Wetter: wolkig, 7 bis 15 °C
Familienbetrieb mit Tradition
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Ein Leben für Lebkuchen und Mandeln

Nina Willborn 03.11.2018 0 Kommentare

Erich Rosenstädt verwandelt Zucker in süße, farbige Watte.
Erich Rosenstädt wünscht sich, beim 1000. Freimarkt dabei zu sein. (Christina Kuhaupt)

Spricht man Erich Rosenstädt auf sein Jubiläum an, muss er erst mal nachgucken. „Ah, ja, tatsächlich, stimmt ja. 1968.“, sagt er. 26 Jahre alt war er damals und gerade frisch verheiratet mit seiner inzwischen verstorbenen Frau Edith. 1968 stand Rosenstädt zum ersten Mal als Selbstständiger auf dem Freimarkt, und seitdem jedes Jahr.

Auf diesem Freimarkt steht sein „Zuckerbasar“, auf dem er – natürlich – mit Zuckerwatte, Lebkuchenherzen und gebrannten Mandeln handelt, also zum 50. Mal. Dass Rosenstädt diese Tatsache gar nicht so sehr bewusst ist, liegt daran, dass die Schaustellerei in den meisten Fällen Familiensache ist. Viele Fahrgeschäfte sind seit Jahrzehnten in einer Hand, bei den Jahrmarktsbuden reicht die Tradition oft bis zum Anfang des Jahrhunderts zurück.

Im Fall der Rosenstädts aus Celle war 1913 das Jahr, in dem Erichs Vater Johannes das Wurst- und Süßwarengeschäft gegründet hatte. Der Sohn wollte gar nicht unbedingt Nachfolger werden, er hatte schon eine Lehrstelle als Dreher in Aussicht – aber dann starb der Vater früh und die Mutter stand alleine da. „Also bin ich mitgereist, geplant nur für ein Jahr“, sagt der heute 76-Jährige. „Und wie das dann so ist, wenn man erst mal dabei ist ... Aber ich habe es nie bereut.“

Mehr zum Thema
Freimarkt 2018: Ein Marktmeister, der gar keiner ist
Freimarkt 2018
Ein Marktmeister, der gar keiner ist

Rund vier Millionen Besucher lockt der Freimarkt jedes Jahr an, 320 Schausteller haben sich diesmal ...

 mehr »

Seitdem hat er viele, viele Monate auf Kirmessen, Jahr- und Weihnachtsmärkten und Schützenfesten verbracht und über die Jahre natürlich mitbekommen, wie sie sich verändert haben und teilweise verschwunden sind. Heute besucht er noch sechs Veranstaltungen in Norddeutschland. „Aber der Freimarkt ist etwas Besonderes. Wenn es den mal nicht mehr geben sollte, würde es einen Aufstand geben“, sagt Rosenstädt.

Das Bewusstsein für Traditionen ist es auch, was ihm an den Bremern besonders gefällt. „Man geht zum Freimarkt, und kauft oft dort, wo schon die Eltern gekauft haben“, sagt er. Das gilt auch für seinen Stand, viele Kunden sind seit Jahren treu. Rosenstädt: „Ich schätze mal, das ist so ein Drittel.“

Aber auch der Freimarkt ist natürlich 2018 ein anderer als 1968 oder 1982. „Mein Vater kannte den Freimarkt noch, als er auf dem Marktplatz stattfand“, sagt der Schausteller. „Früher ging man zum Jahrmarkt, um Lebkuchen und Honigkuchen und gefüllte Ananasbomben zu kaufen, weil es die nur dort gab. Jeder Zweite hatte ein Herz umhängen. Ich habe eigentlich immer am liebsten Lebkuchen verkauft.“

Nicht nur Verkäufer

Deshalb bedauert er es auch heute immer noch ein bisschen, dass Honig- und Lebkuchen nur noch unter ferner liefen zu finden sind in den Süßkramtheken. Immerhin die Mandeln haben sich gehalten. Früher Fabrikware, brennt Rosenstädt die süßen Dinger seit vielen Jahren selbst, weil auch die Bremer sie am liebsten frisch mögen und noch warm.

Rosenstädt war aber nicht nur Verkäufer, auch im Deutschen Schaustellerbund hat er sich zwölf Jahre lang als Fachberater für Verkaufsgeschäfte engagiert. Noch heute muss er lachen, wenn er da an die eine oder andere Diskussion denkt. Die um die DIN-Normen für die Luftschlitze in den Glasaufsätzen der Tresen zum Beispiel.

„Die Frage war, ob sie nicht luftdicht sein müssten“, erinnert sich Rosenstädt. „Da saßen dann Professoren und Doktoren und haben eine halbe Stunde gestritten.“ Bis er sich zu Wort meldete und mal erklärte, wie es eigentlich in der Praxis aussieht, was geht und was nicht. „Die kannten das ja alle nicht.“ Überhaupt die ganzen Gesetze und Vorschriften – auch etwas, das sich im Lauf der Zeit verändert hat.

Fotostrecke: Mickie Krause heizt den Bremern auf dem Freimarkt 2018 ein

„Ich habe früher Lebensmittel verkauft und heute verkaufe ich auch Lebensmittel“, sagt er. „Früher hat man einfach alles sauber gemacht, heute muss ich jeden Schritt dokumentieren. Der Aufwand wird immer größer, aber wird dadurch alles besser?“, fragt Rosenstädt und guckt, als ob er daran so seine Zweifel hat.

Andererseits, sich zur Ruhe zu setzen wäre auch nichts für den Schausteller. „Ich muss immer was zu tun haben. Dann rostet man nicht. Nichtstun bin ich nicht gewohnt“, sagt Rosenstädt. Deshalb steht er nach wie vor hinter dem Tresen, dreht Zuckerwatte und verkauft. Zu Hause in Celle ist es die Gartenarbeit, die ihn auf Trab hält und ganz allgemein natürlich die Enkel.

Sohn Mike und Schwiegertochter Melanie sind ebenso wie Tochter Gabriele mit eigenen Wagen ebenfalls in der Branche geblieben. Die nächste Generation der Rosenstädts als Schausteller. „Ich mache, so lange ich gesund bleibe“, sagt der Senior. „Ich hoffe, dass ich beim 1000. Freimarkt noch dabei bin. Das wäre mein Wunsch.“ Der 1000. Freimarkt ist übrigens in 17 Jahren, Erich Rosenstädt wäre dann stolze 93 Jahre alt.

Mehr zum Thema
Aus einer Schaustellerfamilie: „Freimarkt ist für mich unsere Familie“
Aus einer Schaustellerfamilie
„Freimarkt ist für mich unsere Familie“

Marita Rudolf-Pascher stammt aus einer Schaustellerfamilie und erzählt, was der Freimarkt für sie ...

 mehr »