Bremen-Nord

Friedehorst-Betrieb in Schieflage

Bremen-Lesum. Die Pflege- und Reha-Einrichtung Friedehorst kommt nicht nur Ruhe. Nach den Turbulenzen an der Spitze, die im Frühjahr für Schlagzeilen sorgten, sind es nun handfeste wirtschaftliche Probleme.
01.09.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Friedehorst-Betrieb in Schieflage
Von Jürgen Theiner
Friedehorst-Betrieb in Schieflage

Hautpeingang des Friedehorst-Geländes an der Rotdornallee.

Kuhaupt

Bremen-Lesum. Die Pflege- und Reha-Einrichtung Friedehorst kommt nicht nur Ruhe. Nach den Turbulenzen an der Spitze, die im Frühjahr für Schlagzeilen sorgten, sind es nun handfeste wirtschaftliche Probleme, mit denen sich Vorstand und Kuratorium auseinandersetzen müssen. Es geht um eine bedrohliche Schieflage des Berufsförderungswerks (BFW), das bisher zu den ertragreichen Zweigen der Stiftung Friedehorst gehörte. Ärger gibt es auch mit laufenden Bauprojekten.

Der Theologe Christian Frühwald tritt am 1. Oktober sein neues Amt als Vorsteher der Stiftung Friedehorst an. Sie bildet das Dach eines verschachtelten Unternehmenskonstrukts, zu dem unter anderem die Altenpflege, die neurologische Rehabilitation und die Behindertenpflege gehören. Auch das Berufsförderungswerk ist Teil der Stiftung. Und hier gibt es momentan deutliche Probleme.

Gut jeder Zehnte der rund 1600 Friedehorst-Beschäftigten arbeitet im BFW, das gesundheitlich geschädigten Arbeitnehmern bei der Wiedereingliederung ins Erwerbsleben hilft. Die Auslastung des BFW war immer schon Schwankungen unterworfen. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten bezahlten Kostenträger wie die Bundesagentur für Arbeit oder die Sozialversicherungen mehr Maßnahmen als in guten, wenn der Arbeitsmarkt brummte und gehandicapte Menschen auch ohne Umschulung eine neue Stelle fanden.

Doch das Tal, in dem sich das BFW gegenwärtig befindet, ist besonders tief. Die Umschulungen sind so schwach ausgelastet, dass die Geschäftsleitung des BFW in einem Schreiben an die Mitarbeiter vom 6. Juli eine "außerordentlich defizitäre wirtschaftliche Situation" feststellt. Im vergangenen Jahr seien die Umsatzerlöse gegenüber 2010 um rund 1,4 Millionen Euro zurückgegangen.

Dieser negative Trend habe sich im ersten Quartal 2012 beschleunigt fortgesetzt, so dass für das laufende Jahr ein Verlust von 1,4 Millionen Euro zu erwarten sei, heißt es in der Mitarbeiter-Info. Dann folgt Klartext: "Unser gemeinsames Ziel ist es, das BFW zu erhalten", so der kaufmännische Friedehorst-Vorstand Lothar Lotzkat. Das sei nur möglich, wenn alle Beschäftigten bis 2014 auf die Jahressonderzahlung verzichten. Sie macht ungefähr acht Prozent des Jahresgehalts aus.

Den Mitarbeitern wurden bereits entsprechende Änderungsvereinbarungen zu ihren Arbeitsverträgen übersandt. Mehrere Fristen zur Rücksendung der unterschriebenen Dokumente wurden auf Druck der Mitarbeitervertretung (MAV) zwischenzeitlich verschoben. Nun gilt der 5. September als neuer Stichtag. Bisher, so hört man, soll der Rücklauf der Verzichtserklärungen eher spärlich sein. Nicht ausgeschlossen wird deshalb, dass eine der ersten Amtshandlungen des designierten Vorstehers Frühwald in betriebsbedingten Kündigungen beim BFW besteht. Die Mitarbeitervertretung steht auf dem Standpunkt, dass isolierte Verhandlungen über die Zukunft des Berufsförderungswerks keinen Sinn machen. Es müsse ein Paket für die ganze Stiftung geschnürt werden.

Architekten sind sauer

Eine schlüssige Gesamtstrategie für die Zukunft von Friedehorst ist auch nach Ansicht des Stiftungskuratoriums vonnöten. Um sich am Markt behaupten und wirtschaftlich arbeiten zu können, wurden vor diesem Hintergrund zuletzt große finanzielle Anstrengungen zum Abbau des Investitionsstaus unternommen. Zu den laufenden Neubauvorhaben auf dem Lesumer Gelände gehören das Kinderlebenszentrum "Haus Jona", ein Gebäude für die Erwachsenen-Reha und der Umbau der früheren Materialprüfanstalt IFAM für Zwecke des BFW und des Nebelthau-Gymnasiums.

Doch auch in diesen Projekten ist der Wurm drin. Die Stiftung überwarf sich mit sämtlichen Architekten, darunter dem renommierten Büro Haslob, Kruse und Partner, das für "Haus Jona" und Reha-Haus verantwortlich zeichnete. "Ich weiß gar nicht, ob da momentan weitergebaut wird", so Mitinhaber Jens Kruse gegenüber dieser Zeitung. Architekt Michael Graue, der den Umbau des IFAM-Gebäudes in Angriff nahm, kündigte nach eigenen Angaben von sich aus, weil Friedehorst die Arbeiten immer wieder unterbrach. "Ich habe so etwas in meiner Laufbahn noch nicht erlebt", tadelt Graue das Projektmanagement durch die Friedehorst-Chefetage.

Die Stiftung war gestern nicht bereit, Fragen zur Lage des BFW und zum Stand der Bauprojekte zu beantworten. Man wolle erst bei der Vorstellung des neuen Vorstehers Anfang Oktober "zu allen aktuellen Themen umfassend Stellung nehmen".

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+