Klaus Fricke vermietet Zimmer an Sexarbeitende "Frauen in Rumänien besser informieren"

Bremen. Klaus Fricke und seine Frau vermieten im Bremer Süden vier Zimmer an Sexarbeitende. Fricke ist seit über 30 Jahren in der Szene unterwegs.
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Von Elke Hoesmann

Klaus Fricke und seine Frau vermieten im Bremer Süden vier Zimmer an Sexarbeitende. Fricke ist seit über 30 Jahren in der Szene unterwegs. Antje Stührmann sprach mit dem 60-Jährigen, der Sozialwissenschaften studierte, unter anderem über das geplante Prostitutionsstättengesetz.

Die meisten Frauen, die derzeit zur Prostitution gezwungen werden, kommen aus Bulgarien. An wen vermieten Sie Zimmer?

Klaus Fricke: Wir haben fast nur rumänische Mieterinnen. Zweimal haben wir an bulgarische Frauen vermietet und einmal an einen bulgarischen Transvestiten.

Arbeiten die Frauen selbstständig?

Ja. Wir haben ihnen gegenüber keinerlei Weisungsbefugnis. Diese Frauen kommen auf uns zu, sie fragen nach Arbeitsräumen, und dann schließen wir einen Mietvertrag.

Behalten die Frauen das verdiente Geld?

Ja. Der Umsatz, den sie machen, steht ihnen zur freien Verfügung. Von dem Geld müssen außer der Miete aber auch Werbungskosten, Kondome, vielleicht auch Sexspielzeuge, Dessous und Kosmetika bezahlt werden, sodass jede Frau pro Woche um die 500 Euro Betriebskosten bezahlen muss, bevor sie selber einen Euro verdient.

Haben Sie gegen die bei Ihnen arbeitenden Frauen irgendeine Form von Gewalt angewendet?

Wir haben schon mehrfach Mieterinnen des Hauses verweisen müssen, weil sie respektlos mit der Einrichtung oder mit uns umgegangen sind. Wir haben nicht einmal die Polizei einschalten müssen. Das würde ich machen, wenn eine Mieterin nicht bereit wäre, das Haus zu verlassen. Wir würden auf keinen Fall in irgendeiner Weise körperliche Gewalt anwenden.

Wie verbreitet ist Ihrer Meinung nach der Menschenhandel in der Bremer Sexarbeiterszene?

Das ist schwierig zu beantworten. In unseren Locations hatten wir in der Zeit von November 2009 bis heute zweimal den Verdacht, dass bei einer Mieterin etwas nicht in Ordnung ist. Eine Mieterin hatte sich auch entsprechend geäußert. Sie berichtete, dass es, bevor sie aus Italien zu uns gekommen ist, zu dirigistischer Zuhälterei gekommen sei.

Was heißt das?

Das heißt, man hat ihr mitgeteilt, wo sie wann und wie zu arbeiten hat. Im Anschluss daran hätte es sein können, dass so etwas wie Menschenhandel stattgefunden hat, denn diese Frau ist mit einem Begleiter nach Deutschland gekommen, der sie angeblich aus dieser Situation befreit hat. Da wird man hellhörig. Wir haben ihr mitgeteilt, dass es in Bremen ein Zentrum, das BBMeZ, gibt, das Betroffene von Menschenhandel und Zwangsprostitution unterstützt und berät, und dass der Verein Nitribitt informiert werden kann. Wir haben sie auch gefragt, ob sie sich bei der Polizei melden möchte.

Wie hat sich die Frau entschieden?

Sie wollte das alles nicht. An einem Morgen ist sie dann weg gewesen.

Reichen die Gesetze aus, um Zwangsprostitution zu verhindern?

Es wäre hilfreich, wenn die Gesetze realitätsnaher und so formuliert würden, dass Juristen sie auf bestimmte Handlungen eindeutig anwenden könnten. Das derzeitige Strafgesetz ist nicht besonders erfolgversprechend, besonders der Paragraf zum Menschenhandel. Da gibt es eine völlige Überregulierung. Ich glaube ohnehin nicht, dass Menschenhandel und Zwangsprostitution über das Strafrecht zu verhindern sind.

Womit dann?

Über präventive Maßnahmen. Die Menschen müssten schon in den Herkunftsländern in ihrer Sprache über die Arbeitsbedingungen im deutschen Sexgewerbe informiert werden. Unsere Location bietet zum Beispiel Mietverträge, Unterlagen über Safer Sex und über Sicherheitsmaßnahmen am Arbeitsplatz in rumänischer Sprache an. Wir klären auch auf Rumänisch darüber auf, wie die Bremer Szene funktioniert und welche Probleme es hier gibt.

Wie nützt das den Frauen?

Wir sind dabei, alle Dienstleistungsangebote im Bereich Sexarbeit ins Rumänische zu übersetzen. Wenn junge Frauen in Rumänien oder Bulgarien vor ihrer Reise nach Deutschland diese Liste hätten, könnten sie bewusster entscheiden, ob das, was sie hier leisten müssen, um erfolgreich zu sein, ihrer Sexualität entspricht. Das wäre, glaube ich, auch sehr hilfreich, um Menschenhandel und Zwangsprostitution zu vermeiden.

Wie sehr würde ein Bremer Prostitutionsstättengesetz nützen?

Ich finde es gut, dass Politiker sich Gedanken machen zum Beispiel über den Arbeitsschutz. Aber vieles, wie die geforderte Trennung von Arbeits-, Wohn- und Aufenthaltsräumen, ist gar nicht praktikabel. Um jeder Frau drei Räume zur Verfügung stellen zu können, sind viele Locations zu klein. Außerdem würde das die Mietkosten in die Höhe treiben. Oder was soll eine Arbeitsschutzbestimmung, die vorschreibt, dass die Frauen nur acht Stunden vor Ort sein dürfen? Sexarbeiterinnen empfangen durchschnittlich drei Kunden pro Tag: den ersten zum Beispiel um 8 Uhr, den zweiten um 17 Uhr, den dritten nachts um 3 Uhr. Diese Bestimmungen gehen völlig an der Arbeitsrealität der Frauen vorbei. Vor allem müssten sich die Politiker aber bewusst werden, dass in Bremen 95 Prozent der Frauen selbstständig arbeiten.

Was ist mit dem Rest?

Es gibt nur ein paar Bordelle, bei denen ich Zweifel habe, und eine Reihe stadtbekannter Locations – darunter auch die, dessen Besitzer sich jetzt vor Gericht verantworten müssen. Jeder, der sich ein bisschen auskennt, wusste, dass dies Orte waren, an denen es alle Arten von sexuellen Dienstleistungen ohne Kondom gab. Aus den Berichten von Kunden geht klar hervor, dass dort gruselige Bedingungen herrschten. Wenn „Alles-ohne-Praktiken“ von jungen Frauen aus Bulgarien angeboten werden, schrillen bei mir alle Alarmglocken.

Hätte solch ein Fall sexueller Ausbeutung durch ein Prostitutionsstättengesetz verhindert werden können?

Nein. Diese Orte hätten durch eine vernünftige Nachforschung der zuständigen Behörden viel früher erfasst und geschlossen werden können. Dazu braucht man kein Prostitutionsstättengesetz.

Was könnte stattdessen gegen Zwangsprostitution unternommen werden?

Ich schlage vor, in Bremen nach dem Vorbild von Städten in Nordrhein-Westfalen einen Runden Tisch einzurichten, an dem Vertreter aller wichtigen Institutionen und Ämter sowie Vertreter aus der Szene auf Augenhöhe miteinander reden. In Bremen gibt es nur einen Runden Tisch Menschenhandel und die Clearingstelle, eine behördeninterne Angelegenheit. Die Vertreter an einem Runden Tisch könnten passgenauere Gesetze erarbeiten, diese später besser in die Szene implementieren und sie mit den Akteuren weiterentwickeln.

Die wirklich problematischen Orte würde man so sicher nicht erreichen.

Man wüsste aber, wo die Bereitschaft zur Zusammenarbeit in der Szene gering ist, und dann müsste man sich fragen: warum. Das würde einen erheblichen Druck auf diese Locations ausüben. Man könnte auch über eine Zertifizierung nachdenken. Dann hätte man eine Liste, aus der hervorgeht, welche Locations auf vernünftige Weise betrieben werden.

Doch was ist mit den schwarzen Schafen in der Szene?

Der Umfang der Straftaten im Bereich der dirigistischen Zuhälterei, der sexuellen Ausbeutung und des Menschenhandels ist in Deutschland rückläufig und gering. Die Zahlen, mit denen gearbeitet wird, sind völlig unrealistisch. Die Bremer Polizei sagt, es gibt hier 800 Prostituierte. Ich habe über eine lange Zeit beobachtet, dass auf den Werbeplattformen maximal 300 Frauen gelistet sind. Es wird von 300 Locations gesprochen: Wenn wir derzeit 60 haben, dann ist das viel. Maximal fünf Prozent der Frauen arbeiten im „schwarzen Bereich“.

Wollen Sie damit sagen, dass das Thema Menschenhandel zu hoch gehängt wird?

Absolut. Es wird skandalisiert. In der Ausgabe 9/2013 der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ der Bundeszentrale für Politische Bildung stellen Experten fest, dass überwiegend moralisch und nicht sachlich diskutiert wird, dass es kein valides Zahlenmaterial gibt. Es werden Dinge völlig an der Realität vorbei diskutiert. Ich finde es richtig, dass Menschen geschützt werden, aber das, was Sexarbeiterinnen beschäftigt, hat sehr wenig mit Menschenhandel und dirigistischer Zuhälterei zu tun. Die werden eher mit alltäglicher Kriminalität von Kunden konfrontiert.

Wie schätzen Sie die Arbeit von Beratungseinrichtungen wie BBMeZ und Nitribitt ein?

Ein Glück, dass es sie gibt. Schade, dass sie über so wenig Ressourcen verfügen. Ich würde mir wünschen, dass Nitribitt mehr Personal bekäme, denn die Vereinsmitglieder bieten aufsuchende und nachgehende Arbeit an. Diese Leute kommen in die Locations. Wenn BBMeZ, Nitribitt und das Gesundheitsamt über mehr Mittel und Ressourcen verfügen und viel breiter gefächert aufsuchende Arbeit betreiben würden, dann wären wir einen guten Schritt weiter.

Bremen will besseren Schutz

Nach Schätzungen der Polizei gibt es in Bremen 800 Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. Davon arbeiten etwa 600 in Wohnungen. Die Beamten gehen davon aus, dass die Mehrzahl direkt oder indirekt zu dieser Arbeit gezwungen wird. Um sie vor Übergriffen und Ausbeutung zu schützen, wollen Politiker in Bremen ein Prostitutionsstättengesetz erarbeiten. Unter anderem sollen Mindeststandards für den Arbeits- und Gesundheitsschutz festgelegt werden. Außerdem möchten die Parlamentarier die Wohnungsprostitution besser kontrollierbar machen. Die Bürgerschaft fordert deshalb eine Erlaubnispflicht für Prostitutionsstätten jeglicher Betriebsart.

Dann könnten die Behörden dem Betrieb und den Beteiligten Auflagen erteilen, heißt es. Die Bundesregierung hatte dagegen vorgeschlagen, Bordellbetriebe als überwachungsbedürftiges Gewerbe einzustufen. Für Bremen hätte dies bedeutet, dass ein Großteil der Szene außen vor geblieben wäre.

Bundesweit wird die Zahl der Sexarbeitenden auf 400000 geschätzt. Strafbar macht sich, wer die Hilflosigkeit oder die Zwangslage eines Betroffenen ausnutzt.

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