Helferinnen berichten

Anzahl der Gabenzäune in Bremen steigt weiter

Die Gabenzaun-Helferinnen berichten über das Projekt für Obdachlose und ihre Motivation, sich zu engagieren. Gleichzeitig steigt die Anzahl der Gabenzäune in Bremen weiter an.
06.04.2020, 05:54
Lesedauer: 3 Min
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Von Helke Diers
Anzahl der Gabenzäune in Bremen steigt weiter

Lehramtsstudentin Maria Dech Pons aus Findorff ist eine von vielen Freiwilligen, die den sogenannten Gabenzaun im Steintor regelmäßig mit Spendentüten
bestücken.

Roland Scheitz

Sie hatten sich viele Gedanken um eine offizielle Genehmigung gemacht, dann ging es plötzlich ganz schnell: Der sogenannte Gabenzaun auf dem Lucie-Flechtmann-Platz an der Westerstraße in der Neustadt wurde von engagierten Helfern aufgebaut. An den Metallstreben hängen seit einigen Tagen Tüten mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln, die für wohnungslose Menschen gedacht sind. Geben und Nehmen funktioniert auf Vertrauensbasis, Freiwillige bestücken den Zaun. Genauso läuft es seit einiger Zeit im Steintorviertel.

Die Organisatoren des Hilfsangebots in der Neustadt kennen sich nicht persönlich, sondern haben sich über eine Chatgruppe zusammengefunden. Sie arbeiten digital zusammen; Gruppentreffen gibt es nicht. „Das wäre momentan auch unangebracht“, erklärt Sarah Eichelberg. Die gelernte Kinderkrankenpflegerin ist eine der Organisatoren. „Wir haben in der Gruppe Ideen gesammelt und wollten erst offiziell eine Genehmigung beantragen. Es gab schon viele Zäune in Hamburg, Berlin, Leipzig. In der Zeit sind zwei andere Zäune entstanden. Das war dann ein Selbstläufer und wir haben auch losgelegt“, erzählt Sarah Eichelberg, die selbst in der Neustadt lebt.

Dankbare Menschen

Noch während sie die Plakate und die ersten Tüten angehängt hätten, seien Menschen gekommen, welche die Gaben dankend entgegengenommen hätten, berichtet die 28-Jährige. Schon am nächsten Tag seien alle Tüten weg gewesen.

Einer der anderen Zäune ist der Gabenzaun im Steintorviertel, aufgebaut von Maria Dech Pons und ihrem Freund, wie die Lehramtsstudentin erzählt. Sie selbst lebe in Findorff. „Wir haben in der Tagesschau von den Zäunen in anderen Städten gehört und haben uns einfach rangemacht und gebastelt,“ beschreibt sie die spontane Entscheidung. Bereits am nächsten Tag schrieben sie Wohnungslosenhilfen an, bekamen positives Feedback, entschieden sich für den Standort im Steintorviertel und hängten den ersten Großeinkauf an den Zaun. Ihre Beweggründe für die unbürokratische Hilfe in Corona-Zeiten erklärt sie so: „Wenn man sich selber schon stark eingeschränkt fühlt, gibt es Menschen, die diese Situation noch viel härter trifft. Das sind die Wohnungslosen.“ Neben ohnehin fehlenden Schlafplätzen würden auch Einnahmen durch Spenden, Zeitschriftenverkauf und Pfandflaschen sammeln wegfallen. Das Viertel als zentraler Ort habe sich angeboten für den Zaun, sagt sie.

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Sarah Eichelberg aus der Neustadt findet an den Gabenzäunen besonders gut, dass sie einfach zugänglich sind. „Jeder kann sich etwas mitnehmen, jeder der Lust hat, etwas dranhängen. Es muss nichts groß organisiert werden.“ In der Nähe der beiden Zäune sind jeweils mehrere Supermärkte angesiedelt, für viele Einkäufer sind sie mit einem nur kleinen Umweg zu erreichen. Einen weiteren Vorteil sieht die 23-jährige Maria Dech Pons: „Der Zaun ist rund um die Uhr geöffnet.“ Besonders zu Beginn der Corona-Ausbreitung in Deutschland hätten viele etablierte Projekte ihr Angebot einschränken müssen, da habe der Zaun als Ergänzung gut gepasst.

Überprüfen, wer die Tüten tatsächlich nimmt, können die Freiwilligen nicht. Das ist auch nicht ihr Anliegen. „Es werden viele Obdachlose sein. Aber wenn es Leute sind, die aus anderen Gründen kein Geld haben, finde ich das auch okay. Das wird ja seinen Grund haben,“ findet Eichelberg aus der Neustadt. Beide Organisatorinnen erzählen, die Tüten würden bisher rege angenommen und nachgefüllt. Vandalismus gäbe es nicht, dafür aber viel positives Feedback von Anwohnern. Eichelberg fährt momentan täglich an dem von ihrer Gruppe errichteten Zaun vorbei und schaut, ob alles in Ordnung ist.

Die Tüten sind mit Lebensmitteln gefüllt

Befüllt sind die Tüten mit Lebensmitteln, die unterwegs gut zu essen sind, wie zum Beispiel Äpfel oder Müsliriegel. Wichtig ist den Organisatoren: Nichts darf abgelaufen oder angebrochen sein. Neben Lebensmitteln können Hygieneartikel wie Feuchttücher, Handcreme, Damenhygiene oder Tierfutter in die Tüten gepackt werden. Gerne gesehen sind auch warme und saubere Kleidungsstücke sowie Schlafsäcke. „Wichtig ist eine wetterfeste Verpackung“, sagt Maria Dech Pons mit Blick auf das wieder regnerische Wetter. Sehr hilfreich sei es auch, wenn die Tüten beschriftet seien, damit klar sei, was sich im einzelnen darin befinde.

Ganz sicher wissen die Organisatoren vom Sielwall und dem Lucie-Flechtmann-Platz nicht, wie viele Gabenzäune es inzwischen in Bremen gibt. Die Lage verändere sich dynamisch. Drei weitere Zäune sind Eichelberg und Dech Pons bekannt: am Hauptbahnhof vor dem Überseemuseum und neben der Bürgerweide sowie in der Neustadt an der Hochschule. Es können täglich mehr werden. Eichelberg und Dech Pons sind inzwischen miteinander vernetzt, um sich abzustimmen. Sie hoffen, auch die Organisatoren der anderen Zäune zu erreichen.

Ein besonderes Anliegen ist es Eichelberg, dieses Angebot auch über die aktuelle Krise hinaus zu erhalten. „Wir sollten uns über Corona hinweg gegenseitig helfen. Ich finde es schade, dass es dafür erst zu einer Krise kommen muss.“ Auch Dech Pons denkt darüber nach, ob die Gabenzäune nicht länger bestehen bleiben könnten. „Wenn alles gut funktioniert und angenommen wird, warum nicht?“, sagt sie.

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