Mitarbeiterinnen bemängeln die ihrer Meinung nach geringe Unterstützung aus der Politik

Frauennotruf fordert sichere Finanzierung

Bremen. Für Opfer von sexueller Gewalt ist der Verein "Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen" häufig die erste Anlaufstelle, damit sie mit ihrem Trauma nicht alleine bleiben. Weil die Beratungsstelle für Bremen und Bremerhaven zurzeit nur durch die senatorische Behörde für Gesundheit sowie Spenden finanziert wird, fordern die psychologischen Mitarbeiterinnen mehr Unterstützung aus der bremischen Politik.
30.12.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sandy Bradtke

Bremen. Für Opfer von sexueller Gewalt ist der Verein "Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen" häufig die erste Anlaufstelle, damit sie mit ihrem Trauma nicht alleine bleiben. Weil die Beratungsstelle für Bremen und Bremerhaven zurzeit nur durch die senatorische Behörde für Gesundheit sowie Spenden finanziert wird, fordern die psychologischen Mitarbeiterinnen mehr Unterstützung aus der bremischen Politik.

Das Notruf-Büro am Barkhof 32 richtet sich an weibliche und auch männliche Jugendliche und Erwachsene, die Opfer von sexueller Gewalt oder anderen Gewalttaten geworden sind. Dabei spielt es keine Rolle, wie lange der Übergriff zurückliegt. "Etwa die Hälfte der Hilfesuchenden wenden sich kurze Zeit nach der Tat an uns", sagt Diplompsychologin Daniela Müller, die seit acht Jahren beim Notruf arbeitet. Bei der anderen Hälfte liege die Vergewaltigung teilweise schon sehr lange zurück.

"Es gibt Fälle, da erinnern sich die Opfer erst nach 35 oder 40 Jahren an das, was ihnen passiert ist", berichtet Müller. Für solche Opfer bietet der Notruf pro Woche eine 50-minütige Beratungszeit an. Denn auch für die akuten Fälle muss noch genug Beratungszeit zur Verfügung stehen.

"Viele Frauen wurden so schlimm zugerichtet, dass sie erst einmal in die Klinik müssen", berichtet Daniela Müller. Im Grunde sei allerdings jeder Fall von sexuellem Missbrauch akut, auch wenn er schon Jahre zurückliege. "Man sagt zwar immer, Zeit heilt alle Wunden. Ich finde aber, dass das bei Vergewaltigungen nicht zutrifft." Auf den Seelen der Opfer von sexueller Gewalt blieben immer Wunden und Narben zurück. "Wir können nur dafür sorgen, dass diese Wunden aufhören zu bluten."

Hohes Engagement

Das Engagement des Notruf-Teams ist hoch. Die vier Psychologinnen, die in der Arbeit mit sexuell Traumatisierten erfahren sind, teilen sich zweieinviertel Stellen. Finanziell kann keine davon leben, weshalb jede auch andere psychologische Tätigkeiten ausübt. Nicht selten setzen sie sich auch in ihrer Freizeit für den Notruf ein, um den Opfern angemessen helfen zu können. "Wir haben eine Warteliste, aber akut vergewaltigte Frauen lassen wir nicht warten", betont Tina Schneider, die seit zwei Jahren beim Notruf arbeitet. "Es gibt zwar das Opferentschädigungsgesetz, aber in der Umsetzung existiert dieses Gesetz quasi nicht", sagt Daniela Müller. In der Bundespolitik würden viele Politiker in punkto sexueller Missbrauch so tun, als wenn sie das Rad neu erfinden müssten. "Dabei gibt es den Notruf schon seit 30 Jahren", sagt Schneider. Sie wünsche sich jedoch von Bund und Ländern mehr Unterstützung. Die Mitarbeiterinnen des Notrufs haben derzeit noch Planungssicherheit für zwei

Jahre. Daniela Müller und ihre Kolleginnen setzen sich dafür ein, dass die Beratungsstelle ebenso gefördert werden sollte wie zum Beispiel Pro Familia. "Auf bundespolitischer Ebene wird das aber sicher schwierig", sagt Müller: "Deshalb wollen wir uns zunächst auf eine stadtteilpolitische Verankerung konzentrieren."

Wegen der Nachbarschaft zur Wachmannstraße entstand vor Kurzem der Kontakt zu Ralph Saxe, Vorstand des Vereins "Die Wachmannstraße" und Beiratssprecher in Schwachhausen. "Offensichtlich besteht das Hauptproblem in den fehlenden Stellen", stellte Saxe im Gespräch mit den Psychologinnen fest. Einen Ansatz für eine bessere Personalausstattung zu finden, sei indes schwer. "Eine Möglichkeit wäre, die fehlenden Stellen durch privat Engagierte und Ehrenamtliche zu unterstützen", schlägt Ralph Saxe vor. Für Aufgaben wie Verwaltung und Projektplanungen wäre eine Fördergruppe zur Mittelakquisition hilfreich. Auch in der Politik gelte es, deutlich zu machen, dass dieser Notruf wichtig sei, so Saxe. "Mir leuchtet nicht ein, warum man den Notruf nicht auf Länderebene verankern können sollte", sagt Saxe. Der Notruf bietet den Opfern neben der psychologischen auch eine begleitende Beratung zum Beispiel bei Gerichtsverhandlungen an.

"Wir sind sehr gut vernetzt", bestätigt Daniela Müller, "mit Anwälten, der DNA-Analytik beziehungsweise der Spurensicherung und Gynäkologen arbeiten wir eng zusammen. Wir bieten auch Supervisionen für Polizisten, Richter und Rettungssanitäter an, damit diese verstehen lernen, warum sich Opfer so verhalten, wie sie sich verhalten", sagt Müller. Die Zeit, die auf solche Aufgaben verwendet werde, fehle dann allerdings bei den Klienten. Es sei daher dringlich notwendig, dass der Notruf mehr Unterstützung bekomme.

Der Frauennotruf ist montags bis donnerstags von 10 bis 17 Uhr und freitags von 10 bis 15 Uhr, Telefon 15181, oder per E-Mail an die Adresse info@frauennotruf-bremen.de zu erreichen. Weitere Infos unter www.frauennotruf-bremen.de.

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