In der Sprecherkabine im Weserstadion "Funkhaus Köln ruft Bremen."

Bremen. Jeder hat wohl schon einmal die Bundesligakonferenz im Radio gehört. Doch wie entsteht sie? Wir haben uns beim Spiel Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt zu Kommentator Heiko Neugebauer in die Sprecherkabine gesetzt.
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Von Matthias Lüdecke

Bremen. „Das allerwichtigste ist der Funkwecker“, sagt Heiko Neugebauer. Gerade hat er die Sprecherkabine im Weserstadion betreten und als erstes eben diese Uhr aus seinem Rucksack gepackt. Neugebauer ist an diesem Sonnabend für Radio Bremen im Stadion. Er wird Werders Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt für die Fußballsendungen der verschiedenen ARD-Radiosender kommentieren.

Die Schlusskonferenz, die Runde durch die Bundesligastadien in den letzten 20 Spielminuten, ist ein Stück lebende Radiolegende. Es gibt wohl kaum jemanden, der sie noch nicht gehört hat. Und für viele fußballbegeisterte Jugendliche ist Neugebauers Beruf wohl ein Traumjob.

Neugebauer geht es da nicht anders. Seit mittlerweile zehn Jahren kommentiert er im Wechsel mit Henry Voigt für Radio Bremen Bundesligaspiele. Angefangen hat er mit Reportagen über Handball und Amateurfußball. Bis eines Tages sein Name auf dem Dienstplan hinter der Partie Werder Bremen gegen den SC Freiburg stand. Das war der Anfang.

Jetzt sitzt Heiko Neugebauer um 14 Uhr entspannt in seiner Sprecherkabine. Vor ihm liegt eine zweiseitige Liste. Diese Liste ist der Grund, warum die Funkuhr so wichtig ist. Dienstags gibt es bei den ARD-Radios eine Börse, auf der die Zeiten der Kommentatoren verteilt werden. Das Ergebnis liegt nun vor Neugebauer auf dem Tisch. Mal will der Südwestrundfunk eineinhalb Minuten von ihm, mal der Bayerische Rundfunk 45 Sekunden. Direkt nach Spielschluss spricht er noch zwei unterschiedlich lange Spielzusammenfassungen ein, nach der Pressekonferenz dann noch eine für die Morgensendungen.

Dass ihm gleich Millionen Menschen in ganz Deutschland im Radio zuhören werden, merkt man Neugebauer dabei nicht an. „So ein bisschen aufgeregt bist du schon“, sagt er, „das ist aber wohl ganz normal.“ Ansonsten sei das, was er tut, aber auch viel Handwerk, Erfahrung und Vorbereitung. In einer Mappe hat er Statistiken zu beiden Mannschaften und den einzelnen Spielern. Das einzige, was ihm noch fehlt, sind die Aufstellungen. Als er diese eine Stunde vor dem Spiel hereingereicht bekommt, trägt er hinter den Spielernamen deren Alter, Nationalität und die Anzahl der in dieser Saison erzielten Tore ein.

"Die Live-Situation kannst du nicht simulieren."

Vorbereitung und Handwerk haben aber auch Grenzen. „Du kannst die Statistiken lesen, du kannst an deiner Stimme arbeiten – aber die Live-Situation kannst du nicht simulieren“, erklärt Neugebauer. „Was mich wohl am meisten für meinen Job qualifiziert, ist, dass ich fast nie sprachlos bin.“

Als die Funkuhr 15 Uhr zeigt, laufen sich die Spieler gerade warm. Die Geräusche aus dem Stadion, die Gespräche, die Musik, die Stadionsprecher, die Fans, die sich warmsingen, sind durch die Scheibe der Sprecherkabine gedämpft. Durch die Scheibe und durch die Kopfhörer, die Neugebauer nun aufgesetzt hat. Er hält das Mikrofon dicht an seine Lippen, hat es mit beiden Händen fest umfasst, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und wartet auf seinen Einsatz. Der kommt pünktlich um 15:04 Uhr. „Heiko Neugebauer live aus dem Weserstadion“, kündigt der Nachrichtensprecher an, und Heiko Neugebauer spricht im Weserstadion seinen ersten Vorbericht.

Nachdem er fertig ist, streicht er diesen ersten Punkt auf der Liste durch. Das wird er mit allen anderen auch so machen, damit er den Überblick nicht verliert. Die nächsten Punkte, die durchgestrichen werden, sind Vorberichte für den Hessischen und den Bayerischen Rundfunk. Freundliche Stimmen mit passenden Dialekten melden sich aus den Kopfhörern, Redakteure, die letzte Absprachen treffen.

Die Stimme von Heike

Während des Spiels sprechen diese Stimmen nicht. Neugebauer hört – kurz bevor er anmoderiert wird - über seine Kopfhörer nur das Programm von Radio Bremen und das des Westdeutschen Rundfunks. Sonst hört er lediglich sich selbst und die Stimme von Heike, der Technikerin im Übertragungswagen, irgendwo vor dem Stadion.

Dort geht es wohl hektischer zu. Denn im Ü-Wagen wird Neugebauer mit den einzelnen Stationen verschaltet, die Berichte von ihm bestellt haben. Nur die Schlusskonferenz am Ende jeder Halbzeit wird zentral vom WDR in Köln gesteuert. Auch hier gibt es im Vorfeld einen Plan. Die Partien werden nach Tabellenstand geordnet, und von oben nach unten geben die Kommentatoren aneinander ab. Außer wenn es zum berühmten Tor-Ruf kommt.

In der Sprecherkabine bekommt man von dieser Hektik nicht viel mit. Das Mikrofon noch immer dicht vor den Lippen, ist Neugebauer spätestens mit dem Anpfiff in einen Modus ruhiger Konzentration gewechselt. Er wendet die Augen nur kurz vom Spielfeld ab, um eine kleine Notiz zu machen oder einen weiteren Punkt auf seiner Liste durchzustreichen. Und davon gibt es viele. Neugebauer beschreibt das Spiel, streicht durch, sagt den Technikern die nächsten Sendeanstalten auf der Liste und die Dauer an und beschreibt weiter. Oft passiert das alles innerhalb von 15 Sekunden.

Auf die Sekunde genau

Manchmal gibt es immerhin zwei Minuten Vorlauf. Dann kann Neugebauer nur aufs Spielfeld schauen. Einmal pfeift er nebenbei das Lied mit, das im Radioprogramm läuft, in dem er gleich angesagt wird. Doch oft hört man das Programm auch nicht. Dann fängt Neugebauer unvermittelt an zu sprechen, beschreibt langweiliges Ballgeschiebe der Frankfurter im Mittelfeld mit der Formulierung: "sehr bedächtiger Spielaufbau bei der Eintracht". Er spricht auf die Sekunde genau zu der verabredeten Uhrzeit. Der Funkuhr sei Dank.

Neugebauer braucht die Uhr erst dann nicht mehr, als der Satz „Funkhaus Köln ruft Bremen“ zu hören ist. Das ist das Zeichen für die Schluss-Konferenz. Über die Kopfhörer hört man jetzt Neugebauers Kollegen aus den anderen Stadien und manchmal die Stimme des Regisseurs in Köln, der die Moderatoren mit einem „Weiter“ zur Eile ermahnt. Holger Gerska übergibt aus St. Pauli an Neugebauer. Viel kann er zunächst nicht sagen. Er hat kaum angesetzt da unterbricht ihn Sabine Töpperwien mit einem „Tor in Köln“.

Neugebauer darf an diesem Nachmittag niemanden unterbrechen. Während in schneller Folge die Kollegen das 2:2 in Wolfsburg und das 3:3 in Kaiserslautern ausrufen, läuft Aaron Hunt in Bremen ins Abseits. Ein Kollege, der zu Neugebauer überleitet, fragt ihn, ob er neidisch auf die Tore andernorts ist. Neugebauer kontert: „Ich tröste mich damit, dass wenigstens der Regen dieses Mal nicht in der Norddeutschen Tiefebene fällt, sondern im Rheinland.“ Bei diesem schwachen Trost bleibt es. Es gibt kein „Tor in Bremen“. Dafür hat Neugebauer in der Konferenz das letzte Wort und darf wenigstens einen anderen, berühmten Satz sagen: „Das war sie, die ARD-Bundesligakonferenz.“ Dann zieht er die Kopfhörer aus und streckt sich die Anspannung aus den Gliedern.

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