Am Buß- und Bettag feiern Hunderte die Nacht der Lichter im Dom / Eritreischer Flüchtling berichtet Für ein Leben in Freiheit und ohne Gewalt

Altstadt. Am Abend dieses besonderen Buß- und Bettages sind Hunderte in den Dom geströmt, um gemeinsam die Nacht der Lichter zu feiern. Das Gotteshaus im Herzen der Stadt war voll, zuletzt gab es nur noch Stehplätze.
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Von Sigrid Schuer

Am Abend dieses besonderen Buß- und Bettages sind Hunderte in den Dom geströmt, um gemeinsam die Nacht der Lichter zu feiern. Das Gotteshaus im Herzen der Stadt war voll, zuletzt gab es nur noch Stehplätze. Groß war die Sehnsucht, bei vielsprachigen Gesängen aus der christlichen Gemeinschaft im französischen Taizé nach den Terroranschlägen von Paris Ruhe, Hoffnung und Zuversicht zu finden. Und letztlich auch das Leben und die Gemeinschaft zu spüren.

Ganz so, wie es einer der Karikaturisten des französischen Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ unmittelbar nach den Mordanschlägen von Paris im Internet geschrieben hatte: „Lasst uns näher zusammenrücken, lasst uns einander in die Arme nehmen und lasst uns das Leben feiern!“ Viele Bremerinnen und Bremer suchten an diesem Abend Kraft im Gebet und sangen: „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht. Christus meine Zuversicht, auf dich vertrau’ ich und fürchte mich nicht!

Auf dem Titel des Liederblattes war die Trikolore, die dreifarbige französische Flagge, als Zeichen der Verbundenheit mit den Opfern des Terrors abgedruckt. Wie vor 1989 in der Friedensbewegung der DDR wurde eine alttestamentarische Verheißung des Propheten Jesaja in vielen verschiedenen Sprachen zitiert: „Es wird geschehen am Ende der Tage. Gott wird richten zwischen den Völkern. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Kein Volk wird mehr gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“

Dann intonierten mehr als 100 Jugendliche aus den evangelischen und katholischen Innenstadtgemeinden das französische Lied „Jésus le Christ, lumière intérieure“ (Jesus Christus, Licht aus dem Inneren). Das Licht im Inneren des Domes erlosch und es wurden die Kerzen entzündet, die die Jugendlichen zu Beginn verteilt hatten. Im Anschluss an das Lied „Frieden hinterlasse ich euch. Meinen Frieden gebe ich euch. Euer Herz verzage nicht“ herrschte minutenlange Stille, in der man eine Stecknadel zu Boden hätte fallen hören können.

„Freitagnacht ist etwas Schreckliches geschehen, wir sind in Gedanken bei den Terror-Opfern und ihren Familien“, das war ein zentraler Gedanke in den Fürbitten der „Nacht der Lichter“. Und im abschließenden Segen hieß es: „Der Herr segne uns, damit wir uns von dunklen Mächten nicht unterkriegen lassen und damit wir hell leuchten in dunkler Nacht. Er segne uns, damit wir immer wieder die Kraft finden, um den Frieden zu ringen!“

Unter den Besuchern des Doms war auch Gebrekrstos Tesfay, was auf Deutsch so viel heißt wie: Diener Christi. Er ist Mitglied der rund 100 Flüchtlinge umfassenden eritreischen Gemeinde Bremens, die seit August alle 14 Tage ihre christlich-orthodoxen Gottesdienste in der Ostkrypta des Doms feiert. „Zwei Drittel von uns sind Christen, ein Drittel Muslime. Ich selbst bin orthodox. Wir glauben alle an denselben Gott“, betonte der Eritreer, der vor einem Jahr in Bremen Zuflucht gefunden hat. Im Dom schilderte er in seiner Muttersprache die dramatischen Umstände seiner Flucht, übersetzt ins Deutsche. „Bei uns in Eritrea gibt es weder Demokratie noch Gerechtigkeit“, sagte Gebrekrstos Tesfay. „Viele meiner Landsleute sitzen nur deswegen im Gefängnis, weil sie sich nicht vom Militär zwangsrekrutieren lassen wollten. Wir sind rechtlos, in unserem Heimatland gibt es kein Recht auf freie Meinungsäußerung.“ Er und viele andere Eritreer sehnten sich nach Demokratie und Gerechtigkeit, dafür seien sie bereit, alles zu opfern. Tausende stürben auf der gefährlichen Flucht quer durch die Sahara und über das Mittelmeer. Tesfay berichtete von dem schweren Schicksal der Eltern, die in der Heimat zurückgeblieben seien und niemand mehr hätten, der sie versorgen könne. Und trotzdem beteten sie für ihre Kinder. „Lasst uns dafür beten, dass wir ein friedvolles, glückliches Leben führen können. Ehre sei Gott in Ewigkeit. Gott segne Euch“, lautete der Schlussappell des Eritreers.

Die Fürbitten des Kyrie galten auch den vielen Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen: „Herr, sei bei ihnen auf ihrer schweren Reise.“ Eine weitere Fürbitte galt dem Frieden unter den Religionen: „Lass die Menschen akzeptieren, dass es verschiedene Wege zu dir gibt! Keine Religion ruft zum Töten auf!“ Außerdem wurde in den Fürbitten appelliert, „gemeinsam dem Terror weltweit entgegenzutreten“. Schließlich hieß es: „Gott, beschütze all die Menschen, die wir lieben und die uns viel bedeuten!“

Als die Nacht der Lichter zu Ende ging, luden zwei Botschafterinnen der Glaubensgemeinschaft von Taizé, die auf dem „Pilgerweg des Vertrauens“ nach Bremen gekommen sind, zum Jahreswechsel nach Valencia zu Gebeten und Workshops ein.

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