Konzert bereits ausverkauft Frei.Wild in der ÖVB-Arena

Im April tritt die Band „Frei.Wild“ in der Bremer ÖVB-Arena auf - Kritiker werfen der Band teils völkische, teils nationalistische Inhalte vor. Oft sind diese auf den ersten Blick nicht zu erkennen.
05.11.2017, 20:19
Lesedauer: 4 Min
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Frei.Wild in der ÖVB-Arena
Von Jan Oppel

Die Südtiroler Deutschrock-Band „Frei.Wild“ geht 2018 mit einem neuen Album auf Tour – und gibt am 13. April in der Bremer ÖVB-Arena ein Konzert. Der Formation aus dem norditalienischen Brixen werden bis heute teils nationalistische Inhalte sowie eine fehlende Distanz zur rechten Szene vorgeworfen. Davon ungeachtet verkauft die Band so viele Platten wie kaum eine andere im deutschsprachigen Raum.

Die Diskussion über die umstrittene Band ist schon vor dem Tourstart in vollem Gange. Die Musik ist dabei meist nebensächlich. Meistens geht es um Politik. Man sei da „irgendwo reingedrückt worden“, wo man nicht stehen wolle, sagte Frontsänger Philipp Burger im September bei der Vorstellung der anstehenden „Rivalen und Rebellen“-Tour. Was rechts bedeute, das sei Auslegungssache. „Ich bin ein konservativ denkender Mensch, ich bin so aufgewachsen, für Sie ist das wahrscheinlich schon ganz weit rechts, für mich ist das absolut neutral in der Mitte“, so Burger.

Veranstalter des Konzerts ist auch in der Bremer ÖVB-Arena die Münchner Agentur Global Concerts Touring GmbH. Wegen der Vorurteile habe man lange recherchiert, sagte die Geschäftsführerin Andrea Blahetek. Die Musiker zeigten vielleicht eine intensivere Verbundenheit zu ihrer Heimat, doch das dürfe man nicht mit nationaler Verirrung verwechseln. Die Musiker distanzierten sich schon lange und offen von Extremismus allgemein. Unter anderem hatte sich die Band im Sommer 2015 auf ihrer Website gegen Fremdenhass ausgesprochen. Gegen Rassismus zu sein, sei eine „Frage des An- und Verstandes“, heißt es in dem Beitrag. Bei Konzerten lässt Philipp Burger das Publikum gerne „Nazis raus!“ skandieren.

Wurzeln in der Neonaziszene

Früher war dieser Philipp Burger ein Neonazi. Bevor er „Frei.Wild“ gründete, sang der Mann aus Brixen in der Rechtsrockband Kaiserjäger. Auf einem Foto im CD-Booklet der Band hebt Burger den Arm zum Hitlergruß. Nachdem es bei einem Konzert zu einer Massenschlägerei zwischen deutsch- und italienischsprachigen Neonazis gekommen war, löste sich die Gruppe 2001 auf. Mitgliedern der rechtsradikalen italienischen “Veneto Fronte Skinheads” war damals von anderen Konzertbesuchern mit der Parole “Südtirol bleibt deutsch” der Einlass verwehrt worden – die Lage eskalierte. Im gleichen Jahr startete Burger die Band „Frei.Wild“. Nach Auffassung des Rechtsrock-Experten Carsten Neumann von der Bremer Initiative Standpunkt war Burgers Ausstieg aus der rechtsradikalen Szene alles andere als freiwillig. „Das war keine innere Wandlung, die Band wurde von italienischsprachigen Neonazis dazu gezwungen“, sagt er. Eine ehrliche Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit habe nie stattgefunden. Burger selbst hatte mehrfach geleugnet, dass Kaiserjäger explizit eine Neonaziband gewesen sei. „Nein, das war keine Naziband, sondern eine Band von drei Jugendlichen, die darin ein Dreivierteljahr lang Akkorde geübt haben. Es ging um Liebe, Freundschaft und Alkohol“, sagte er im Interview mit den Ruhrnachrichten.

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Kritiker wie Carsten Neumann oder etwa der Journalist Thomas Kuban bezeichnen einige Texte von "Frei.Wild" als „völkisch geprägt“ und werfen ihnen teils nationalistische Inhalte vor. Unter anderem wegen Zeilen wie dieser: "Kreuze werden aus Schulen entfernt, aus Respekt vor den andersgläubigen Kindern", beklagen "Frei.Wild" im Song "Land der Vollidioten". "Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat. Ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk", heißt es in "Wahre Werte". "Frei.Wild" heben stets ihre Heimatverbundenheit mit Südtirol hervor und sehen sich ausdrücklich als deutsche Band. "Sie vertreten einen Patriotismus, der ganz klar eine gewisse Klientel anspricht. Das sind Italiener, die gerne Deutsche wären“, sagt Carsten Neumann. „Diese Bewegung steht in Italien teilweise dem Faschismus nahe.“

Versteckte Botschaften

Die Botschaften, die von der Gruppe ausgesendet werden, sind oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Das verdeutlicht ein Musikvideo zu dem Song „Halt deine Schnauze“. Dort ist ein Mann zu sehen, der „100 %“ auf den kahlen Hinterkopf tätowiert hat. Ein Code, der in der rechten Szene für eine vermeintlich hundertprozentig „rein arische“ Abstammung steht.

Juristisch kann man der Band nichts vorwerfen. Auch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hatte 2014 ein Indizierungsverfahren zugunsten der Band entschieden. Das thüringische Sozialministerium hatte damals Textstellen des Liedes „Rache muss sein“ als gewaltverherrlichend kritisiert. Im Booklet der CD „Eines Tages“ heißt es unter anderem: „Jetzt liegst Du am Boden, liegst in deinem Blut. Das Blut auf meinen Fäusten, ich find', es steht mir gut.“

Kritik gibt es auch von Musiker-Kollegen: 2013 waren „Frei.Wild“ bei der Verleihung des Echo-Musikpreises von der Nominierungsliste gestrichen worden. Die Band Kraftklub und die Popgruppe Mia hatten aus Protest gegen „Frei.Wild“ ihre eigene Teilnahme am Echo abgesagt. Auch Die Ärzte protestierten. Die Band Jennifer Rostock hat schon vor Jahren ein Verbot ausgesprochen, mit „Frei.Wild“-T-Shirts zu ihren Konzerten zu kommen. Im vergangenen Jahr nahmen „Frei.Wild“ schließlich den Echo in der Kategorie „Rock/Alternative National“ entgegen. „Wir sind, was wir sind und nicht das, was viele uns nachsagen“, erklärte Philipp Burger auf der Bühne.

„Frei.Wild“ stilisieren sich als die Außenseiter, als die Missverstandenen aus Südtirol. „Auf Kritik reagieren sie meistens erst einmal aggressiv und inszenieren sich dann als Opfer“, sagt Neumann. Dieses Verhalten ließe sich auch bei rechtspopulistischen Parteien und neurechten Bewegungen beobachten. „Die Band ist an einem demokratischen Diskurs nicht interessiert“, so der Rechtsrock-Experte. Zwar seien „Frei.Wild“ keine explizit rechtsradikale Band, mit ihrem völkischen Gedankengut fungierten sie aber als Türöffner in diese Szene.

Die Polizei hat das Konzert in Bremen auf dem Schirm. Bislang seien keine Gegendemonstrationen angekündigt worden, teilt ein Sprecher auf Nachfrage des WESER-KURIER mit. „Wenn Kundgebungen angekündigt werden, müssen wir die Situation entsprechend neu bewerten“, heißt es. Auf den Rückhalt ihrer Bremer Fans können sich „Frei.Wild“ schon einmal verlassen: Das Konzert in der ÖVB-Arena ist ausverkauft.

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