Kommentar über sexuellen Missbrauch

Für einen Schlussstrich ist es noch viel zu früh

Zehn Jahre nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals muss man ein trauriges Fazit ziehen: Deutschland ist bei der Aufarbeitung und der Prävention noch nicht allzu weit vorangekommen, meint Bejamin Lassiwe.
13.01.2020, 19:11
Lesedauer: 3 Min
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Von Benjamin Lassiwe
Für einen Schlussstrich ist es noch viel zu früh

Eine Folge des Skandals: Johannes-Wilhelm Rörig wurde das Amt des Unabhängigen Beauftragten übertragen.

Christine Fenzl

Es war der Stein, der alles ins Rollen brachte. Am 14. Januar 2010 trafen sich Matthias Katsch und andere ehemalige Abiturienten des Berliner Canisius-Kollegs mit dem Jesuitenpater Klaus Mertes. Nach Jahrzehnten des Schweigens hatten sie den Mut, über den an der Schule erlebten Missbrauch zu berichten. Mertes entschied sich darauf, einen Brief an alle ehemaligen Schüler der Schule zu schicken. Es war der Anfang des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche, der sich rasch zu einem gesamtgesellschaftlichen Skandal ausweitete.

Zehn Jahre später ist viel geschehen. Die Bundesregierung hat einen unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs berufen. Es gibt Studien, runde Tische, Beiräte und Präventionsmaßnahmen. Doch für einen Schlussstrich ist es zu früh. Im Gegenteil: Heute muss man konstatieren, dass die Gesellschaft im letzten Jahrzehnt längst nicht so viel gelernt hat, wie es vielleicht möglich gewesen wäre. Das fängt bei den Kirchen an, wo man den Eindruck hatte, dass der Missbrauchsskandal ohne die von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragte MHG-Studie schon fast wieder in Vergessenheit geraten wäre.

Doch noch immer gibt es in beiden großen Kirchen keine Entschädigungszahlungen, die diesen Namen verdienen. Noch immer stehen auch die Protestanten bei der Aufarbeitung an manchen Stellen erst ganz am Anfang – etwa bei den Studien, die das Dunkelfeld der bislang unbekannten Taten aufhellen und nach systemischen Problemen suchen sollen –, auch wenn sie mit ihrem im letzten November beschlossenen Opferbeirat früher dran waren als die Katholiken. Noch immer haben sich kirchliche Verantwortungsträger nur sehr vereinzelt zu ihrer persönlichen Schuld bekannt. Noch immer ist keinem einzigen früheren Bischof oder Generalvikar, der Missbrauchstäter einfach nur versetzte, statt sie bei der Staatsanwaltschaft anzuzeigen, die Pension gekürzt worden.

Immerhin: Im Bereich der Prävention sind die beiden großen Kirchen mittlerweile vorbildlich unterwegs. Bei ihnen gibt es verbindliche Regeln, die dafür sorgen sollen, dass sich Skandale wie an den Jesuitenschulen oder im schleswig-holsteinischen Ahrensburg in der Kinder- und Jugendarbeit nicht wiederholen. Doch im gesellschaftlichen Bewusstsein hat sich längst noch nicht genug getan. Oft gilt sexueller Missbrauch immer noch als „Kirchenthema“. Doch das ist er nicht. Er ist ein gesamtgesellschaftliches Thema – dessen man sich freilich nur allzu leicht und allzu bequem entledigen kann, wenn man es nur am Beispiel der Kirchen behandelt.

Ein gutes Beispiel ist der Fall auf dem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde, wo pädophile Kriminelle in einem schäbigen Wohnwagen über zehn Jahre hinweg mehr als vierzig Kinder missbrauchten. Festgenommen wurde der Haupttäter 2018, doch erste Hinweise hatten die Jugendämter schon zwei Jahre vorher. Oder der Fall des Jugendwartes in einem Berliner Anglerverein, der mehr als 130 Missbrauchstaten begangen haben soll. Als er dort anfing, musste er kein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Der Verein war froh, überhaupt jemanden gefunden zu haben.

Es bleiben jede Menge Fragen: Warum nutzt die Gesellschaft nicht endlich die Erfahrungen der Opfer, um weiteren Taten vorzubeugen? Warum ist es noch immer nicht allen Verantwortlichen in Fleisch und Blut übergegangen, dass Formulierungen wie „Bei uns doch nicht...“ einfach gar nicht gehen? Und von den Familien, in denen die meisten Missbrauchstaten passieren, war bislang noch nicht einmal die Rede.

Nein, zehn Jahre nach Bekanntwerden des Skandals muss man ein trauriges Fazit ziehen: Deutschland ist bei der Aufarbeitung und der Prävention sexuellen Missbrauchs noch nicht allzu weit vorangekommen. Sicher, ganz verhindern können wird man den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen wohl nie. Aber all das, was dagegen unternommen werden kann, muss getan werden. Das sind die Kirchen, das sind die Behörden, das ist das ganze Land den Opfern schuldig.

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