Ein Kämpfer bis zuletzt Friedensaktivist Ludwig Baumann in Bremen gestorben

Im Alter von 96 Jahren ist der Friedensaktivist Ludwig Baumann in Bremen gestorben. Das Opfer der NS-Militärjustiz war seit den 80er-Jahren in der Friedensbewegung aktiv.
06.07.2018, 15:50
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Sebastian Krüger

Der Wehrmachtsdeserteur Ludwig Baumann ist am Donnerstag in seiner Wahlheimat Bremen gestorben. In den vergangenen Jahren galt er als der letzte überlebende Deserteur aus Hitlers Wehrmacht. Baumann gründete 1990 die Bundesvereinigung "Opfer der NS-Militärjustiz". Er hat sich sich Zeit seines Lebens dafür eingesetzt, Kriegsdienstverweigerer und Deserteure der Wehrmacht zu rehabilitieren. Etwa 30.000 Soldaten hatten sich in der NS-Zeit dem Kriegsdienst entzogen. 20.000 von ihnen wurden hingerichtet.

„Sein Einsatz für Frieden und Menschlichkeit verdient große Anerkennung", sagt Bürgermeister Carsten Sieling. Baumann und vielen seiner Mitstreiter sei großes Unrecht und Leid widerfahren. Dagegen habe er über Jahrzehnte unermüdlich seine Stimme erhoben. "Sein Lebenswerk ist bewundernswert." Der Senat werde Baumanns Verdienst und sein Wirken ehren.

"Der hochbetagte Vorsitzende ist seit 1990 Herz, Motor und Stimme der Opfervereinigung gewesen", sagt Günter Knebel, Vorstand der Bundesvereinigung. Baumanns Engagement habe zur gesellschaftlichen Anerkennung und gesetzlichen Rehabilitierung der Kriegsdienstverweigerer und Wehrmachtsdeserteure geführt. "Ludwig Baumann wird uns und geschichtsbewussten, kritischen Teilen der bundesdeutschen Gesellschaft in lebendiger Erinnerung bleiben."

Baumann wurde am 13. Dezember 1921 in Hamburg geboren. 1941 wurde der gelernte Maurer zur Kriegsmarine einberufen, kurz darauf folgte die Versetzung nach Bordeaux. Gemeinsam mit seinem Freund Kurt Oldenburg entschloss er sich, kein Teil des Angriffskrieges zu sein, und desertierte. 1942 wurde er wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt. Monatelang lebte er mit der Angst, jederzeit hingerichtet zu werden. Erst später erfuhr er, dass das Urteil zu zwölf Jahren Zuchthaus umgewandelt wurde. Er war im KZ Esterwegen inhaftiert und kam später ins Wehrmachtsgefängnis Torgau. Dort musste er die Hinrichtung anderer Deserteure mit ansehen. Als Zwangsmitglied der Strafdivision 500 wurde er an der Ostfront in besonders gefährlichen Abschnitten eingesetzt. Kurt Oldenburg kehrte davon nicht zurück.

Lesen Sie auch

Allen Umständen zum Trotz überlebte Baumann den Krieg. Er hatte gehofft, dass ihm sein Widerstand in der Heimat gebührend angerechnet wird. Stattdessen erfuhr er als Deserteur Ablehnung und Ausgrenzung: Er galt immer noch als Feigling. Erst die aufkommende Friedensbewegung ermutigte ihn, gegen das Unrecht der nationalsozialistischen Rechtsprechung öffentlich anzugehen.

Seine Arbeit trug Früchte: Das NS-Unrechtsaufhebungsgesetz von 1998 rehabilitierte Kriegsdienstverweigerer und sogenannte Wehrkraftzersetzer. Eine Ergänzung im Jahr 2002 erweiterte das Gesetz auf homosexuelle NS-Opfer und die Deserteure der Wehrmacht. Seit 2009 sind auch diejenigen inbegriffen, die von Nazi-Gerichten als Kriegsverräter gebrandmarkt wurden. 1986 hat die Gruppe "Reservisten verweigern sich" im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus in Vegesack unter seiner Beteiligung das Denkmal "Dem unbekannten Deserteur" aufgestellt. Es war das erste seiner Art in Deutschland.

Baumann hat viele Auszeichnungen für seinen unermüdlichen Einsatz erhalten, darunter den Aachener-Friedenspreis und den Franco-Paselli-Friedenspreis der Internationalen Friedensschule Bremen. 2011 überreichte ihm der damalige Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) den "Bremer Schlüssel" anlässlich des 90. Geburtstages. Das Bundesverdienstkreuz lehnte Baumann mit der Begründung ab, er wolle keinen Orden haben, den auch ehemalige Nazis bekommen hätten.

"Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben", hatte Hitler gesagt. Baumann zitierte diesen Spruch, als er 2002 ein Denkmal zur Erinnerung an die Ermordeten der NS-Justiz in Berlin einweihte. Er starb mit 96 Jahren. Nach Hitlers Forderung wäre er nur 20 Jahre alt geworden.

(Dieser Artikel wurde um 18.22 Uhr aktualisiert.)

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+