Mindestgebot 25.000 Euro Fünf Hochbunker kommen unter den Hammer

100.000 Euro für ein Haus mit fast 500 Quadratmetern Fläche auf zwei Etagen mit ausbaufähigem Dachgeschoss? Ein Schnäppchen - wenn man Bunker mag. Fünf davon werden am Mittwoch in Bremen versteigert.
10.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Fünf Hochbunker kommen unter den Hammer
Von Nikolai Fritzsche

100.000 Euro für ein Haus mit fast 500 Quadratmetern Fläche auf zwei Etagen mit ausbaufähigem Dachgeschoss? Mit exzellent isolierten Wänden und einer Bausubstanz, die „solide“ zu nennen heillos untertrieben wäre? Auf einem 700 Quadratmeter großen Grundstück? Ein Schnäppchen! Es sei denn, man legt Wert auf Tageslicht.

Kalt ist es im Inneren. Das Könnte daran liegen, dass erst Anfang März ist. Wobei: Es ist kaum vorstellbar, dass die Hitze eines Sommertags durch die Wände dieses Bunkers dringen würde – ein Volltreffer einer Bombe könnte es nämlich nicht. 110 Zentimeter dicke Mauern aus Stahlbeton trennen das Innere des Gebäudes vom Rest der Welt. Wenn man die beiden Stahltüren, jede von ihnen vierzig Zentimeter stark, passiert hat, scheint dieser Rest der Welt ganz weit weg zu sein.

Von einst 120 bis 130 Hochbunkern stehen in Bremen heute noch rund 100. Das schätzt Thomas von Seggern, der bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) für die Beton-Kolosse zuständig ist. „Seltsamerweise ist jeder ein bisschen anders gebaut, da gab es anscheinend keine Norm.“ Die Ausnahme: In der Wilhelm-Wolters-Straße in Sebaldsbrück stehen fünf baugleiche Bunker. Und diese sollen am Mittwoch, 11. März, in Rostock den Besitzer wechseln. Ein Auktionshaus versteigert sie im Auftrag der Bima, Mindestgebot pro Stück: 25.000 Euro. Peter Beyer, der für das Auktionshaus die Besichtigungen in Bremen betreut, rechnet damit, dass pro Bunker bis zu 100.000 Euro bezahlt werden könnten.

Bis 2006 galt für viele Bunker im Bundesgebiet die sogenannte Zivilschutzbindung. Nach 60 friedlichen Jahren in Europa und gut 15 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges hatte Deutschland aber keine Angst mehr, angegriffen zu werden. Wer sich des Friedens gewiss ist, braucht keine Schutzräume, also werden die verbleibenden Bunker nach und nach verkauft. Nach der aktuellen Versteigerung werden der Bima in Bremen noch 24 ehemalige Schutzräume gehören. „In sieben bis acht Jahren sind wir mit dem Verkaufen fertig“, prognostiziert von Seggern.

Die Bunker wurden 1943 errichtet, um jeweils 150 Menschen Schutz zu bieten. Damit sie von oben wie Wohnhäuser aussahen, bekamen sie Spitzdächer aufgesetzt. Das Gefühl, das das Innere der Bunker heute vermittelt: Beklemmung. Die Angst, eingeschlossen zu werden und nicht mehr herauszukommen. Obwohl die Dächer inzwischen sogar rote Ziegel zieren. Der Mangel an Tageslicht im Innern des Bunkers, der bei Fliegeralarm Sicherheit versprach, ruft heute, wo die meisten den Krieg nur aus dem Fernsehen kennen, das Gegenteil hervor. Von oben drücken die nur 2,25 Meter hohen Decken.

Umbauten nötig

„Bauamt befürwortet Nutzung zu Wohnzwecken“, heißt es trotzdem im Auktionskatalog. Schutzraum wird nicht mehr gebraucht, Wohnraum umso mehr. Mit gepackten Koffern wird aber keiner der Interessenten zur Auktion nach Rostock kommen. Denn vor den Einzug hat der Bauherr den Beton gesetzt – egal, was zukünftige Bewohner mit den Bunkern vorhaben.

Der Weg des geringsten Widerstands ist der Ausbau des Dachgeschosses mit Erkerfenstern. Die Dachstühle unter den Ziegeln bestehen zwar wie die Wände der Bunker aus Beton, jedoch ist dieser im Vergleich von geradezu lächerlicher Dicke: Zwölf Zentimeter sind keine Herausforderung für eine Betonfräse mit Diamant-Sägeblättern.

Deutlich mehr Mühe bereiten dem härtesten Stoff, den die Natur hervorgebracht hat, die Bunkerwände. Für jeden Quadratmeter Fensterfläche muss schließlich mehr als ein Kubikmeter Beton aus der Mauer geschnitten werden. Mehrere Tausend Euro kostet das pro Öffnung. Ganz ohne Edelsteine, aber mit viel mehr Lärm funktioniert die Variante, die Investoren träumen lässt und Nachbarn schlaflose Nächte beschert: die Sprengung.

Doch selbst wenn einige der zukünftigen Besitzer sich hierfür entscheiden, werden Bunker das Stadtbild Bremens weiterhin prägen. „Ich gehe davon aus, dass Bremen deutschlandweit die meisten Hochbunker aus dem Dritten Reich hat“, erzählt von Seggern. Und da die technischen Möglichkeiten für deren Umbau immer besser und erschwinglicher werden, macht die Bima ihren Beton-Ballast seit einigen Jahren erfolgreich zu Geld.

Rund hundert Interessenten sind in den vergangenen Wochen aus ganz Deutschland angereist, um die Sebaldsbrücker Bunker zu besichtigen. Für manche von ihnen sind die dicken Wände kein Hindernis, sondern, im Gegenteil, ein Kaufargument. Sie machen die Hochbunker nämlich zu idealen Orten für Proberäume – der Gitarrenverstärker, der so viel Beton durchdringt, muss erst noch gebaut werden.

Zwanzig bis dreißig Bieter erwartet Beyer zur Auktion. Möglicherweise ist auch der Interessent dabei, der bei der Besichtigung berichtete, einen der Bunker als Schutzraum wiederbeleben zu wollen: zur diebstahlsicheren Aufbewahrung von Kunstgegenständen.

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