Baustelle an der Weser Für ein sicheres Weserufer

Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt verbaut am Schönebecker Sand Tausende Tonnen Splitt und Steine. Die Erneuerung des Weserufers an dieser Stelle kostet 3,3 Millionen Euro.
08.07.2018, 19:05
Lesedauer: 5 Min
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Von Volker Kölling

Bremen-Nord. Die Weser bekommt direkt hinter der Lesummündung auf anderthalb Flusskilometern ein neues Ufer. Auf der 3,3-Millionen-Euro-Großbaustelle muss nach der Tide gearbeitet werden. Nur bei Niedrigwasser starten die Bagger mit den extralangen Auslegern ihr eingespieltes Ballett. Greifer um Greifer holen sie Splitt und Steine aus dem Bauch von Binnenschiff „Bella-Jane“, um sie genau nach Plan über dem offenen Weserhang auszuschütten.

Um 13 Uhr ist heute Niedrigwasser und nun geht es schon auf 12.30 Uhr zu. Ralf-Dieter Martin guckt immer wieder sorgenvoll auf die Uhr. Bis zum Flussknick an der Moorlosen Kirche kann er von der alten Badeanstalt am Schönebecker Sand aus sehen. Ein blaues Küstenmotorschiff kommt langsam näher, aber die „Bella-Jane“ ist noch außer Sicht.

Der Wasserbauingenieur ist hier der Baubevollmächtigte, also so etwas wie der Bauherr für das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Bremen (WSA). Polier Axel Timpe von der ausführenden Baufirma Thieling Bau aus Augustgroden am Jadebusen schreitet mit einem Maßband die Baustelle ab: Zwanzig Meter Ufer wollen sie heute schaffen. Der Hang ist fertig vorbereitet, aber ohne Splitt und Steine aus dem Industriehafen können sie die Vorgabe heute streichen. „Der Schiffer hat sich gemeldet. Die sind in der Oslebshauser Schleuse aufgehalten worden,“ versucht Timpe den WSA-Mann zu beruhigen.

Andererseits gibt das die nötige Zeit, sich die Theorie des Uferbaus mal in der Praxis anzuschauen. Im Baucontainer direkt hinter dem Deichschart hat Ralf-Dieter Martin die Vorführung der Tiefenpläne und geplanten Ufer-Querschnitte mit einer ganzen Menge Wasserbauvokabular garniert: Da haben Spezialisten beispielsweise an der alten, vier Meter tiefen Sicherungsspundwand halb am Hang eine „Restwanddickenmessung“ durchgeführt. Das heißt, man hat geguckt, ob der Stahl aus den 60er-Jahren noch einmal vierzig, fünfzig Jahre hält. Das wird er, ist sich der Ingenieur sicher. Doch der Rest der alten Ufersicherung muss weg.

„Vor vierzig Jahren war es noch Stand der Technik, die Ufersteine mit einem sogenannten Asphaltmastixverguss praktisch als Klammer zu versehen. Aber wie bei einer alten Asphaltstraße auch, vergeht das Material. Es wird brüchig, Grün kommt durch, all das hält nicht mehr.“ Martin und seine Kollegen vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Bremen sind praktisch die Uferwächter. An der Wand des Baucontainers hängen vielfarbige Kartenausdrucke – Ergebnisse von den Peilfahrten des WSA-Messschiffes „Nadir“ mit dem Fächerecholot. Bei Hochwasser sind Martins WSA-Kollegen von der Außenstelle Farge ganz nah am Ufer unterwegs gewesen und haben so die künftige Baustelle kartiert.

Durch das Fenster des Baucontainers sieht man plötzlich nur noch die blaue Schiffswand des Kümos. „Das sind jetzt keine achtzig Meter bis zur Fahrwassermitte. Wir sind hier an einer sehr engen Stelle des Flusses, der Vegesacker Kurve.“ Ralf-Dieter Martin muss nicht extra betonen, dass man auf die Uferränder an diesem Nadelöhr besonders achten muss. Die Altvorderen des Wasserbaus haben mit dem Asphaltguss seinerzeit auch schlicht Steine gespart. Das wird auf der Baustelle des Jahres 2018 nicht passieren. Ralf-Dieter Martin zeigt auf die Skizze eines Halbmodells: „Früher hatten wir hier ein Deckwerk mit einer Stärke von fünfzig bis sechzig Zentimetern. Wir gehen jetzt auf 1,2 Meter.“ Vorher kommen auf den Wesersand aber auch noch zwei Schichten Splitt in grober und feiner Körnung. Der Splitt sorge dafür, dass später kein Sand aus dem Bauwerk herausgespült werden kann, erläutert der Ingenieur.

Und damit auch kein Wasser von oben die Uferbefestigung aushöhlen kann, haben die Mitarbeiter von Thieling-Bau am oberen Rand des neuen Bauwerks auf der kompletten Länge schon eine Zwei-Meter-Spundwand in die Erde gerüttelt – komplett unbemerkt von den Bewohnern der Vegesacker Altstadt, zu der es von hier Luftlinie nur ein paar Hundert Meter sind. Polier Timpe lächelt ein bisschen stolz: „Dafür gibt es heute Maschinen, damit das niemandem mehr auf den Wecker geht.“ Dabei sollte seine Baustellencrew zum Start der Aufgaben durchaus extra ein bisschen Krach machen, wie Ralf-Dieter Martin verrät: „Wir brauchten hier kein neues Planfeststellungsverfahren, weil das hier eine Unterhaltungsmaßnahme im Bestand ist. Aber wir haben wegen der Nähe zum Naturschutzgebiet trotzdem Umweltgutachten eingeholt und sind dann dem Rat gefolgt, hier im April den Brutvogelbestand etwas aus dem Baustellenbereich zu verdrängen.“

An was man bei solch einer Baustelle alles denken muss: Nach der Abfrage des Altlastenkatasters mussten zwei Drittel des Ufers zu Kampfmittelverdachtsflächen erklärt werden. Hinter der alten Badeanstalt muss im Krieg eine Flakstellung gestanden haben. Ein Mann von einer Kampfmittelbeseitigungsfirma hat auf der Baustelle den Job, praktisch jede Baggerschaufel auf den Inhalt zu begutachten. Durch Bodenproben stieß man an einer kleinen Stelle außerdem auf zu viel PAK, was Martin mit Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe übersetzt – alter Treibstoff im Boden. „Die Stelle wird getrennt entsorgt. Ansonsten können wir aber den Aushub an Wesersand problemlos dem Fluss zurückgeben.“

Auch das Verfahren ist natürlich in der langen Planungsphase seit 2015 geprüft worden – in diesem Fall vom Bundesamt für Gewässerkunde. Auf der gegenüberliegenden Uferseite in Lemwerder lässt sich außerdem noch eine Neuerung beim Uferbau besichtigen: Alle dreihundert Meter wird eine 20-Quadratmeter-Pflanzeninsel eingebaut. Geht alles nach Plan, wird sich von diesen Inseln aus über die Jahre das ganze Ufer begrünen.

Die „Bella-Jane“ tuckert heran und stoppt mit imposantem Schraubenwasser neben der Greiferplattform „Hergen“. Vorne schleppt das Binnenschiff die zehn bis sechzig Kilo schweren Ufersteine, graublau glänzendes Karbon-Quarzit aus der Eifel. Im hinteren Teil des Laderaums hat der Holländer die zwei Sorten Splitt gebunkert. Wenn die Arbeiten im Oktober abgeschlossen sind, werden hier 20 000 Tonnen Splitt und 25 000 Tonnen Steine fortan Sog und Wellenschlag trotzen. Von unten am braunen Weserwasser bis nach oben zur Deckwerkskante sind es 25 Meter.

Die Greifer legen über der offenen Grube los. Der größte Bagger wiegt selbst allein sechzig Tonnen, sein Ausleger packt zwanzig Meter weiter unten zu und koffert das Fundament aus, indem er den braunen Sand etwas weiter ins Wasser kippt. Sein nur etwas kleinerer Bruder holt sich den Splitt aus dem Schiffsbauch und legt ihn auf die frisch vorbereiteten Stellen. Die Baggerfahrer haben auf Bildschirmen allen Messdaten und den Vorgaben an Bord. Aber würde das Wasser schon wieder steigen, hätte sich ihre Pause bis zur nächsten Tide verlängert. Martin: „Da im Wasser ohne Sicht herumzuwühlen, bringt nichts.“

Nun haben es die gelben Riesen eilig. Ein Mann steht mit einer Messlatte an der Wasserkante und prüft den Schichtaufbau. Läuft. Ingenieur Ralf-Dieter Martin will eigentlich gar nicht mehr zurück zum Baucontainer: „Ich gucke mir jetzt an, ob sie die zwanzig Meter heute wirklich noch schaffen.“ Tags drauf kommt die Meldung: Die sieben Mann vom Jadebusen haben ihr Tagessoll tatsächlich noch geschafft.

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