Diese & Jene: Der Glaube an bessere Bremer Schulen Franz Jentschke: Der Unermüdliche

Er ist ein Getriebener in Bildungsfragen, erst hauptberuflich, inzwischen ehrenamtlich: Franz Jentschke war Direktor einer Bremer Vorzeigeschule, die überregional auf sich aufmerksam gemacht hat.
09.10.2016, 00:00
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Franz Jentschke: Der Unermüdliche
Von Silke Hellwig

Er ist ein Getriebener in Bildungsfragen, erst hauptberuflich, inzwischen ehrenamtlich: Franz Jentschke war Direktor einer Bremer Vorzeigeschule, die überregional auf sich aufmerksam gemacht hat.

Er vermisse die Schule, sagt der Pädagoge. Obgleich ihm sein Vorruhestand ermögliche, sich da zu engagieren, wo er sich zuvor nicht engagieren konnte, „vermisse ich das morgendliche ,Hallo Herr Jentschke' von Schülern und Kollegen. Das war wunderbar.“ Wenn der Bremer beginnt, über seine Ehrenämter zu reden, nimmt das einige Zeit in Anspruch. Sein Terminkalender, sagt der 64-Jährige, sei proppenvoll. Wichtig sei ihm, dass genügend Zeit für die Familie bleibe, darunter die fünf Enkel. Jentschke ist Bildungsdeputierter (für die SPD, ohne ihr anzugehören), er ist Mitglied der Jury des deutschen Schulpreises, engagiert sich im Schulmuseum, und er ist Kirchenvorstandsmitglied in der katholischen Pfarrei St. Katherina von Siena. Er hat von seinem Vater obendrein den Vorsitz einer Stiftung übernommen, die sich für die Wiederherstellung des Barock-Wallfahrtsortes auf dem Muttergottesberg unweit der tschechischen Stadt Kraliky verwendet.

Direkt, schnörkellos und unkonventionell

Franz Jentschke war wegen seiner direkten, schnörkellosen und unkonventionellen Art beliebt, bei Schülern, Eltern, Kollegen, anerkannt bei Fachleuten, „aber unbeliebt war ich auch“. Eine Schule, die derart von sich reden macht, die das Magazin „Focus“ zur „Spitzenschule“ kürt, zieht zwangsläufig auch Neid und Missgunst auf sich. In der Bildungsbehörde muss einer anecken, der sich im Großen und Ganzen an den Leitsatz „nicht fragen, sondern machen“ orientiert und den Ärger ausgehalten hat. Auch in Sitzungen der Bildungsdeputation macht Jentschke aus seinem Herzen keine Mördergrube.

Die sanfte, aber entschiedene Revolution an der GSO begann Mitte der 1990er-Jahre. Die Schule war im eigenen Stadtteil unbeliebt, erinnert sich Jentschke. Die Schülerzahl sank. Heute überwiegt die Zahl der Anmeldungen bei Weitem die der Plätze. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen probt in dem Gebäude und ist mit der Schule auf vielfältige Weise vernetzt. Die Schule wurde mehrfach ausgezeichnet.

„Meine Großeltern waren Vertriebene aus Oberschlesien und haben in Osterfeuerberg gebaut. Nebenan war die katholische St.-Marien-Schule, drei Lehrer haben bei uns im Haus gewohnt.“ Das habe Eindruck hinterlassen. Jentschke wurde Lehrer für Geschichte und Mathematik. Er selbst sei „im Rückblick betrachtet von ganz tollen Lehrern“ unterrichtet worden und kein Musterschüler gewesen. „Ich hatte Lehrer, die mich auch kritisch gesehen haben, die knallhart Leistung verlangt haben und einem auch zurückgemeldet haben, wenn man sie nicht brachte.“ Eine Methode, die bis heute Gültigkeit habe: „Man muss Schülern deutlich machen, dass sie etwas leisten müssen", und man müsse ihnen dabei helfen, etwas leisten zu können. Ähnliches gelte für Lehrer, sofern sie sich als Pädagogen eigneten. „Auch das ist ein großes Problem: Es gibt zu wenig Leute, die den Mut haben, auch mal zu sagen: Das ist nicht dein Beruf. Du kannst das nicht, mach' dich nicht unglücklich.“

Spitzname: "Papa Gnädig"

„Papa Gnädig“ sei er gelegentlich im Kollegium genannt worden, sagt Jentschke, wenn er sich auf die Seite von Schülern stellte. Ein guter Lehrer lasse Gnade vor Recht ergehen. „Ich muss als Lehrer nicht beweisen, dass ich recht habe. Ich muss dafür sorgen, dass Schüler Freude am Unterricht und an der Schule haben.“ Eine gute Schule zeichne sich dadurch aus, dass sie Entwicklungen vorantreibe, über den Tellerrand hinausschaue, anderen immer einen Schritt voraus sei – anderen Schulen, dem Bildungsressort, anderen Bundesländern. „Das muss wie bei Hase und Igel sein: Ick bün al dor, ich bin schon da.“ Ein guter Schulleiter müsse viel aushalten und „behördlichen Unsinn“ abwenden, damit sein Kollegium in Ruhe gute Arbeit leisten könne.

Vieles könne sich zum Besseren wenden, wenn man den Schulen mehr Freiheiten lasse, wenn man gesunde Konkurrenz zulasse, statt zu regulieren, zu kontrollieren und zu nivellieren, sagt Jentschke, und er sagt es schon seit Jahren. Einen gewissen Spielraum gibt es. Franz Jentschke hat ihn sich erobert und gemeinsam mit seinem Kollegium die GSO zu dem gemacht, was sie ist. Getrieben bleibt er – ein Missionar in Bildungsangelegenheiten.

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