten bietet.“

Zum Abschluss würdigt Steinmeier besonders das ehrenamtliche Engagement. Beim Bürgerempfang kommen er und seine Frau mit engagierten Bremerinnen und Bremern ins Gespräch. Ehrenamtliche seien "unheimlich wertvoll für unsere Gesellschaft", so Steinmeier. "Ohne sie wäre unsere Gesellschaft nicht dieselbe."

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