83 junge Flüchtlinge erleben in der umgenutzten Schulsporthalle Curiestraße langsam so etwas wie Alltag

Freizeitheim nebenan bietet Abwechslung

Horn-Lehe. In Achselshirts und Shorts stürmen sie über das Fußballfeld, dem runden Leder hinterher. Der diesige Wintertag scheint den jungen Flüchtlingen aus der Schulsporthalle Curiestraße nichts auszumachen.
03.12.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von KRISTINA BELLACH
Freizeitheim nebenan bietet Abwechslung

Sport gehört zu den beliebten Beschäftigungen der jungen männlichen Flüchtlinge, wissen Ulrike Hebler-Koch und Bernd Assmann.

Kristina Bellach

In Achselshirts und Shorts stürmen sie über das Fußballfeld, dem runden Leder hinterher. Der diesige Wintertag scheint den jungen Flüchtlingen aus der Schulsporthalle Curiestraße nichts auszumachen. „Sport ist das Ding“, sagt Bernd Assmann, der Verantwortliche für die vom DRK getragene Notunterkunft. Sogar für den Ostcup in Osterholz hätten die Jungs eine Mannschaft zusammengestellt, sagt Assmann anerkennend: „Die spielen gut.“

Dass die Halle einmal ein den Umständen entsprechend wohnliches Übergangsquartier für 83 junge Männer, davon 48 aus Afghanistan, 15 aus Syrien sowie weitere aus Somalia, Burkina Faso, Guinea, Irak und Palästina wird, hätte man vor dem 30. Oktober kaum vermutet. „Morgens waren hier diverse Handwerker und Mitarbeiter, die gerade angefangen hatten, die Wände hochzuziehen“, berichtet Assmann über den Tag des Einzugs für die erste Gruppe von 45 minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen. „Um 17 Uhr war die ganze Halle zimmermäßig fertig.“

Kein schlechter Start

Bettwäsche, Matratzen und Schränke waren in den Sechsbettzimmern vorhanden. Die Betten kamen anderthalb Wochen später. „Der Start war gar nicht so schlecht im Vergleich“, findet Assmann, der zusammen mit Unterkunftsleiterin Ulrike Hebler-Koch sowie 20 Betreuern für die Jugendlichen da ist. Eine Woche später zogen noch mehr 15- bis 17-jährige Jungen ein.

Der Geräuschpegel in der Halle ist wesentlich geringer, als gedacht – trotz nach oben offenen, türlosen Kammern, deren einziger Schutz zur Privatsphäre ein vor den Eingang genageltes Bettlaken ist. Diejenigen, die nicht draußen, sondern auf ihren Zimmern sind, beschäftigen sich leise mit ihren Smartphones. Die aus der Heimat mitgebrachten Geräte sind oft das beste und günstigste Mittel der Jugendlichen, um mit Freunden und Familien zu Hause in Kontakt zu bleiben.

Auf der Flucht hätten viele sie benutzt, den Weg zu finden, weiß Ulrike Hebeler-Koch. Und in Deutschland angekommen, helfen sie als Übersetzer.

Inzwischen ist so etwas wie Alltag eingekehrt. Ein türkischer Caterer versorgt die Jugendlichen mit „halal“ Essen, so landestypisch wie möglich. Zweimal am Tag bekommen die Jungen Deutschunterricht.

Dazu gibt es Dank des benachbarten Freizeitheims jede Menge Abwechslung. Ob Sport, Plätzchen backen oder ins Überseemuseum gehen – das Angebot ist vielfältig und wird von den Jungen gern angenommen. „Die Grundhaltung unser unmittelbaren Nachbarschaft ist großartig“, freut sich Assmann. Besonders den Einsatz von Eva Bärwolf, Leiterin des Jungendhauses, sieht der 63-Jährige als eine tolle Chance für die Jugendlichen.

Für Struktur im Zusammenleben sorgt ein Regelwerk, an das sich alle halten müssen. „Das läuft in hohem Maße“, versichert Assmann mit Blick auf Putzplan und Hausregeln, die an einer Pressholzwand aufgepint hängen. „Mülltrennung“ steht da als ein Punkt, gefolgt von Hinweisen wie „ab 23 Uhr Nachtruhe“ und „nicht rauchen“. Nur etwas weiter befindet sich eine Weltkarte, sind Tabellen der deutschen Grammatik sowie eine Übersicht der Freizeitangebote zu entdecken: am Freitag ist Laufen mit Elke angesagt. Dienstag können die Jungs bei einem Fußballturnier mitmachen, am Mittwoch ab 10 Uhr heißt es im Jugendzentrum „afghanisch kochen“.

„Je mehr wir sie beschäftigen, desto besser“, ist die Hebeler-Kochs Devise. Zerstreuung beuge doch dem Lagerkoller vor. Wer als Bürger etwas dazu beisteuern mag, kann das persönlich oder materiell tun. Außer Fußbälle, Hefte, Collegeblöcke und Stifte für den Deutschunterricht sowie Wörterbücher in den Kombinationen Arabisch, Farsi, Dari und jeweils Deutsch benötigen die jungen Leute Fahrräder mit funktionsfähigem Schloss, um auf eigene Faust die Gegend zu erkunden.

Auch wer sich selbst einbringen mag, ist herzlich eingeladen, mit den jungen Flüchtlingen Ausflüge zu unternehmen. Einen Bummel über den Weihnachtsmarkt, Besuche in Museen „oder ihnen verschiedene Teile Bremens zu zeigen“, können Assmann und Hebeler-Koch sich gut als ehrenamtliches Engagement vorstellen. Fahrkarten werden gestellt, für einige Museen ist der Eintritt für die Jugendlichen frei.

Darüber hinaus sind natürlich Winterkleidung sowie Schuhe ab Größe 40 mit Schnürsenkeln gern gesehen. Berührungsängste müsse niemand haben: „Wenn beide Seiten wollen, findet man Zugang“, versichert Unterkunftsleiterin Ulrike Hebeler-Koch. Die Lebenswelt der unbegleiteten männlichen Flüchtlinge kennt die 51-Jährige seit nunmehr zwei Jahren, in denen sie ehrenamtlich zwei afghanische Jungs betreut hat. Nie fragt sie oder einer ihrer Kollegen nach. Nur, wenn die Jungs von sich aus reden, bekommt Hebeler-Koch einen Einblick. Kriegsszenarios auf Handyfotos oder Videos vom Flüchtlingsboot teilen einige manchmal mit ihr. „Hier kommen zum ersten Mal zur Ruhe. Es ist unglaublich, was die erlebt haben.“ Trotzdem sei tagsüber alles ruhig. „Da sind sie beschäftigt.“ Nur nachts, da kämen die Kopfschmerzen.

Wer Sachspenden abgeben oder sich mit Freizeitaktivitäten einbringen möchte, kann sich dienstags und donnerstags von 10 bis 14 Uhr in der Schulsporthalle, Curiestraße 2a (gegenüber dem Jugendfreizeitheim), melden.

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