Bäckerei in Peterswerder schließt

Frau Song sagt leise Tschüss

Fast zwölf Jahre hat die Südkoreanerin Jeong-Suki Song ein kleines Bäckergeschäft in Peterswerder betrieben. Nun schließt sie es - und will ein Buch schreiben.
10.07.2019, 13:29
Lesedauer: 4 Min
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Von Britta Kluth
Frau Song sagt leise Tschüss

Die Südkoreanerin Jeong-Suki Song gibt ihr Bäckereigeschäft auf.

PETRA STUBBE

Es ist schon nach zwölf Uhr, als ein Kunde an die verschlossene Ladentür klopft. Lächelnd und mit fragenden Augen bittet er um Einlass. Innen wird nicht lang gefackelt, die Tür schnell geöffnet. Weltmeisterbrötchen und Krosse sind noch im Angebot. Das Frühstück des jungen Mannes ist gerettet. Zumindest für heute.

Denn in der Nachbarschaft hat es sich längst rum gesprochen: Jeong-Suki Song schließt ihr kleines Geschäft, in dem sie täglich Brot und Brötchen von Bäckermeister Thräm verkaufte. Am 7. Juli stand „Suki“, wie die Kinder die zierliche Südkoreanerin gern nannten, das letzte Mal hinter ihrem Tresen in der Altenburger Straße in Peterswerder. Die kleinen und großen Kunden sind darüber sehr traurig. Brötchen holen bei Frau Song gehörte für viele zum morgendlichen Ritual einfach dazu. So ist es vielleicht ein kleiner Trost, dass eine Nachfolgerin gefunden wurde und die Bäckerei bereits am 12. August wieder öffnet.

„Hier ist alles sehr familiär, man kennt sich einfach im Viertel“, schwärmt Jeong-Suki Song, die selbst in der Neustadt wohnt. „Ich werde das sehr vermissen, vor allem den persönlichen Kontakt mit den Stammkunden“. Ein bisschen Wehmut schwingt in ihren Worten mit – kein Wunder, fast zwölf Jahre betrieb sie ihren Laden, kannte viele Leute beim Namen und deren Lieblingsbrötchen noch dazu. „Nicht selten habe ich Leute bedient, die mir sagten, sie seien der Besuch von soundso und ich wusste schon Bescheid, was sie mitbringen sollen“, erzählt sie lachend. Ihr Namensgedächtnis funktioniere allerdings nur so gut, weil sie sich diese aufschreibe und dann lerne, verrät sie augenzwinkernd. In Asien sei es eine Geste der Höflichkeit, Kunden mit Namen anzusprechen.

Freundlichkeit und Offenheit

Durch ihre Freundlichkeit und Offenheit hat sich Jeong-Suki Song viele Freunde und Stammkunden in Peterswerder gemacht. Und die waren auch zur Stelle, als es ihr nicht so gut ging. Denn gleich zwei Mal wurde sie im November 2014 ausgeraubt. „Morgens um sieben standen plötzlich zwei Maskierte mit Messer neben mir und verlangten nach Geld“, erzählt sie. „Ich habe die Polizistin dann gefragt, ob die noch mal kommen können. Aber sie sagte mir, dass die Wahrscheinlichkeit gleich null ist. Eine Woche später waren die beiden wieder da. Danach hatte ich einen Zusammenbruch. Ich habe den Laden dicht gemacht und eine Therapie begonnen.“ Schon nach vier Sitzungen konnte sie sich wieder hinter den Tresen stellen – natürlich war längst nicht alles beim Alten. Das Trauma zu überwinden, dabei haben ihr auch die Kunden geholfen. „Die Anteilnahme in der Nachbarschaft war so groß. Ich habe Briefe und Blumen bekommen. Kunden riefen an und fragten, wie es mir ginge und ob sie was für mich tun könnten. Und einige Kinder haben Bilder gemalt und sind von Haus zu Haus gegangen, um Geld für mich zu sammeln.“ Trost und Zuspruch von den Menschen aus dem Viertel bekam sie auch im letzten Sommer, als ihr Mann verstarb. „Das hat mir eine Menge Kraft gegeben“, sagt sie. „In den Worten war sehr viel Wärme dabei. Die Menschen waren selbst sehr betroffen und haben das offen gezeigt.“ Es sei tief bewegend gewesen, so viel Anteilnahme und Sympathie zu erfahren.

Mit dem Mann nach Bremen

Ihr Mann war der Grund, weswegen Jeong-Suki Song ihre Heimat Südkorea verließ und nach Bremen kam. „Mein Mann und ich lernten uns in Seoul kennen, wo wir zusammengearbeitet haben. Ich war nach meinem Studium der englischen Literaturwissenschaften als Übersetzerin tätig. Es war klar, dass er irgendwann nach Deutschland zurückgeht. Als wir auf Einladung unseres Arbeitgebers Bremen und Hamburg besuchten, fragte mich mein Mann, ob ich mir vorstellen könnte, hier zu leben.“ Sie konnte. 1996 zog sie nach Bremen. 1998 heiratete das Paar. „Ich bin ohne ein Wort Deutsch zu können, hierher gekommen. In meinem ersten Jahr habe ich deshalb erst einmal intensiv die Sprache gelernt, zunächst am Goethe-Institut und dann an der VHS.“ Doch was ihr in den Lehrbüchern fehlte, war die Umgangssprache. Um sich diese anzueignen und gleichzeitig beruflich Fuß zu fassen, wollte sie ein eigenes Geschäft aufmachen, am liebsten für Bio-Backwaren. Ihre Idee verwirklichte sie zunächst in der Hamburger Straße. Dort betrieb sie einige Jahre lang den einzigen Franchise-Standort der Holon-Bäckerei. Noch bevor die Kette Insolvenz anmelden musste, gab sie den Laden auf. Als sich die Möglichkeit bot, in die ehemaligen Räumlichkeiten der Wiener Feinbäckerei in der Altenau Straße zu ziehen, zögerte sie nicht.

Ein persönliches Projekt

„Peterswerder ist ein toller Stadtteil mit liebenswerten Bewohnern. Hier muss man sich wohlfühlen.“ Die 52-Jährige wird sich jetzt verstärkt ihrem zweiten beruflichen Standbein widmen und als Übersetzerin für Englisch und Koreanisch arbeiten. Und sie verfolgt ein sehr persönliches Projekt. „Ich habe ein Buch geschrieben über meine Familiengeschichte. Den Ausschlag dazu gab der Einbruch, nach dem ich viel über mein Leben nachgedacht habe.“ Im Mittelpunkt des Buches steht aber nicht sie selbst, sondern ihre Schwester, zu der sie jahrelang keinen Kontakt gehabt hat. „Mein Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig gegenüber meiner Mutter und uns Kindern. Meine Schwester hat er missbraucht. Später wurde sie drogenabhängig und hat unsere Familie finanziell ruiniert. Das war unter anderem ein Grund dafür, dass ich sie nicht mehr sehen wollte.“

Vor drei Jahren fuhr sie nach Seoul und begann nach ihrer Schwester zu forschen. Sie habe zwar Antworten gefunden, nicht jedoch ihre Schwester, die offenbar verstorben sei. Für ihr Buch sucht sie jetzt noch einen Verlag. „Von einigen wurde ich schon abgelehnt, aber ich gebe nicht auf.“ Zeit habe sie ja nun und dazu viele Menschen an ihrer Seite, die sie ermutigen, weiterzumachen.

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