Volkshaus-Sanierung ist abgeschlossen Freier Blick auf die Fassade

Lange war das imposante Gebäude verhüllt, jetzt ist der Blick darauf wieder frei: Das Volkshaus an der Hans-Böckler-Straße ist frisch saniert.
17.08.2015, 00:00
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Freier Blick auf die Fassade
Von Sara Sundermann

Lange war das imposante Gebäude verhüllt, jetzt ist der Blick darauf wieder frei: Das Volkshaus an der Hans-Böckler-Straße ist frisch saniert. Es wurde 1928 gebaut und versammelte ursprünglich soziale und kulturelle Angebote für Bremens Arbeiter unter einem Dach. Heute steht das ehemalige Gewerkschaftshaus unter Denkmalschutz, es gilt als Schmuckstück des Expressionismus.

„Am Eingang zum Bremer Westen baute die Gewerkschaft ein großes Gebäude für die Arbeiter“, sagt Kunsthistoriker Uwe Schwartz vom Landesamt für Denkmalpflege. „Walle, Gröpelingen und Oslebshausen sind ja noch junge Stadtteile, die mit den Häfen, der AG Weser und den Stahlwerken gewachsen sind und wo dann auch die typischen Arbeiter-Reihenhäuser entstanden sind.“ Damals hätten Gewerkschaften noch eine ganz andere Rolle eingenommen als heute, sagt Schwartz: „Das Volkshaus erinnert ein wenig an den Palast der Republik, der später in Berlin entstand – die Idee des Volkshauses wurde dann in der DDR quasi weiterentwickelt.“

Das Gebäude in Utbremen wirkt auch heute noch sehr besonders mit den mächtigen runden Toren, den rot-schwarzen Ziegeln in den Treppenhäusern und den hohen Steinbögen in den Aufgängen.

Das Volkshaus wurde gebaut, um „eine Heimstätte zu schaffen für die organisierte Arbeiterschaft“, heißt es in einem Geleitwort der Gewerkschaften zum Neubau. Ein Jugendheim, die Arbeitervertretung und auch ein gemeinnütziges Bestattungsinstitut fanden damals in dem Gebäude Raum. 1928 waren mehr als 50 Prozent der Bremer Bevölkerung Arbeiter. Neue Mitglieder strömten zu den Gewerkschaften. Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte Bremen zu den am besten gewerkschaftlich organisierten Städten. Das stellt Thorsten Wübbena fest, der ein Buch über das Volkshaus geschrieben hat. Auch zuvor gab es bereits ein Gewerkschaftshaus in der Faulenstraße. Doch dieses wurde Wübbena zufolge schließlich zu klein.

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Im neuen großen Volkshaus in Utbremen ab es einen Filmsaal, Büros, Läden, Restaurants, ein Hotel mit 116 Betten und eine Leichenaufbahrungshalle. Für Veranstaltungen konnte das Gebäude 3500 Personen aufnehmen. Und einst gab es in diesem Gebäude – wie früher in vielen Bremer Bauten – auch einen Paternoster. Dieser konnte allerdings nicht erhalten werden: Er behinderte einen behindertengerechten Umbau des Gebäudes.

Allmut Sellke ist eine der Mitarbeiterinnen im Volkshaus, die lange mit dem Paternoster nach oben zu ihren Büros fuhren. Die heute 78-Jährige arbeitete lange als Amtsvormund für Kinder und Jugendliche im Volkshaus. Sie hat das Gebäude – anders als es sich heute präsentiert – vor allem als ein düsteres Haus in Erinnerung. „Das Gebäude wirkte eher bedrückend, und viele Leute scheuten sich vor dem Gang zu uns – sie wollten nicht als Bittsteller gegenüber dem Staat auftreten“, erinnert sich Sellke. „Noch heute sagen ja manche: ,Zum Volkshaus gehe ich nicht.’“

Sie erinnert sich auch an das Krematorium im Keller: „Dort gab es auch noch einen alten Ofen.“ Im Keller lagerte damals zum Beispiel das Material für das Sommerferienprogramm mit Jugendlichen in den Schullandheimen. Auch Sellke organisierte solche Programme – „aber in den Keller ging man nur, wenn man unbedingt musste“, sagt sie und lacht.

Zuletzt sah man das Volkshaus selten unverhüllt: Nachdem es bereits 2008 aufwendig saniert worden war, wurde zuletzt zehn Monate lang die Fassade erneuert. Insgesamt 1400 Klinker wurden laut Immobilien Bremen (IB) ausgetauscht, 800 Quadratmeter Fugen erneuert und 130 neue Fenster eingebaut. Die Kosten dafür belaufen sich auf rund eine Million Euro.

Die Fassadensanierung war notwendig geworden, weil zuvor Ziegel- und Mörtelstücke herabgestürzt waren und dies zu einer Gefahr für Passanten wurde. Laut IB war der Verfall auf der Wetterseite des Gebäudes bereits weit fortgeschritten. Große Teile der Fassade hätten sich nach außen gewölbt und drohten, in die Tiefe zu stürzen. Der Grund dafür: Stahlträger im Mauerwerk hatten mit anderen Stoffen reagiert und sich zersetzt.

Bei der Sanierung wurden die Träger freigelegt, gesäubert und mit einem Korrosionsschutz versehen. Auch die sechs Bronzeplastiken wurden gesäubert, die nach dem Vorbild der ursprünglichen Skulpturen von Bernhard Hoetger entstanden. Sie sollten „Lebensstufen unter der Last schwerer Arbeit und Not“ zeigen. In den Dreißiger Jahren fielen die Figuren in Ungnade: „Sie wurden abgenommen und gingen unter im Bildersturm der Nationalsozialisten“, sagt Kunsthistoriker Schwartz.

1933 stellte der Bremer Architekt Otto Blendermann den Antrag, die Plastiken „sofort zu entfernen, da sie in ihrer aufreizenden Darstellung unserem wieder gesundeten Volksempfinden nicht mehr entsprechen“. Die Figuren wurden abgenommen. Später bildete der Bildhauer Manfred Lohrengel sie nach, 1979 wurden die neuen Plastiken am Volkshaus angebracht.

Heute sind das Amt für Soziale Dienste und zwei Theatergruppen im Volkshaus angesiedelt. Eine Kantine mit Hausmannskost, wie es sie früher im Erdgeschoss gab, existiert nicht mehr. Die Wilde Bühne als eine der beiden Theatergruppen greift gesellschaftliche Probleme der Gegenwart auf – das Volkshaus ist ein Gebäude für soziale Themen geblieben.

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