Lions Club Bremen-Unterweser sammelt 15 000 Euro und baut Bolzplatz neben dem Grohner Containerdorf Fußball für Flüchtlinge

Bremen-Nord. In Bremen-Nord bleibt es beim Thema Flüchtlinge nicht allein bei einem warmen Willkommensgruß: Bis zum Wochenende haben Mitglieder des Lions Clubs Bremen-Unterweser mit Harken und Schaufeln einen Bolzplatz neben das Flüchtlingsheim an der Steingutstraße gebaut. Und die Sportgemeinschaft Aumund-Vegesack ( SAV) hat binnen weniger Wochen ein Fußballprojekt auf die Wiese gebracht, bei dem Flüchtlinge auch ohne Vereinsausweis jeden Freitag ernsthaft trainieren und kicken können.
30.06.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Volker Kölling

In Bremen-Nord bleibt es beim Thema Flüchtlinge nicht allein bei einem warmen Willkommensgruß: Bis zum Wochenende haben Mitglieder des Lions Clubs Bremen-Unterweser mit Harken und Schaufeln einen Bolzplatz neben das Flüchtlingsheim an der Steingutstraße gebaut. Und die Sportgemeinschaft Aumund-Vegesack ( SAV) hat binnen weniger Wochen ein Fußballprojekt auf die Wiese gebracht, bei dem Flüchtlinge auch ohne Vereinsausweis jeden Freitag ernsthaft trainieren und kicken können.

Der Arm von Norbert Lange-Kroning steckt bis zur Schulter in der Erde. Mit bloßen Händen macht er das Loch für die Balken des Ballfangnetzes noch tiefer. Sein Lions-Kollege Heinrich Büttemann-Hagedorn verteilt mit der Harke den roten Bodenbelag, den ihm die Männer von der Baufirma Müller mit dem kleinen Radlader vor die Füße schütten. Auch Architekt und Lions-Mitglied Philipp Romeiser ist wie sein Präsident Uwe Wolf mit der Schaufel auf dem 20 mal 15 Meter großen Platz dabei, die rote Erde zu verteilen.

„Wir haben sogar die Fahrzeuge von der Baufirma gestellt bekommen und zahlen nur die Arbeitsstunden der Bauleute. Dazu helfen wir zwei Tage lang jeweils mit drei bis vier Lions in drei Schichten,“ erläutert Uwe Wolf, wie man einen reellen Bolzplatz für nur 15 000 Euro an Spendengeldern aus dem Boden stampfen kann. Bei der Feier zum 50-jährigen Bestehen des Lions Clubs haben sie schon im März für das Projekt gesammelt. Was noch fehlte, hat das Konzert des Jugend-Sinfonie-Orchesters Bremen-Nord vor wenigen Tagen eingespielt. Wolf: „Es ist gut angekommen, dass wir diesen konkreten Verwendungszweck für die Spenden benennen konnten.“

Vorausgegangen ist dem Bolzplatzprojekt ein Besichtigungstermin der Lions in der Steingutstraße. Norbert Lange-Kroning erinnert sich, dass alle von dem Flüchtlingsheim beeindruckt waren, das auf die Wiese am Bahnhof Schönebeck gesetzt worden ist. „Aber die Ausstattung bleibt natürlich immer beim Standard: Da ist dann gerade noch ein Spielplatz drin, aber für einen Bolzplatz hätte hier nie und nimmer das Geld gelangt.“

Als die Lions Hilfe anboten, liefen sie offene Türen ein, erinnert sich Philipp Romeiser an eine selbst für einen Architekten geradezu rasante Bauvorbereitung: „Wir haben mit Immobilien Bremen gesprochen. Die klärten mit dem Umweltressort, dass noch ein Baum gefällt werden konnte und schon hatte unser Architekt hier die Genehmigung für den Bolzplatzbau.“ Die Ballfangnetze an den Torauslinien werden mit einer Höhe von 4,50 Metern dafür sorgen, dass nicht andauernd Bälle gegen die Wohncontainer fliegen. Zu den Seiten hat der Zaun 1,40 Meter Höhe.

Romeiser: „Wir werden noch Handballtore reinstellen und Basketballkörbe installieren, und vielleicht wird das dann hier ja sogar ein Ort, an dem sich eingeborene Schönebecker zum Kicken mit den Flüchtlingen treffen.“ Präsident Uwe Wolf hat auch schon einen Sponsor „für zwei Netze voller Lederbälle“ gefunden und ist sich sicher, dass man die praktisch nur auf den Platz werfen muss, um hier Aktivität zu erzeugen. Wie auf ein Stichwort nähert sich ein junger Mann aus der Richtung mit den blauen Containerburgen und fragt, was der Trupp da eigentlich baut. Amet Bulic ist aus Serbien und mit seinem Vater, seiner Mutter und seinem Bruder von dort geflohen. Was Sie hier den ganzen Tag machen? Er zuckt mit den Achseln. Die Kinder seien ja gut beschäftigt, aber für die Erwachsenen gebe es nichts zu tun.

Als er begreift, dass das hier ein Bolzplatz wird, leuchten seine Augen auf. Der 22-Jährige hat in einer serbischen Kleinstadt selbst vier Jahre Fußball im Verein gespielt und freut sich sichtlich auf den fertigen roten Bolzplatz. Drei Minuten, nachdem er aufgekreuzt ist, verteilt er mit den anderen Männern vom Bautrupp und den Lions die Schlussschicht auf dem Platz.

Sechs Stunden später hat Amet Bulic allerdings einen anderen Termin: Er ist in der zweiten Woche beim offenen Fußballprojekt im SAV-Stadion in Vegesack dabei. Und pünktlich um 15.45 Uhr erwartet der aus Tunesien stammende Trainer Sabri Mrad seine Freizeitkicker an der Anlage: „Wer nicht pünktlich ist, kann gleich wieder gehen. Was wollen wir? Streicheleinheiten oder echte Integrationsarbeit? Und Pünktlichkeit und Deutschkenntnisse sind in Deutschland nun einmal wichtig.“ Sabri Mrad muss es wissen: Er selbst spricht Deutsch, Englisch, Französisch und – was hier das wichtigste ist: Arabisch.

„Wir wussten sofort, dass wir mit Sabri Mrad den richtigen Trainer für dieses Projekt haben“, freut sich SAV-Organisator Holger Franz über die schlichte Tatsache, dass man beim zweiten Training die Zahl der Teilnehmer mit 17 schon verdoppeln konnte. Peter Balzer, ehrenamtlicher Helfer im Heim an der Steingutstraße, geht mit auf das Feld und schon entwickelt sich direkt nach der Aufwärmübung ein sehenswerter Kick. Franz: „Dass wir hier schon heute acht gegen acht spielen können, hätte ich nie erwartet“, meint er zu seinem Trainer neben ihm und zeigt auch gleich einmal zu einem jungen Mann, der gefühlt alle dreißig Sekunden den Ball erobert: „Da müssen wir gleich unbedingt noch einmal eine Liste für die Namen und die Nationalität herumgeben: Der kann ja so eins zu eins bei uns in der Bezirksligamannschaft mitspielen.“

Natürlich geht es bei einem Projekt von einem Fußballverein immer auch darum, Talente zu scouten. Doch in erste Linie wolle man Flüchtlingen aus ganz Bremen die Möglichkeit geben, im SAV-Stadion direkt neben dem Vegesacker Bahnhof freitags ab 15.45 Uhr Fußball zu spielen. Holger Franz: „Für das Bahnfahren haben die Flüchtlinge ja ein Freiticket. Das dürfte also kein Problem sein. Das Angebot richtet sich an Teilnehmer ab 15 Jahren. Die jüngeren Flüchtlinge würden wir gerne direkt in unsere Jugendmannschaften aufnehmen.“ Einen schnelleren Weg der Integration und Deutsch zu lernen als unter Gleichaltrigen beim Fußball gebe es gerade für Kinder und Jugendliche nicht, ist sich Franz sicher.

Einem jungen Mann ist der Sportschuh praktisch zerplatzt. Peter Balzer läuft zu seinem Auto nebenan, um Ersatz aus dem Spendendepot zu besorgen. Die Schuhe sind extern gesponsert, die Trikots und Laibchen stellt der SAV. Überhaupt war der Weg bis zu dem Projekt unkompliziert und kurz. Reiner Kammeyer aus der Senatskanzlei und Ex-Ortsamtsleiter Vegesacks telefonierte demnach vor ein paar Monaten mit Holger Franz und musste seinen alten Bekannten nicht lange bitten: „Wir hatten ruckzuck 1000 Euro vom Landessportbund für den Trainer und den Spielbetrieb erst einmal bis zum Jahresende, haben die Unterbringungen der Flüchtlinge kontaktiert und schon konnten wir loslegen.“

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