Interview mit einem Friseurmeister

Stefan Hagens: „Uns fehlen die Kontakte zu den Kunden“

Stefan Hagens, sein Kompagnon und die 32 Mitarbeiter haben viele Wochen der Untätigkeit und Unsicherheit hinter sich. Im Interview berichtet der Friseurmeister über das Wechselbad der Gefühle.
26.04.2020, 09:00
Lesedauer: 4 Min
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Stefan Hagens: „Uns fehlen die Kontakte zu den Kunden“
Von Silke Hellwig
Stefan Hagens: „Uns fehlen die Kontakte zu den Kunden“

Friseurmeister Stefan Hagens freut sich, dass in den Salons nun wieder Haare geschnitten werden dürfen.

Herr Hagens, auch für Friseure sind die Zeiten turbulent. Dem Lockdown folgt einen Ansturm sondergleichen. Kommt das einer Achterbahn der Gefühle gleich?

Stefan Hagens: Das kann man so sagen. Am ersten Tag des Lockdowns hatten wir unsere Läden noch geöffnet, weil wir die Information gar nicht mitbekommen hatten, um halb neun waren sie durchs Ordnungsamt wieder geschlossen worden. Das war schon ein Schlag.

Hatten Ihre Mitarbeiter schon früher gebeten, wegen der Infektionsgefahr zu schließen?

Ganz im Gegenteil. Mein Geschäftspartner und ich haben Bedenken gehabt, schließlich haben wir auch eine Fürsorgepflicht gegenüber unseren Mitarbeitern. Ich habe in allen Salons mit den Mitarbeitern geredet. Eine große Mehrheit hat gesagt, sie wollten an diesem Stück Normalität festhalten und bitte weiterhin arbeiten. Heute habe ich einen Mitarbeiter getroffen, der mir sagte, er habe sich im Salon sicherer gefühlt als beim Einkaufen. Aber es ging natürlich auch um den Gehaltsverzicht, den man nicht wochenlang einfach so wegsteckt.

Sie haben für alle Mitarbeiter 100 Prozent Kurzarbeit anmelden müssen?

Ja, insofern war es für uns eine sehr freudige Nachricht, dass wir bald wieder arbeiten können. Wir haben eine Gruppenchat mit allen Mitarbeitern, da habe ich schon existenzielle Ängste herausgehört. Aber es geht nicht nur um das Kurzarbeiter- und das fehlende Trinkgeld, sondern auch um die Arbeit an sich. Vielen Mitarbeitern fehlen die Kontakte zu den Kunden. Sie lieben ihre Arbeit und bekommen dafür Lob und Anerkennung. Es fällt einem nicht leicht, wenn diese Selbstbestätigung dauerhaft wegfällt. Deshalb sind wir alle hochmotiviert und freuen uns auf den 4. Mai.

Hier in Ihren großzügigen Räumlichkeiten kann man ganz gut Abstand halten, oder?

Dieser Salon verfügt über hohe Decken, und wir arbeiten auf zwei Ebenen. Die Kunden können untereinander Abstand halten, aber die Friseure und Auszubildenden müssen den Kunden nah kommen. Das gilt auch für die anderen beiden Salons. Wissen Sie, ich habe in den vergangenen Wochen unglaublich viele lustige Fotos und Filmchen zugeschickt bekommen, die sich mit dem Thema befassen. Aber ich fand es gar nicht komisch, bei mir wurde damit ein anderer Nerv getroffen. Bei mir geht es um die Existenz.

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Wie werden Sie also vom 4. Mai an verfahren?

Wir haben uns entschieden, vorerst in zwei Schichten zu arbeiten, um zu verhindern, dass die Salons geschlossen werden, wenn wir in der Mannschaft jemanden haben, der sich infiziert hat, aus welchen Gründen auch immer. Die erste Schicht kommt vorne in den Salon hinein und verlässt ihn durch die Hintertür, dann wird der Laden desinfiziert und die nächste Schicht tritt an. Die Mitarbeiter der einzelnen Schichten werden sich nicht begegnen. Inzwischen gibt es Arbeitsschutzstandards, die zu erfüllen sind. Unter anderem müssen Friseure und Kunden einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Wir werden unseren Kunden auch Masken zur Verfügung stellen. Jeder Platz wird desinfiziert, wenn ein Kunde ihn verlassen hat, und selbstverständlich werden wir auch unser Werkzeug desinfizieren. Wir unterliegen allerdings grundsätzlich hohen Hygienestandards, also ändert sich für uns, was das betrifft, nicht allzu viel.

Es wird auch Einschränkungen geben.

Wir werden unseren Kunden keine Zeitschriften und keine Getränke mehr anbieten können. Es gibt bestimmte Arbeiten, die verboten sind, wie Wimpernfärben oder Bartpflege. Es wird hier niemand mehr warten dürfen.

Wegen der langen Schließung gibt es einen Ansturm auf Friseure. Wie lange muss man bei Ihnen auf einen Termin warten?

Am ersten Tag, als bekannt wurde, dass wir wieder öffnen dürfen, habe ich rund 190 Anrufe, Mails und Facebook-Nachrichten bekommen. Es ist unfassbar. Der überwiegende Teil waren Bitten, schnellstmöglich einen Termin zu bekommen, aber es gab es auch andere Rückmeldungen, von Menschen, die sich für uns freuen, dass wir wieder öffnen dürfen. Schon während des Lockdowns haben sich einzelne Kunden erkundigt, wie es uns geht. Das war sehr rührend.

Das klingt, als seien Friseure systemrelevant.

Ein Monat entspricht einem Zentimeter Haarlänge. Viele fühlen sich damit nicht mehr wohl, vor allem, wenn sie gefärbte Haare haben und die herauswachsen. Deshalb gab es offenbar auch Friseure, die illegal weiter gearbeitet haben, bis das Ordnungsamt eingeschritten ist.

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Wie wollen Sie den Ansturm bewältigen?

Bei uns bekommen der Fairness halber erst die Kunden Termine, die schon welche hatten, aber nicht mehr wahrnehmen konnten, dann arbeiten wir die Anfragen nach und nach ab. Wegen des Schichtsystems arbeiten wir von 7 bis 20 Uhr, sechs Tage in der Woche. Wir werden pro Schicht weniger Kunden frisieren können, aber wir werden sehen, wie sich das mit den verlängerten Öffnungszeiten ausgleicht.

Laufkundschaft hat vorerst keine Chance?

Eher nicht. Wir sind über etwa vier bis sechs Wochen quasi vollständig ausgebucht, in allen Salons. Ich habe mich über die vielen positiven Nachrichten zu unserem Comeback gefreut, aber ich mache mir auch Sorgen, dass der eine oder andere Kunde kein Verständnis für die Lage aufbringt.

Den Friseur zu wechseln, wird aber vermutlich schwierig.

Das stimmt. Aber es gibt Kunden mit einer Forderungshaltung, der wir einfach nicht entsprechen können.

Wie werden Sie die wirtschaftliche Delle verschmerzen?

Wir machen etwa 40.000 bis 60.000 Euro Umsatz pro Salon und Monat. Das ist weggefallen, Kosten laufen weiter. Das macht man nicht so schnell wieder wett. Die meisten Friseure sind Künstler und keine Kaufleute. Ich habe großes Glück, weil ich einen so tollen Geschäftspartner habe. Er wirtschaftet sehr hanseatisch und konservativ. Er hat das Geld immer zusammengehalten, das hat uns gerettet.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

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Info

Zur Person

Stefan Hagens

ist seit 1991 Friseurmeister. Er und sein Geschäftspartner Rainer Kaemena führen in Bremen drei Friseursalons mit 32 Mitarbeitern.

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