In diesen Tagen werden die Mitglieder für das neue Deichamt gewählt / Eine reine Briefwahl Für Bremen überlebenswichtig

Weidedamm. In diesen Tagen erhalten rund 120 000 wahlberechtigte Bremerinnen und Bremer per Post ihre Stimmzettel. Sie sind Eigentümer von Grundstücken rechts oder links der Weser, müssen deshalb Beiträge an einen der beiden Deichverbände leisten und sind damit automatisch dessen Mitglieder.
06.05.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

In diesen Tagen erhalten rund 120 000 wahlberechtigte Bremerinnen und Bremer per Post ihre Stimmzettel. Sie sind Eigentümer von Grundstücken rechts oder links der Weser, müssen deshalb Beiträge an einen der beiden Deichverbände leisten und sind damit automatisch dessen Mitglieder. Als solche sind sie berechtigt, alle fünf Jahre ihre Vertreterinnen und Vertreter im Deichamt neu zu wählen.

Rund ein Drittel aller Wahlberechtigten haben das bei den Deichamtswahlen im Jahr 2011 getan – gar nicht schlecht für eine Wahl, die ohne Werbespots und Wahlplakate auskommt. Aber ganz ohne Wahlkampf geht es auch beim ehrenamtlichen Deich-Parlament nicht.

Info-Angebot ohne Resonanz

Wofür sie ihre jährliche Abgabe leisten – 0,7 Promille des Grundstückseinheitswerts – das hätte die Findorffer Wählerschaft den amtierenden Deichhauptmann Michael Schirmer kürzlich persönlich fragen können. Es mag am Wetter gelegen haben: Das Interesse an der Informationsveranstaltung in der Martin-Luther-Gemeinde lag allerdings nahezu bei null.

Das Thema selbst jedenfalls geht alle Bewohner der Stadt unmittelbar an. Mit ihren Beiträgen finanzieren die Grundstückseigentümer ihre eigene Sicherheit und die künftiger Generationen. „Ohne Deiche gäbe es Bremen nicht“, erklärte der Deichhauptmann Michael Schirmer. „Rund 85 Prozent der Stadtfläche sind potenziell überflutungsgefährdet“. Besonders bedroht sind die tieferliegenden Stadtteile – und dazu zählen Findorff, Walle und Gröpelingen. Die Deichverbände der beiden Weserufer haben die existenziell wichtige Aufgabe, die Stadt vor Sturmfluten von der Küste und vor Hochwasser aus dem Binnenland zu bewahren. Zurzeit wird der 100 Kilometer lange Bremer Deich-Wall nach und nach um einen Meter erhöht und verstärkt, damit er auch dem steigenden Wasserspiegel standhalten kann.

Der Deichverband am rechten Ufer, zu dem auch die Stadtteile im Bremer Westen zählen, ist mit rund 89 000 Mitgliedern der größere der beiden Verbände. Er funktioniert „wie ein mittelständisches Unternehmen“, so Schirmer.

Geschäftsführer Wilfried Döscher leitet das operative Geschäft mit rund 50 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die hauptberuflich mit der Pflege und Erhaltung der Deiche beschäftigt sind. Das Deichamt ist so etwas wie die Aufsichtsbehörde des Deichverbands, erklärte Schirmer.

Dieses rein ehrenamtliche Kontrollorgan besteht aus 31 gewählten Vertretern aus den Stadtteilen. Die Delegierten wählen den fünfköpfigen Vorstand, stellen den Haushaltsplan auf, entscheiden über die Höhe der Verbandsbeiträge, beschließen über die Satzung und alle wichtigen Angelegenheiten des Deichschutzes sowie der Gewässerunterhaltung.

Die Deichamtswahl ist eine ausgesprochene Personenwahl. Viele der Bewerberinnen und Bewerber sind in ihren Stadtteilen bereits gut bekannt. Für die Wählerinnen und Wähler bedeutet das: Sie können wählen, wem sie das ehrenamtliche Engagement zutrauen möchten. Aber ohne Parteien geht es auch hier nicht.

Am rechten Weserufer wird die Wahl unter zwei Listen ausgetragen: Der „Bremer Deichschutzliste“ und der „Bürgergruppe Deichsicherheit“. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass Michael Schirmer, Kandidat der „Deichschutzliste“, auch in den kommenden fünf Jahren Deichhauptmann bleiben wird. Der emeritierte Biologieprofessor und renommierte Forscher auf den Gebieten Klimawandel und Gewässerökologie, Jahrgang 1944, steht dem Vorstand bereits seit zwölf Jahren vor und wird von beiden Listen unterstützt.

In ökologischen Fragen sieht der Deichhauptmann allerdings deutliche Unterschiede. Der Deichschutzliste liegt zum Beispiel am Herzen, dass die Deiche weniger intensiv gemäht werden. Dann könne sich nicht nur eine größere Artenvielfalt entwickeln, so Schirmer: Die Pflanzen bildeten außerdem einen Wurzelfilz, der wiederum auf ganz natürliche Weise die Grasnarbe stärke. Der Effekt dieses ökologischen Laissez-faire-Ansatzes sei gutachterlich bestätigt und rechtfertige auch den höheren Aufwand und die höheren Kosten beim Schnitt des hochgewachsenen Grüns, betont Schirmer.

Der Natur mehr freien Lauf lassen möchte die Deichschutzliste auch bei der Pflege der 650 Kilometer langen Gräben in ihrem Bereich: Mit dem Projekt „Naturschonende Fleeträumung und Grabenunterhaltung“ soll im Sinne einer ökologisch optimierten Pflege nur so schonend wie möglich und so selten wie nötig eingegriffen werden. Nebeneffekt laut Schirmer: Schädlinge wie die Bisamratte fühlten sich in den flacheren Gräben weniger wohl.

Die „Bremer Deichschutzliste“ ist das Erbe des Bremer Umweltaktivisten Gerold Janssen, der zwischen 1987 und 1991 das Amt des Deichhauptmanns innehatte. Mit ihm gelangte der Naturschutz in die Satzung der Deichschützer. Die „Bürgergruppe Deichsicherheit“ beschreibt sich als „bunte Mischung“ unabhängiger, ideologisch nicht gebundener Bürger, sagt August Kötter, der dem Deichamtsvorstand als Beisitzer angehört und diesmal als Ersatzkandidat antritt.

Die kostenbewusste Arbeit ist der Bürgergruppe besonders wichtig: Sie möchte – wie berichtet – mit ihrem Kandidaten Claus Aumund-Kopp aus Osterholz den neuen Sprecher des Finanzausschusses stellen.

Die Wahlberechtigen erhalten postalisch die Wahlunterlagen mit den Kandidatinnen und Kandidaten ihres Bezirks in alphabetischer Reihenfolge. Die Deichamtswahl ist eine reine Briefwahl. Der Termin für den Versand der Wahlunterlagen war der 30. April. Die Wahlbriefe werden bis Freitag, 27. Mai, 16 Uhr, angenommen.

Wahlergebnis am 4. Juni

Das Wahlergebnis soll am Sonnabend, 4. Juni, bekannt gegeben werden. Weitere Informationen über den Bremischen Deichverband und das Deichamt am rechten Weserufer finden sich im Internet unter der Adresse www.dvr-bremen.de. Im Downloadbereich finden Interessierte auch die Rundbriefe, in denen der Deichhauptmann die Aktivitäten des Verbandes kommuniziert.

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