Propst Martin Schomaker und Schriftführer Renke Brahms über die Anschläge in Berlin „Fürchtet euch nicht“

Herr Schomaker, Herr Brahms, galt der Anschlag in Berlin in Ihren Augen dem Christentum und seinem höchsten Feiertag?Martin Schomaker: Ich möchte mich nicht gerne Spekulationen anschließen. In Berlin ist ein Verbrechen passiert, und das ist ­ernstzunehmen.
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„Fürchtet euch nicht“
Von Silke Hellwig

Herr Schomaker, Herr Brahms, galt der Anschlag in Berlin in Ihren Augen dem Christentum und seinem höchsten Feiertag?

Martin Schomaker: Ich möchte mich nicht gerne Spekulationen anschließen. In Berlin ist ein Verbrechen passiert, und das ist ­ernstzunehmen. Aber ich glaube, es tut uns nicht gut, wenn Vermutungen ins Kraut schießen.

Renke Brahms: Bei Terroranschlägen geht es oft um sogenannte weiche Ziele, wo sich viele Menschen aufhalten, ob das ein Markt in Kabul ist oder ein Weihnachtsmarkt in Berlin. Ich sehe das Attentat nicht als gezielten Angriff auf Weihnachten als Symbol der westlichen Welt.

In der Verarbeitung der Ereignisse scheint das bevorstehende Fest dennoch eine große Rolle zu spielen. Sind fröhliche Weihnachtswünsche nicht fehl am Platz?

Schomaker: In der biblischen Weihnachtsbotschaft werden die Herausforderungen des Lebens nicht ausgespart. Dort sind Menschen auf der Flucht, es geht um Tod, Gewalt und Macht. Menschen haben immer Weihnachten gefeiert, durch die Jahrhunderte hindurch, in den schwersten Zeiten. Sie haben das Fest als Quelle der Kraft und Hoffnung verstanden, als Motivation, an Gott und die Menschen zu glauben. Es tut uns gut, wenn wir auch in diesem Jahr Weihnachten feiern, um uns unserer Wurzeln zu versichern.

Brahms: Für mich ist die Weihnachtsgeschichte mit ihren zentralen Botschaften „Fürchtet euch nicht“ und „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“ eine Trotz- und Hoffnungsgeschichte. Ich verstehe sie als ein Trotzdem – trotzdem an die Liebe und Barmherzigkeit Gottes und an den Frieden zu glauben. Deshalb denke ich, dass es nie so wichtig und wertvoll wie jetzt war, Weihnachten zu feiern. Es sind ja nicht nur die Ereignisse in Berlin, die uns bedrücken, sondern beispielsweise auch die Bilder aus Aleppo.

Die zentrale Botschaft lautet: Fürchtet euch nicht?

Schomaker: Ja, sie lautet: Vertraut weiterhin auf die Menschen und auf Gott. Lasst euch nicht verunsichern, lasst euch nicht beirren, werdet nicht hartherzig.

Brahms: Fürchtet euch nicht und öffnet euch weiterhin auch anderen Perspektiven. Was in Berlin passiert ist, ist schrecklich und traurig. Aber ich habe gerade ein Interview mit einem syrischen Flüchtling gelesen, der unendlich froh war, in einem der friedlichsten Länder der Welt Zuflucht gefunden zu haben. Das dürfen wir nicht vergessen, auch nicht in diesen Zeiten. Wir haben hier etwas zu bewahren, zu pflegen und gegen Verbrechen zu verteidigen, aber wir dürfen es auch dankbar annehmen. Wir dürfen uns erlauben, unsere Freude und unser Leben zu genießen, auch angesichts solcher schrecklichen Ereignisse.

Trauen Sie Weihnachten noch so viel Bedeutung als Fest der Liebe und Familie zu, dass es Trost und Hoffnung spenden kann?

Schomaker: Das Weihnachtsfest bietet Gelegenheit, sich in die Geborgenheit der Familie zurückzuziehen und mit anderen zusammenzurücken. Das passiert auch schon in diesen Tagen, wenn ich die Bilder aus dem Fernsehen richtig deute. Menschen suchen Beistand und Gemeinschaft. Man kommt zusammen, über Partei- und Religionsgrenzen hinweg, um zu zeigen, dass man sich nicht auseinanderbringen lässt. Das ist ein ermutigendes Signal für Mitmenschlichkeit und Zusammenhalt.

Sie sagen, Menschen suchen Beistand. Es scheint, als ginge es vielen Bürgern nicht darum, umgehend politische Antworten zu bekommen, die es vielleicht auch gar nicht geben kann. Offenbar gibt es eher eine Sehnsucht nach seelsorgerischem Beistand. Kann Kirche das bieten?

Brahms: Wir erleben immer wieder, auch bei anderen Schicksalsschlägen, dass Menschen einen Ausdruck suchen, für ihr Erschrecken und ihre Trauer, für ihre Ohnmacht und Ratlosigkeit. Sie wollen etwas tun, und wenn es nur ein Innehalten, ein Moment der Besinnung ist. Wir als Kirchen können einen Rahmen bieten, um im ­Gedenken eine Kerze anzuzünden oder in Zwiesprache mit Gott oder sich selbst zu treten.

Erleben Sie, dass sich dieser Tage mehr Bremer an Sie wenden oder die Kirchen besuchen?

Schomaker: Wir verstehen die Innenstadtkirchen, die tagsüber geöffnet sind, als eine Einladung, in einem besonderen Raum zu verweilen, in der Stille, fernab des Trubels, um seinen Gedanken nachzuhängen, zu trauern, Hoffnung zu schöpfen, zu sich zu kommen oder mit Gott zu sprechen. Wie oft diese Einladung in diesen Tagen angenommen wird, kann ich nicht beurteilen. Wir zählen die Besucher unsere Kirche nicht und wissen nicht, was sie zu uns bringt.

Brahms: Ich erinnere mich an die Begegnung mit einem bekennenden Atheisten nach den Anschlägen am 11. September 2001 in New York. Er erzählte mir, dass er mit anderen in den Dom gegangen sei, um dort eine Kerze anzuzünden. Er sagte, er glaube nicht an Gott, aber die Kirche hätte ihm einen Raum und eine Form für seine Bestürzung und Trauer gegeben, die er sonst nicht finden konnte. So geht es auch jetzt vermutlich einigen Menschen, und sie sind bei uns willkommen.

Werden Sie in Ihren Predigten in der Christmette oder im Weihnachtsgottesdienst auf die Ereignisse in Berlin eingehen?

Brahms: Ich werde sie ansprechen, aber nicht ins Zentrum meiner Predigt stellen. Ich möchte aber darüber sprechen, wie wir Menschen miteinander umgehen. Ich möchte, dass wir die Ursachen mitbedenken: Was steckt eigentlich hinter solchem Hass? Wie kommen Menschen dazu? Was können wir dem entgegensetzen? Und wir können wir in unserer Einschätzung von anderen fair und differenziert bleiben? Es scheint mir wichtiger denn je, sich nicht dazu hinreißen zu lassen, alle Menschen, ob Flüchtlinge oder nicht, über einen Kamm zu scheren.

Schomaker: Auch ich werde mich nicht auf die Ereignisse in Berlin konzentrieren. Es gibt auch so viele Anknüpfungspunkte in der Weihnachtsgeschichte. Aber natürlich muss ich darauf achten, was sich gerade in den Köpfen und Herzen der Menschen abspielt, deshalb werde ich auch auf Berlin und Aleppo eingehen. Ich kann keinen Rat erteilen, ich habe keine Lösung für die Probleme anzubieten. Aber ich kann erzählen, wie ich damit umgehe.

In den sozialen Netzwerken hat sich der sogenannte Hashtag #prayforberlin als Symbol etabliert, offenbar unabhängig von Gläubigkeit oder Konfession. Welche Bedeutung messen Sie dem bei?

Brahms: Für viele Christenmenschen, vor allem aus anderen Nationen, ist das Gebet das höchste Zeichen der Solidarität. Die Bitte „Betet für uns“ ist keine Floskel, sondern eine ganz starke Verbindung. So verstehe ich auch diesen Hashtag: Er verbreitet sich in der Welt und zeigt, dass man an die Opfer und ihre Angehörigen denkt, dass sie nicht vergessen sind.

Der Berliner katholische Erzbischof Heiner Koch hat ermahnt, es verbiete sich, Leid zu instrumentalisieren. Er hat sich nicht nur vor Flüchtlinge, sondern auch vor Politiker gestellt. Das ist ungewöhnlich, oder?

Brahms: Mag sein, aber ich teile diese Haltung. Für die derzeit Verantwortung tragenden Politikerinnen und Politiker ist es eine enorme Herausforderung, mit den Ereignissen umzugehen. Wohl uns, dass wir Leute in der Politik haben, die mit der Situation besonnen und vernünftig umgehen. Das kann man anerkennen und verteidigen, zumal es auch Reaktionen im politischen Raum gab, die ich für deplatziert halte.

Schomaker: Ich finde es wichtig, wertzuschätzen, was andere tun. Das gilt nicht nur für Politiker, sondern auch für Mitarbeiter der Polizei und Feuerwehr. Was diese Menschen auf sich nehmen, sollte man anerkennen und nicht als selbstverständlich übergehen. Es gibt keine Patentlösungen für die gesellschaftlichen Herausforderungen. Wir können dankbar sein für alle, die in dieser Situation Verantwortung übernehmen.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Zur Person

Renke Brahms ist seit 2007 als Schriftführer der leitende Geistliche der Bremischen Evangelischen Kirche. Seit 2008 ist er zudem Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er war 16 Jahre lang Pastor in der Melanchthon-Gemeinde. Theologie studierte er in Göttingen, Münster und Tübingen. Martin Schomaker ist seit 2008 Propst und Vorsitzender des katholischen Gemeindeverbands Bremen. Zuvor war er Leiter des Osnabrücker Priesterseminars. Studiert hat der Pastoraltheologe bei den Jesuiten in Frankfurt St. Georgen und in den brasilianischen Städten Petrópolis und Recife.
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