Ihr neues Buch heißt "Die Taschen voller Geld" Frauke Wilhelm erzählt Walle-Storys

Überseestadt. Dreizehn Jahre ist es her, dass der Überseehafen in Walle zugeschüttet worden ist. Davon, dass dort vor vielen Jahren die Schiffe in Viererreihen lagen und ein berühmt-berüchtigtes Quartier existierte, erzählt Frauke Wilhelm, die vor Kurzem das "Golden City" mit einer mehrtägigen Show wiederbelebte, in ihrem ebenso unterhaltsamen wie informativen Buch "Die Taschen waren voller Geld".
24.10.2011, 05:00
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Von Anne Gerling

Überseestadt. Dreizehn Jahre ist es her, dass der Überseehafen in Walle zugeschüttet worden ist. Davon, dass dort vor vielen Jahren die Schiffe in Viererreihen lagen und ein berühmt-berüchtigtes Quartier existierte, erzählt Frauke Wilhelm, die vor Kurzem das "Golden City" mit einer mehrtägigen Show wiederbelebte, in ihrem ebenso unterhaltsamen wie informativen Buch "Die Taschen waren voller Geld".

Die Autorin, Kulturpädagogin, Moderatorin und Musikerin aus Walle, die bis vor einiger Zeit auch das Viertelfest gemanagt hat, hat für ihr Buch jahrelang Zeitzeugen interviewt, Fotos gesammelt und viele Polizei- und Presseberichte gelesen. Minutiös und differenziert zeichnet sie die Entwicklungen im Stadtteil nach, beschreibt die "Goldgräberstimmung" im Walle der Nachkriegsjahre und lässt die "gute alte Zeit" noch einmal aufleben, ohne dabei allerdings die Kehrseite der Medaille aus den Augen zu verlieren.

Schon beim Aufklappen des Buchdeckels gibt es reichlich Stoff zum Staunen: "Golden City", "Bruno Mosig", "Mutti Weiss" und wie sie alle hießen: Penibel sind hier noch einmal sämtliche Waller "Inseln der Glückseligkeit" im Stadtplan verzeichnet, die einst Bremens berühmt-berüchtigte "Küstenmeile", kurz "Küste", ausmachten. In diesen Hafenlokalen trafen sich amerikanische GIs und deutsche "Frolleins", aber auch Seeleute, Hafenbeschäftigte, Huren und die Bremer Halbwelt.

Mehr als 30 Lokale

Die Geschichte, die Frauke Wilhelm auf 176 reich bebilderten Seiten erzählt und mit Augenzeugen-, Presse- und Polizeiberichten anreichert, beginnt mit dem Wiederaufbau des Hafenquartiers gleich nach dem Krieg. Erst nachdem der Betrieb dort längst brummte und es von Schiffen aus aller Welt nur so wimmelte, entstanden in der Trümmerlandschaft nebenan allmählich die ersten Neubauten im Bremer Westen. Als Schwarzbauten schossen auch immer neue kleine Hafenlokale wie Pilze aus dem Boden. Mehr als 30 Lokale und Rotlichtbars gab es schon bald rund um den Zugang zum Freihafen - den "Stinkbüdelmannsgang" genannten Fußgängertunnel zwischen dem Stadtteil Walle und dem Hafen; heute befindet sich an dieser Stelle der Waller Stieg.

Auf allen sieben Meeren wurde "Klein-St. Pauli" zum Geheimtipp. Rund um die Uhr wurde dort gesoffen, gefeiert und gehurt - und wer dort arbeitete, machte gute Geschäfte. Denn die Seeleute, die auf ihrer langen Fahrt gut verdient und viel Zeit zum Sparen hatten, hatten "die Taschen voller Geld" und gaben dieses nun mit ebenso vollen Händen aus. "Mancher Seemann, der mit wohlgefüllten Taschen eines dieser Lokale betrat, wankte nach einigen Stunden wilden Zechens nur mit Unterhemd und -hose bekleidet seinem im Hafen liegenden Schiff zu", schreibt Wilhelm etwa.

Doch auch Gaunereien wie Zechbetrug und Beischlafdiebstahl, Sachbeschädigung, Schlägereien und Messerstechereien häuften sich, während die Polizei all dem weitestgehend machtlos gegenüberstand: Das Milieu hielt Außenstehenden gegenüber wie eine eingeschworene Beutegemeinschaft zusammen, Seeleute nahmen die Autorität an Land nicht ernst, die Lokale wurden als Schwarzbauten geduldet, Prostitution war nicht verboten - und die "Küste" für Bremen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

"Wenn man jedoch bedenkt, dass im Jahre 1951 rund eine Million Seeleute in Bremen an Land gingen und Bremen in derselben Zeit von nur rund 140000 anderen Fremden aufgesucht wurde, sollte von verantwortlicher Seite das Für und Wider eines Vergnügungsviertels in Hafennähe ernstlich erwogen werden", zitiert Wilhelm einen Polizeibericht von 1954. "Man sollte aber auch daran denken, dass die Besatzung der United States bei einem nur 36-stündigen Aufenthalt Devisen im Betrag von rund 90000 DM an Land ausgab. Hier an diesem Beispiel muss man zu der Folgerung kommen: Bremen ist eine Hafenstadt und muss somit auch die Tribute einer Hafenstadt zahlen."

Irgendwann aber uferte es aus, die Anwohner schlugen Alarm, und die Behörde arbeitete, nicht zuletzt auf Druck des Bürgervereins für die westliche Vorstadt, an einer Lösung des Problems. Gegenüber vom Volkshaus, so die Idee des Stadtplaners und späteren Oberbaudirektors Franz Rosenberg aus dem Jahr 1952, könnte auf einer Brache ein ganz neues Vergnügungsviertel gebaut werden. Eine entschiedene Gegnerin dieser Idee allerdings war Annemarie Mevissen, damals Senatorin für das Jugendwesen. Sie befürchtete unter anderem "verderbliche Einflüsse" auf das zukünftige Berufsschulzentrum schräg gegenüber, dessen Grundstein gerade gelegt worden ist.

Erst 1960 präsentierte die Stadt einen neuen möglichen Standort: Ein rundum von Bahn- und Straßendämmen umschlossenes Gelände, das nur vom Korffsdeich aus erreichbar war. Heute steht hier das Eduscho-Gebäude, denn die Besitzer der Lokale in "Klein-St. Pauli" waren nicht für einen Umzug ihrer Etablissements zu erwärmen. Ihnen wurde durch etwas völlig anderes die Geschäftsgrundlage entzogen: Mit der Verbreitung des Containers verkürzen sich die Liegezeiten der Schiffe, während gleichzeitig die Besatzungszahlen schrumpfen. Heuer und Löhne werden außerdem nicht mehr bar ausgezahlt, sondern wandern nun auf das Girokonto. Und so gibt es plötzlich kaum mehr jemanden, der es sich noch leisten kann, in den "Küsten"-Kneipen zu versacken. Mit den 1970ern, als die meisten Lokale dem Ausbau der Nordstraße zum Opfer fielen, war die wilde Dauerparty dann tatsächlich für immer vorbei.

Das Buch "Die Taschen waren voller Geld. Hafen- und Rotlichtgeschichten von der Bremer ?Küste' in den 50er- und 60er-Jahren" von Frauke Wilhelm ist bei der Edition Temmen erschienen und kostet 19,90 Euro. Für Donnerstag, 27. Oktober, laden Frauke Wilhelm und Überraschungsgäste zu einer Show-Tour mit Buchpräsentation ein. Treffpunkt ist um 18 Uhr beim Hafenmuseum Speicher XI; von dort aus geht es zur Bar "Krokodil", Nordstraße 371. Der Eintritt beträgt sechs Euro, Anmeldung unter Telefon 3484315 oder per E-Mail an a.helbling@edition-temmen.de.

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