Bremer treffen Geflüchtete

Freundschaftsbörse für die Integration

Start with a friend vermittelt Kontakte zwischen Einheimischen und Geflüchteten. Allein in Bremen konnte der Verein 33 Tandems bilden – und die Wartelisten sind lang.
15.10.2018, 19:24
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten
Freundschaftsbörse für die Integration

Orhan Alallo (l.) ist vor vier Jahren aus Syrien geflüchtet. Er bildet mit einer Bremerin ein Tandem, organisiert mit Jan Rademann aber auch Veranstaltungen für den Verein.

Christina Kuhaupt

Menschen brauchen Freunde, um sich Zuhause zu fühlen. Mit dieser Prämisse engagiert sich die Organisation Start with a Friend (Swaf) seit vier Jahren gegen Abkapselung und Ausgrenzung, und für nachhaltige Integration. Der gemeinnützige Verein vermittelt und betreut persönliche Bekanntschaften zwischen einheimischen und geflüchteten Menschen. Anknüpfungspunkt sind Freizeitbeschäftigungen, die beiden Seiten Spaß machen. Das hat deutschlandweit bislang etwa 4000 Mal gut geklappt – und auch in Bremen soll sich künftig vieles anbahnen.

Swaf sei kein Mentorenprogramm, sondern die logische Fortsetzung der Willkommenskultur, erklären die Initiatoren. An Stelle einer Beziehung zwischen Bedürftigen und Helfern wolle man „Kontakte auf Augenhöhe und auf Gegenseitigkeit“ aufbauen, sagt der Bremer Koordinator Jan Rademann. Geflüchtete und „Locals“ (wie man bei dem Verein sagt) werden auf der Basis gemeinsamer Hobbys, Interessen und Vorstellungen von Freizeitgestaltung zusammengebracht. Lieblingsbeschäftigungen wie Kochen, Joggen, Tanzen, Kickern, Musik hören oder selbst Musizieren: All das kann verbinden oder vielleicht sogar am Anfang einer echten Freundschaft fürs Leben stehen.

Die Idee stammt von einer Gruppe Berliner, die in der Flüchtlingshilfe tätig war und schon 2014 über das akute Krisenmanagement hinaus dachte. Innerhalb von vier Jahren entstanden Swaf-Standorte in aktuell 23 deutschen Städten sowie eine „Außenstelle“ in Wien. Der Verein wird getragen über Spenden, das Programm „Menschen stärken Menschen“ des Bundesministeriums für Familie und Senioren, Frauen und Jugend, sowie die Unterstützung Tausender Ehrenamtlicher.

Die lokalen Swaf-Teams sammeln Adressen, Interessen und Informationen, und führen in jedem Fall Einzelgespräche, um die passenden Tandems zusammenzubringen, wie die Zweierbeziehungen hier genannt werden. Auf diese Weise haben sich auch Tom Schröder und Ahmed Ismail kennen gelernt.

„Nichts ersetzt den direkten Kontakt"

Was beide verbindet, sei ihr Interesse an Politik und Weltgeschehen, erklärt Schröder. Ungefähr einmal pro Woche – so, wie es beider Terminkalender gerade erlaubt – trifft er sich mit dem jungen Somali, der seit drei Jahren in Deutschland lebt und zurzeit eine Ausbildung als Event-Manager absolviert. Die Gespräche mit Ahmed, der fließend Deutsch spreche, seien „wirklich bereichernd“, erzählt der Bremer Politikstudent. „Fernsehen und Zeitungsberichte sind das Eine. Aber nichts ersetzt den direkten Kontakt.“

Die Tandems entscheiden selbst, wann, wo und wie häufig sie sich treffen. „Es ist alles ganz flexibel und unkompliziert. Alles kann, es gibt kein Muss“, betont Jan Rademann. Voraussetzungen für die „Locals“ seien die Offenheit, auf andere Menschen zuzugehen, sowie Lust und Zeit, gemeinsam etwas zu unternehmen. Keine Vorgaben gebe es auch bei den Interessen, für die man sich einen Tandempartner suche, so Rademann.

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„Als ich selbst noch neu in Bremen war, hatte ich mir jemanden gewünscht, der sich für Kunst und Kultur interessiert. Es fand sich ein junger Syrer, mit dem ich mir die Bremer Museen angeschaut habe.“ Die Mitarbeiter des Swaf-Teams sind als Ansprechpartner immer erreichbar und organisieren Treffpunkte für die Tandem-Gemeinschaft, vom monatlichen Stammtisch über die Kneipentour durch´s Bremer Viertel und den Freimarktbesuch bis zur Weihnachtsfeier.

Start with a Friend als Chance Freunde zu finden

Das Wort Tandem kann im Lateinischen auch „endlich“ bedeuten – und das war Orhan Alallos erster Gedanke. „Ich kannte die Organisation aus Düsseldorf, und hatte immer darauf gewartet, dass es so etwas endlich auch in Bremen gibt“, erzählt der 29-Jährige Syrer. „Start with a Friend war meine Chance, hier Freunde zu finden.“ Seine Düsseldorfer Tandempartnerin war eine deutsche Studentin. „Wir haben uns einmal pro Woche getroffen, sind spazieren gegangen oder haben gemeinsam gekocht“, erzählt Alallo, der bis zu seiner Flucht vor vier Jahren in Damaskus Anglistik studiert hatte.

„Von ihr und ihrem Freund habe ich viel Deutsch gelernt und vieles über die Kultur erfahren.“ In Bremen hat er nun eine Ausbildung zum Elektroniker begonnen, und über Swaf eine Bremerin kennen gelernt, mit der er sich nach Feierabend oder am Wochenende trifft, um durch die Stadt zu bummeln, im Bürgerpark spazieren zu gehen oder einen Kaffee zu trinken: Alles, worauf den Beiden gerade spontan der Sinn steht. Mittlerweile engagiert sich Alallo selbst für den Verein: „Ich organisiere zusammen mit zwei Kollegen die Gemeinschaftsveranstaltungen.“

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Über Info-Abende, Flyer und Plakate an öffentlichen Orten sowie Mund-Zu-Mund-Propaganda konnten in Bremen bislang 33 Tandems geknüpft werden. Zwölf weitere seien aktuell in der „Anbahnungsphase“, so Rademann. Sogar das erste deutsch-syrische Familien-Tandem konnte kürzlich zusammengebracht werden.

Um die Geflüchteten müsse man überhaupt nicht werben: „Wir haben in unseren Listen noch viele, die wir noch nicht vermitteln konnten.“ Viele lebten inzwischen schon seit einigen Jahren in Deutschland, die meisten beherrschten die Sprache gut bis sehr gut, seien in Beruf oder Ausbildung, erklärt der 24-jährige Politikstudent. Und dennoch sei diese Form der freundschaftlichen Flüchtlingshilfe nach wie vor dringend nötig. „Wir hören immer wieder: ,Über euch haben wir zum ersten Mal mit echten Bremern geredet.'“

Weitere Informationen

Nähere Informationen und Kontakt gibt es im Internet unter www.start-with-a-friend.de. Auf der gleichnamigen Facebookseite werden außerdem immer wieder exemplarische Tandemstories veröffentlicht. Die nächste gute Gelegenheit, sich der interkulturellen Freundschafts-Börse anzuschließen, bietet sich beim Info-Abend am Dienstag, 6. November, in der Schlachthofkneipe auf der Bürgerweide.

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