AWI-Leiterin Boetius beim WESER-Strand-Talk

"Für große Dinge ist Schuleschwänzen erlaubt"

Die Gefahren des Klimawandels, Aktivistin Greta Thunberg und die Meere - all das war Thema beim WESER-Strand-Talk mit Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, in Bremen. Ein Video vom Talk sehen Sie hier.
02.03.2019, 15:30
Lesedauer: 4 Min
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"Für große Dinge ist Schuleschwänzen erlaubt"

Es ist Freitagabend, kurz nach 19.30 Uhr, als etwas passiert, das der Meeresbiologin Antje Boetius wohl eher selten passiert. Sie sitzt auf dem Trockenen. Boetius ist zu Gast beim WESER-Strand-Talk. Bislang wurde der von Axel Brüggemann moderiert, ab sofort übernimmt Bärbel Schäfer. Man könnte es also der Aufregung einer frischgebackenen Gastgeberin zuschreiben, dass Schäfer Boetius zwar als erstes an die Bar bittet, ihr dort aber nur ein stilles Wasser serviert.

Man könnte. Denn schnell wird klar: Im Bauch der „MS Oceana“ treffen zwei Unterhaltungsprofis aufeinander. Die frühere Talkmasterin und Journalistin auf der einen Seite, die hochengagierte, ebenfalls talkshowerprobte Forscherin auf der anderen. Als „Botschafterin und Kommunikationsmaschine“ bezeichnet Schäfer ihren Gast gleich zu Beginn, und wie zur Bestätigung ihrer Worte lässt Boetius den Getränke-Fauxpas nicht unkommentiert. „Das war aber ‚ne trockene Bar“, sagt sie (vollkommen trocken, natürlich) und lacht. Schäfer stimmt ein. Erwischt. Der Prosecco komme gleich, verspricht sie. Bis es soweit ist, nimmt sie Boetius mit auf die Bühne. Als die Wissenschaftlerin zwischen den vollbesetzten Tischen nach vorne geht, wird sie mit großem Applaus begrüßt.

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Boetius ist der erste Talkgast, der in dieser neuen, inzwischen vierten Saison des Gesprächsformats auf dem braunen Ledersofa Platz nimmt. Dass sie überhaupt die Zeit gefunden hat, der Einladung des WESER-KURIER zu folgen, grenze an ein Wunder, sagt Schäfer. Immerhin sei die 51-Jährige „schwerer zu erreichen als die Bundeskanzlerin“. Boetius verzieht das Gesicht. Naja, das sei dann doch übertrieben. Oder? Gar nicht mal so sehr. 14-Stunden-Tage sind für Boetius Standard , 50 E-Mails bekommt sie in der Stunde – und lässt selten eine unbeantwortet.

Welche Rolle das Meer für jeden Einzelnen spielt

Seit anderthalb Jahren leitet die Spitzenforscherin das Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI), die mit 1250 Mitarbeitern und drei Außenstellen größte Einrichtung für Polar- und Meeresforschung in Deutschland. Nebenbei ist sie zu einer Art Anwältin der Ozeane geworden. In Talkshows, in Schulen und Universitäten erklärt Boetius, warum das Meer nicht nur Strandurlaub-Kulisse ist, sondern für den Menschen überlebenswichtig, warum der Klimawandel das Gleichgewicht des Lebens unter Wasser stört und was das für Folgen haben könnte.

„Sind wir gut zum Meer?“, will Schäfer wissen. Nicht gut genug, erwidert Boetius. Noch immer sei vielen nicht klar, welche Rolle es für jeden Einzelnen spiele. Jeder zweite unserer Atemzüge, erklärt sie, verdanken wir der Aktivität der Algen. Die Ozeane seien Sauerstoffproduzent, Wärme- und CO2-Speicher. Ohne sie, daran lässt Boetius an diesem Abend keinen Zweifel, wäre die Erde eine andere.

Schon jetzt, warnt sie, leide das Leben unter Wasser massiv. „Es ist Wahnsinn, dass wir nicht begreifen können, wie sehr wir das Meer schon verändert haben.“ Ein Beispiel sei das viele Plastik, das bei all seinen Vorteilen den gigantischen Nachteil habe, dass kein Lebewesen es verdauen könne. „Wir haben es vermasselt.“

Ein typischer Boetius-Satz. Schmerzhaft, aber wahr, eine Tatsache, die raus muss in die Welt. „Es geht darum, die Wahrheit zu sagen“, sagt sie über den Auftrag der Wissenschaft – auch, wenn die unbequem sei; auch, wenn die Angst mache. Es müsse „jucken und wehtun“, damit sich tatsächlich etwas bewege. Und was, wenn nicht? Was, wenn es nicht gelinge, die Klimaziele zu erreichen? Boetius zählt auf: Rückgang des Meereises an den Polkappen, Anstieg des Meeresspiegels, Überschwemmungen, Dürren, extreme Hitze.

Folgen der Erderwärmung auch in Bremen spürbar

Schon heute gebe es Regionen, in denen das Thermometer im Sommer mehr als 50 Grad anzeige. Jetzt will Schäfer es genau wissen: Und was heiße das für uns hier, in Bremen, in Bremerhaven? Auch in unseren Breitengraden seien die Folgen der Erderwärmung längst spürbar, sagt Boetius. Sinkende Wasserpegel in Flussbetten, fehlendes Flusswasser, das zur Kühlung von Energiekraftwerken gebraucht werde, Wasserstraßen, die für Transportboote nicht mehr befahrbar seien. Zum Beispiel.

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Was wir tun können? Reden, sagt Boetius. Fragen stellen, Antworten bekommen. Den Wandel nicht ignorieren, nicht weg-, sondern hinsehen. Und: selbst aktiv werden, am besten sofort. Jeder könne sein Stück Zukunft auf seine Art bestellen, sagt Boetius. Konkret könne das etwa heißen, auf der Internetseite des Umweltbundesamtes seinen persönlichen CO2-Fingerabdruck zu berechnen, um zu sehen, wo eigentlich Besserungsbedarf besteht, wo sich etwas einsparen lässt. Stichwort Zukunft. Natürlich will Schäfer wissen, was Boetius von der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg hält, die an diesem Freitag in Hamburg war, um die deutschen Schüler bei ihrem Protest für eine konsequentere Klimapolitik zu unterstützen. „Ich finde es gut, wenn jeder, der merkt, dass es so nicht weitergeht, was sagt“, sagt Boetius. Obwohl die Kinder dafür die Schule schwänzen? „Für große Dinge ist Schuleschwänzen erlaubt“, findet Boetius. Und: „Hier geht es um was Großes.“

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Schäfer ist sichtlich beeindruckt von so viel Überzeugung, so viel Zuversicht. Ob Boetius, die Durchblickerin, die Realistin, nicht manchmal wütend sei darüber, wie es um die Welt stehe? Für Boetius ist das kein Widerspruch: „Auch Optimisten können wütend sein.“ Klar, manchmal, da spüre sie eine gewisse Verzweiflung. „Aber die versuche ich mir zu verbieten.“ Denn damit sei niemandem geholfen, erst recht nicht dem Meer. „Wir stecken in einer Phase, in der etwas passieren muss.“

++ Dieser Artikel wurde um 17.26 Uhr aktualisiert. ++

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