Gründer der Fun Factory im Porträt

Warum ein Bremer seit 25 Jahren Sexspielzeuge herstellt

Dirk Bauer hat vor 25 Jahren in Bremen die Fun Factory gegründet und verkauft heute Sexspielzeug in der ganzen Welt. Wer ist der Mann, der einst seinen ersten Dildo in einem Bierglas modellierte?
02.05.2021, 06:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Warum ein Bremer seit 25 Jahren Sexspielzeuge herstellt
Von Patricia Friedek
Warum ein Bremer seit 25 Jahren Sexspielzeuge herstellt

Dirk Bauer ist Geschäftsführer der Fun Factory am Hohentorshafen.

Christina Kuhaupt

An der Tür zu Dirk Bauers Büro hängt ein Schild, auf dem „Big Boss“ geschrieben steht. Das wirkt auf den ersten Blick ein bisschen großspurig, ist aber auch nur halb ernst gemeint. „Big Boss“ ist genauso wie „Limba Flex“ oder „Miss Bi“ der Name für ein Sexspielzeug. Trotzdem ist etwas dran an der Aufschrift, denn Dirk Bauer ist Geschäftsführer der Fun Factory am Hohentorshafen. Sie gehört zu den Weltmarktführern in ihrer Branche.

Es ist bunt in der Bremer Spaßfabrik. Stühle, Tische, und natürlich auch die Dildos und Vibratoren, die fast überall herumstehen. In den Regalen reihen sich Bücher mit Titeln wie „69 heiße Sex Tipps“ oder „Sexbewusstsein“, natürlich auch die Erotik-Romane von E.L. James, „Shades of Grey“. Auf Bauers Schreibtisch liegt ebenfalls eines der Spielzeuge. „Hier wird viel über Sex geredet“, sagt Dirk Bauer. Die Büroräume mit Blick auf die Weser haben etwas von einem Start-Up, dabei hat Bauer die Fun Factory bereits 1996 zusammen mit seinem Studienfreund Michael Pahl gegründet.

Lesen Sie auch

Da setzten sich Bauer und Pahl eines Abends zusammen an den Küchentisch und pressten Silikon und Modelliermasse in ein Weizenbierglas. Mit ein bisschen Formen war der erste Silikon-Dildo in Pinguinform entstanden. Das investierte Kapital: 50 D-Mark für die Knetmasse. Die Produktion verlagerten die Studienfreunde von der Küche in den Keller, bald kam das Geschäft ins Rollen, im wahrsten Sinne: Pahl und Bauer fuhren mit einem VW-Bus von einer Erotikmesse zur nächsten. Sie produzierten ihren ersten Werbeflyer und verschickten ihn an Händler. Die ersten Kataloge wurden per Fax angefordert.

Die Diskussion komme häufig auf, warum gerade zwei Männer wissen sollten, was einer Frau guttut, sagt Bauer – so wie er und Pahl es von sich behaupteten, als sie ihren ersten Dildo auf den Markt brachten, für 69 D-Mark. Er sollte für lesbische Frauen sein und möglichst nicht wie ein Penis aussehen, ein expliziter Wunsch eines lesbischen Paares, daher der Pinguin. Anders als viel mit den Frauen darüber zu sprechen, ging es nicht, und das sei heute noch immer so, da Frauen den Großteil der Kundschaft bilden, sagt Bauer. Auch wenn die Fun Factory mittlerweile ebenso Spielzeug für Männer anbietet.

Lesen Sie auch

Inspiration für die Bremer Fun Factory kam aus San Francisco

„Es war zu dieser Zeit für eine Frau nicht einfach, in ein Erotikgeschäft zu gehen, wenn sie etwas für sich haben wollte. Sextoys waren an Männer adressiert“, erzählt Bauer, heute 55, von den Anfängen seiner Karriere. Da sei beispielsweise ein Pornomodel abgebildet gewesen mit einem Vibrator und dem Ziel, einen Mann zu erregen. Bauers damalige Gattin Christine Meise eröffnete das Erotikgeschäft „For Ladies“ in Bremen – ein Sexshop für Frauen. Bis dahin habe Bauer noch nichts mit Sexspielzeug zu tun gehabt, sagt er. Das Paar reiste zusammen nach San Francisco, ließ sich im dort bekannten Erotikgeschäft Good Vibrations inspirieren.

Es gab auch Kritik. Gerade Freunde und die Familie hielten Bauer vor, er solle doch etwas Richtiges machen. „Für mich war es ein Spiel. Ich hatte wahnsinnig viel Spaß dabei“, sagt er. Bis 2001, sagt Bauer, sei die Lage finanziell oft herausfordernd gewesen. „Wir lebten lange von der Hand in den Mund und hatten keine Fremdfinanzierung – mussten aber die Löhne zahlen.“ Doch Aufhören sei nie eine Option gewesen. Eine Entscheidung, die sich rentiert hat: Heute macht die Fun Factory Millionenumsätze.

Lesen Sie auch

Bauer ist Ingenieur, das betont er gerne. Er wuchs in Wesel auf, einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen, in einer „normalen Familie mit zwei Geschwistern“, wie er sagt. Erst machte er eine Banklehre in Düsseldorf, merkte aber bald, dass ihm das nicht reicht. Er wollte selbst Dinge erfinden und entwickeln. Deshalb ging er nach Bremen und begann mit 22, Elektrotechnik zu studieren. Damals wollte er die Welt verbessern, wollte vielleicht später mit umweltfreundlichen Energien arbeiten, erzählt er. Bauer jobbte als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni und begann mit seiner Doktorarbeit.

Dann kam die Idee mit den Sextoys. „Jetzt machen wir die Welt seit 25 Jahren jeden Tag ein Stückchen besser“. Umweltschutz ist ihm noch immer wichtig, fast jeden Tag kommt Bauer mit dem Fahrrad zur Arbeit, hat die Firma mit CO2-sparenden Heizungen ausgestattet. Auch bei den Spielzeugen wirbt die Fun Factory mit einem kleinen ökologischen Fußabdruck, verkauft zum Beispiel auch eine wiederverwendbare Menstruationstasse. Nach eigenen Angaben stellte die Firma den ersten wiederaufladbaren Vibrator her.

Lesen Sie auch

Fun Factory verkauft weltweit in 1300 Geschäften

Als unkonventionellen Chef beschreibt eine Mitarbeiterin Dirk Bauer, er sich selbst als jemanden, der gerne die Rollen im Unternehmen variieren lässt. Aber klar, einer muss Entscheidungen treffen. Und Bauer, der die Produkte immer noch selbst mitentwickelt, tut das. Die Produktentwicklung gehört weiterhin zu seinen Lieblingsfeldern. Sein Favorit unter den Sexspielzeugen ist ein Vibrator, den man sich zwischen die Finger klemmen kann. „Viele Männer haben das Problem, dass sie ihre Partnerin nicht zum Höhepunkt bringen. Damit kann sich jeder Mann wie ein Superhero fühlen.“ Was ihn allerdings am meisten fasziniert: „Dass man nach Tokio oder Los Angeles reisen und sehen kann, dass Menschen unsere Produkte kaufen. Das finde ich immer noch verrückt.“ Die Firma hat eine Exportquote von 70 Prozent, verkauft weltweit in 1300 Geschäften.

Anders als man es vielleicht von jemandem erwarten würde, der Sextoys produziert, spricht Dirk Bauer nicht gerne über Privates. Mehr sagt er dazu nicht. Das Private, das er gerne preisgibt: Er hat zwei Kinder. Sein Sohn hat gerade ein spezielles Gleitgel auf den Markt gebracht. Seine Tochter leitet die Marketingabteilung des Unternehmens.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+