Intimer Selbstversuch in Bremen Fremde schauen sich minutenlang an

In mehr als 140 Städten auf der Welt haben sich am Sonnabend Personen tief in die Augen geschaut — so auch in Bremen auf dem Hanseatenhof. Die Reaktionen auf das Experiment waren überraschend.
30.10.2016, 00:00
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Fremde schauen sich minutenlang an
Von Pascal Faltermann

In mehr als 140 Städten auf der Welt haben sich am Sonnabend Personen tief in die Augen geschaut — so auch in Bremen auf dem Hanseatenhof. Die Reaktionen auf das Experiment waren überraschend.

Eine Träne rutscht über die Wange. Aus dem Augenwinkel löst sich ein kleiner Tropfen und kullert langsam Richtung Kinn. Ist es Traurigkeit, Glück, Ergriffenheit oder einfach nur der Wind im lange geöffneten Auge, der die Träne hervorruft? Derartige Regungen entstehen an diesem Nachmittag auf dem Hanseatenhof häufiger. Menschen treten in Kontakt. Für mindestens eine Minute schauen sie sich in die Augen. Menschen, die sich nicht kennen, sich zuvor fremd sind.

In mehr als 140 Städten auf der Welt haben am Sonnabend Personen diesen Moment geteilt. „The Liberators International“, eine soziale Bewegung aus Australien, die mit außergewöhnlichen Selbstversuchen immer wieder für Aufmerksamkeit sorgte, hatte zum Augenkontakt-Experiment aufgerufen. Die Veranstalter nennen es „das weltweit größte Augen-Kontakt-Experiment“. In Bremen organisierten Daniel Ewers und Jumana Mattukat die Veranstaltung, die damit vor allem für etwas Positives sorgen wollen.

„Sind wir Menschen miteinander verbunden? Finde es heraus durch eine Minute“ steht auf einem kleinen Aufsteller. Eine junge Frau mit Brille schaut in die Augen eines bärtigen Mannes. Ein Afrikaner mit Afro-Frisur steht einem Libanesen gegenüber. Ein blonder, großer Typ sieht einer älteren Dame in die Augen. Ein junges Mädchen mit Rastazöpfen sitzt auf einer Decke im Schneidersitz einem fremden Mann gegenüber.

"Jeder hat die Möglichkeit sein Herz aufzumachen"

Mit einer gewissen Skepsis nähern sich die Menschen an. Leicht unsicher, still und befangen stellen sie sich dem Gegenüber. Anfangs wandern die Augen noch hin und her, fixieren mal die rechte, dann die linke Pupille. Irgendwann ruhen sie, legen sich auf eine Seite fest. Die Atmung wird langsamer und tiefer, die herabhängenden Arme werden lockerer. Dann passiert es: ein kleines Lächeln, ein Verziehen der Mundwinkel, ein Grinsen oder ein verstohlenes Herabblicken. Die kleinen Reaktionen sind vielfältig. Immer wieder gibt es auch Tränen.

Jasmin Schoch und Olaf Clausing sind sich vor dem Bessel-Ei auf dem Hanseatenhof mit den Augen begegnet. Clausing spricht von einem Prozess der Entschleunigung, von einem kurzen, richtigen Kontakt. „Jeder macht das freiwillig und hat die Möglichkeit, sein Herz aufzumachen“, sagt Clausing. Es liege kein Filter des Intellekts auf diesem Kontakt, man gebe das Analysieren auf. Die Situation breche sich herunter auf die menschlichen Gefühle. „Es passiert total viel im Inneren, es bringt einen zusammen und irgendwann verändert sich der Kontakt“, beschreibt Clausing den Moment. „Zeit spielt keine Rolle, man hat keine Maske auf und jeder bringt etwas mit, was verbindet", sagt Schoch.

Besinnung auf sich selbst

Nach dem minutenlangen Blickkontakt umarmen sich Menschen, sprechen über ihre Gefühle, geben sich die Hand. Andere gehen ohne Körperberührungen wieder auseinander. Die Reaktionen könnten unterschiedlicher nicht sein. Gibt es in diesem stillen Moment eine Verbindung zwischen den gegenüberstehenden Menschen? Ist es nur ein innerer Dialog mit sich selbst? Werden die Emotionen selbst oder durch das Gegenüber ausgelöst?

Es sei sicherlich die Besinnung auf sich selbst, die aber durch die andere Person ausgelöst werde, meint Schoch. „Es ist die Absichtslosigkeit und die Neugierde, die den Reiz ausmacht", sagt Organisator Daniel Ewers. Die Menschen treten aus ihrer Komfortzone heraus und begeben sich in eine Verletzlichkeit hinein. Mit überraschenden Reaktionen.

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