Der harte Kern kommt bei Hitze oder Kälte

Frühschwimmer im Stadionbad kommen bei jedem Wetter,

Im großen 50-Meter-Becken des Freibads am Stadion sind zwei Bahnen abgetrennt. Wie ein eingespieltes Team kraulen die Frühschwimmer hintereinander her. Noch bis 8.30 Uhr ist der Eintritt günstiger als sonst.
03.08.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Frühschwimmer im Stadionbad kommen bei jedem Wetter,
Von Jörn Hüttmann
Frühschwimmer im Stadionbad kommen bei jedem Wetter,

Ein kühler Kopf am frühen Morgen: Im Stadionbad trifft sich ab 6.30 Uhr der Kreis der Schwimmer, die ihren Tag sportlich mit einem Sprung ins Wasser beginnen.

Christina Kuhaupt

Im großen 50-Meter-Becken des Freibads am Stadion sind zwei Bahnen abgetrennt. Wie ein eingespieltes Team kraulen die Frühschwimmer hintereinander her. Ganz normaler Betrieb – dabei ist es gerade erst 6.30 Uhr. Noch bis 8.30 Uhr ist der Eintritt günstiger als sonst. Wer dort unterwegs ist, gehört zu den Sportlicheren, sagt Schwimmmeister Andree Kursawe. „Rechts geht es hoch, links runter. So kommt man sich nicht ins Gehege.“ Im Rest des Beckens, etwas weiter Richtung Stadion, geht es gemütlicher zu. Dort wird weniger gekrault. Die Frühschwimmer ziehen ihre Bahnen häufiger auf der Brust oder dem Rücken. So früh ist genug Platz für alle da.

Auch Tim Bussmann und Malte Jonas sind früh unterwegs. Um 6.33 Uhr bezahlen die beiden jungen Männer ihren Eintritt für das Freibad am Weserstadion – drei Minuten nach der offiziellen Öffnung. „Jetzt sind schon 13 Frühschwimmer da“, sagt Yara Zimmermann, die wie jeden Morgen an der Kasse sitzt. „Eigentlich alles bekannte Gesichter.“ Nur die Beiden eben seien neu, sagt Zimmermann und deutet in Richtung der Duschen. Dorthin, wo gerade Bussmann und Jonas hinter der Ecke verschwunden sind.

Yara Zimmermann stellt die eine Thermoskanne Kaffee auf die Stehtische hinter dem Eingang des Freibads. Dazu noch eine Schale mit Keksen. Alles finanziert durch Spenden der Frühschwimmer. Das gehört zur Tradition im Stadionbad. Nach dem Sport trifft sich der harte Kern der Frühschwimmer auf eine Tasse und einen kleinen Plausch, bevor alle in ihren Alltag starten.

John W. Dennis ist als Erster fertig. Kurz vor 7 Uhr steht er frisch geduscht am Kaffee-Tisch. Der große Mann mit den grauen Haaren trägt Flip-Flops, kurze Hose und einen roten Pullover. „Es war wunderbar, wie immer“, sagt Dennis. Aber an der Luft ist es kalt. Nur 15 Grad. Im Wasser sind 22 Grad. Deshalb hat er sich die Kapuze weit ins Gesicht gezogen. „Ich komme aus dem Wasser, trinke eine Tasse, und dann bin ich weg.“ Nur ist er heute früher dran als sonst. Noch ist niemand zum Schnacken da. So bleibt ihm nichts anders übrig, als sich am Kaffee zu wärmen und die Neuankömmlinge zu grüßen. Man merkt, wer zum inneren Kreis gehört und wer nicht. Aber vor dem Schwimmen hat niemand Zeit für viele Worte.

Kurz nach sieben zahlt bei Yara Zimmermann der 26. Schwimmer. Für John W. Dennis ist es Zeit zu gehen. „Ich hab einen frühen Termin auf der Arbeit“, sagt er und räumt seinen Platz für Wilma Ißmer und Barbara Fröhlich. Die älteren Damen kennen Dennis seit Jahren. Beide kommen seit mehr als vier Jahrzehnten zum Frühschwimmen ins Stadionbad. „Wenn der Wecker klingelt, weiß ich, wir treffen uns – und es geht los“, sagt Barbara Fröhlich. „Das kann ich mir gar nicht anders vorstellen – bei Wind und Wetter.“ Und zum Frühschwimmen gehöre eben auch die Kaffeerunde mit dazu. „Das ist schon eine eingeschworene Gemeinschaft“, sagt Wilma Ißmer. „Man kennt sich eben vom Sehen.“ Die Gespräche drehen sich um alles Mögliche: „Familie, Politik und oft um das Wetter, dass es so kalt ist“, sagt Fröhlich. Oder man beobachte einfach, was passiert – „Smalltalk eben“.

Nicht alle haben genug Zeit für einen Kaffee. Zusammen mit Ißmer und Fröhlich verlässt eine Frau noch in Schwimmsachen das Bad. Sie hat sich nur eine Jacke übergeworfen und hat es eilig, nach Hause zu kommen. Olaf Dilling geht es ähnlich. Bei gutem Wetter kommt er zwar zweimal in der Woche, um frisch in den Tag zu starten. „Aber ich bleibe nicht für einen Kaffee, sondern beeile mich lieber und frühstücke Zuhause.“

Der Neuling Malte Jonas hat den heißen Kaffee aber bitter nötig. Nach 20 Minuten im Wasser sind seine Lippen und Finger blau. Seine Hände zittern vor Kälte. „Alles nicht so schlimm“, erklärt er. „Ich habe eine Durchblutungsstörung.“ Und der Kaffee zeigt schnell seine Wirkung. Schon nach den ersten Schlucken taut Jonas auf, plaudert mit Wolfgang Melzer, einem vom harten Kern der Frühschwimmer. Malte Jonas ist Sportkletterer, genau wie Tim Bussmann. Beide kommen zum Ausgleichstraining ins Schwimmbad. „Eigentlich wollen wir auch regelmäßiger kommen“, sagt Malte Jonas. „Gib mir auch mal einen Kaffee“, unterbricht ihn Wolfgang Melzer und grinst: „Der Kaffee ist so beliebt, dass sich die Leute um ihn streiten.“ Malte Jonas lacht. Spätestens jetzt ist das Eis gebrochen. Nächstes Thema: die Wassertemperatur.

Da können auch Herta Hartmann und Wolfgang Marg mitreden. Sie schwimmen schon seit 15 Jahren zusammen, erzählt Marg, ein ehemaliger Kinderarzt, der von vielen nur „der Doktor“ genannt wird. Von Hartmann weiß er, dass sie Musiklehrerin war, Arabisch spricht und sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert. „Nur ihren Namen höre ich heute zum ersten Mal. Schön, dass ich den jetzt auch weiß“, sagt Marg. Über das Kaffeetrinken hat Hartmann in den vergangen Jahren ihre Doppelkopfrunde und ihren Chor gefunden. Außerdem trifft sie sich auch heute noch regelmäßig mit vier Frauen zum Frühstück, die sie beim Schwimmen kennengelernt hat, die aber wegen ihres Alters nicht mehr ins Freibad kommen können. Hartmann und Marg sind von solchen Altersbeschwerden noch weit entfernt. Sie kommen beide jeden Tag. „Aber seit der Rente erlaube ich mir, immer eine Viertelstunde später zu kommen“, sagt Marg.

Solche Veränderungen können den informellen Zeitplan im Freibad stark durcheinander wirbeln, erzählt Jürgen Maas mit einer Tasse in der Hand. Der Kaffee am Eingang gehört zu den festen Tagesaufgaben des Betriebsleiters des Stadionbads. Er führt das Bad in zweiter Generation. Kennt es, seit er ein kleiner Junge ist. „Die Frühschwimmer merken genau, wenn da auf einmal zwischen 7.10 Uhr und 7.20 Uhr jemand neues auf der Bahn ist“, sagt Maas. Das könne sich dann auch auf die Duschreihenfolge auswirken. „Aber sobald jemand regelmäßig kommt, spielt sich das relativ schnell ein“, sagt Maas. Das bestätigt auch der harte Kern, rund um den Kaffeetisch. „Und wenn dann mal einer nicht kommt, ohne sich abzumelden, machen wir uns gleich Sorgen“, sagt Herta Hartmann. Es ist das Schlusswort des Frühschwimmens. Punkt 8.30 Uhr ist die vergünstige Zeit abgelaufen und Yara Zimmermann räumt Kaffee und Kekse ab.

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