Anneliese-Loose-Hartke-Stiftung würdigt Bremer Initiative

Freiwillige begleiten anonyme Beisetzungen

Bremen. Die ehrenamtliche Initiative "Das letzte Geleit" sorgt für eine würdige Beisetzung von Verstorbenen ohne Angehörige. Für ihr soziales Engagement erhält sie 2012 den Anneliese-Loose-Hartke-Preis. Die Initiative arbeitet gegen das Vergessen.
14.02.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Elke Hoesmann
Freiwillige begleiten anonyme Beisetzungen

Zwei Friedhofsmitarbeiter schieben einen Wagen mit zwölf Urnen zur anonymen Beisetzung aus der Riensberger Kapelle. Kein

Kuhaupt

Bremen. Die ehrenamtliche Initiative "Das letzte Geleit" sorgt für eine würdige Beisetzung von Verstorbenen ohne Angehörige. Für ihr soziales Engagement erhält sie in diesem Jahr den Anneliese-Loose-Hartke-Preis. Ziel der Initiative ist es, "etwas gegen das Vergessen zu unternehmen".

Frau W. ist tot. Kein Angehöriger, Freund oder Nachbar kümmert sich um die Beisetzung der alleinstehenden, mittellosen Frau. Jetzt ruht ihre Urne neben elf weiteren auf einem schwarzen Wagen in der Riensberger Friedhofskapelle. Eine gemeinsame Bestattung steht an, angeordnet vom Institut für Rechtsmedizin, bezahlt vom Sozialamt.

Leise treten zehn dunkel gekleidete Menschen an den Urnenwagen. Niemand von ihnen hat Frau W. und die anderen gekannt, dennoch nehmen sie sich die Zeit, die zwölf Toten mit Anstand zu verabschieden. Ein "letztes Geleit" möchten sie ihnen schenken, und so nennen sie auch ihre Initiative. Zwei Frauen lesen die Namen der Verstorbenen vor. Alle sprechen das Vaterunser, eine katholische Ordensschwester segnet die Toten.

Rosen für die Verstorbenen

"Wir wollen das Christliche nicht überziehen", sagt Wolfgang Krzizanowski von der Initiative. "Denn wir kennen nur die Namen der Verstorbenen, nicht aber deren religiöse Einstellung." Vielleicht seien sie Atheisten und aus der Kirche ausgetreten. "Wir dürfen sie nicht vereinnahmen." Was ihnen aber zustehe, sei ein menschenwürdiger Abschied von dieser Welt. So sieht es auch Bernhard Siepker. Eine Einfachbeisetzung soll keiner Entsorgung ähneln, deshalb sei er hier.

Zwei Friedhofsmitarbeiter schieben den Urnenwagen zur vorbereiteten Grabstelle, dahinter gehen schweigend die zehn Begleiter. Einige haben lange Anfahrtswege hinter sich, bringen Blumen mit, alle frieren in der eisigen Kälte. Rentner sind dabei, auch eine jüngere Frau, und Konrad Kunick, ein ehemaliger Bundestagsabgeordneter.

"Früher waren wir mehr", sagt Peter Tielitz, der die Initiative 2005 als bundesweit erste mitgegründet hat. Aber auch weil gemeinsame Beisetzungen jedes Jahr auf einem anderen Bremer Friedhof stattfinden, springen immer wieder Begleiter ab. Ein fester Kreis von etwa zehn Mitgliedern ist geblieben. Einmal im Monat geben sie unbekannten Toten das letzte Geleit.

Der Urnenwagen rollt an prächtigen Mausoleen vorbei, an kunstvoll gestalteten Familiengrabstätten mit prominenten Namen. Die zwölf Verstorbenen bleiben anonym. Pro Jahr ordnet das Bremer Institut für Rechtsmedizin etwa 250 bis 300 Bestattungen an, schätzt Jost Blankenhagen, zuständiger Referatsleiter beim Umweltbetrieb Bremen Das seien fünf bis sechs Prozent aller Beerdigungen. Die Zahlen seien in den vergangenen Jahren weitgehend konstant geblieben. Sie könnten aber steigen, sagen Experten und nennen Armut und die demografische Entwicklung als Gründe.

Eine anonyme Urnenbeisetzung wird immer dann veranlasst, wenn innerhalb von zehn Tagen kein Bestattungsauftrag eingegangen ist. Die Kosten übernimmt die Sozialbehörde. Sie springt auch ein, wenn Angehörige nicht genügend Geld für eine Beisetzung haben. Die Verwandten können zwischen Feuer- und Erdbestattung wählen.

In der Nähe des vereisten Friedhofsees endet das Geleit. Vier Erdlöcher sind hier ausgehoben, sie bieten Platz für jeweils drei Urnen. Eine kurze Andacht. "Wir wissen nichts über die Toten", sagt Tielitz, der Rosen auf die Urnen legt. Wer hier gemeinsam mit anderen in die Erde kommt, muss nicht völlig abgerutscht sein aus dem bürgerlichen Leben und vielleicht auf der Straße gelebt haben. Frau W. könnte auch im Altersheim gestorben sein. "Man darf die Menschen nicht vorschnell zum Sozialfall stempeln", betont Tielitz. Manchmal gebe es sogar Umbettungen, wenn sich irgendwann doch noch Angehörige meldeten.

Bei der nächsten gemeinsamen Bestattung Anfang März in Riensberg wird ein Pastor dabei sein. "Die evangelische und katholische Kirche wechseln sich jeden Monat ab, das funktioniert gut", sagt Pastor Rolf-Peter Schlieper von der evangelischen Gemeinde Arsten-Habenhausen. In früheren Jahrhunderten waren es die Bruderschaften, die in ihrer Stadt auch fremde Menschen beisetzten - sie verstanden sich als eine Art Wohlfahrtseinrichtung. In Pestzeiten trugen sie die Toten zu Grabe. Es sei ein uralter menschlicher Wert, dass Verstorbene zur letzten Ruhestätte begleitet werden, sagt Wolfgang Krzizanowski. Ihre Würde müsse ernstgenommen werden.

Die Bremer Anneliese-Loose-Hartke-Stiftung würdigt das Engagement der Initiative dieses Jahr mit ihrem Preis. Der Vergabetermin stehe noch nicht fest, sagt Hanni Steiner vom Stiftungsvorstand. Seit 2007 geht der Anneliese-Loose-Hartke-Preis jährlich an Einzelpersonen oder Gruppen, die sich ehrenamtlich für andere einsetzen. Wer am letzten Geleit teilnehmen möchte, kann sich unter Telefon 202230 melden.

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