Schaffermahlzeit in Bremen Gäste schätzen den Sinn für Traditionen

Bremen. Blauer Himmel, strahlende Sonne um die Mittagszeit. Andernorts wird so etwas Kaiserwetter genannt. An einem zweiten Freitag im Februar aber darf man in Bremen getrost von Schafferwetter sprechen. Für die 467. Schaffermahlzeit sind die Voraussetzungen bestens gewesen.
11.02.2011, 07:57
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Gäste schätzen den Sinn für Traditionen
Von Frauke Fischer

Bremen. Blauer Himmel, strahlende Sonne um die Mittagszeit. Andernorts wird so etwas Kaiserwetter genannt. An einem zweiten Freitag im Februar aber darf man in Bremen getrost von Schafferwetter sprechen. Wenn die Ausrichter der Schaffermahlzeit nämlich in ihren schwarzen Fräcken ohne Schirm und Schal mit ihren Gästen über den Marktplatz laufen können, haben die Zaungäste mehr vom Gucken. Für die 467. Schaffermahlzeit sind die Voraussetzungen bestens gewesen.

Der diesjährige Ehrengast des Benefizessens von Haus Seefahrt, Jean-Claude Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank, steuerte Seite an Seite mit Bürgermeister Jens Böhrnsen und Andreas Bunnemann, Verwaltender Vorsteher von Haus Seefahrt, das Rathaus an. An der großen Tafel mit 300 Gästen sollten sie Platz nehmen. Einen traditionellen Zwischenstopp gab es für den hohen Gast bei den Sängern vom Shanty Chor Brinkum, die in bekannter Manier Aufstellung genommen hatten, um dem Einzug der Gästeschar ins Rathaus den richtigen Ton zu verleihen.

Der EZB-Chef und der Bürgermeister stoppten bei den Sängern und ließen sich sogar auf ein kurzes Gespräch mit ihnen ein, bevor sie den Weg ins Rathaus über den Haupteingang nahmen. Für Jean-Claude Trichet, dessen Ehefrau den Bremen-Besuch in letzter Minute wegen einer Grippe hatte absagen müssen, stand vor dem Betreten des Festsaals und der Oberen Halle der Eintrag ins Goldene Buch auf dem Plan. Eine willkommene Gelegenheit für Medienvertreter, dem Ehrengast näherzukommen. „Ich schätze den Sinn für Geschichte an Bremen“, sagte Trichet auf Englisch, nachdem er einzig seinen Namenszug schwungvoll ins Goldene Buch geschrieben hatte. Er sei sehr bewegt von der Einladung und von dem Ort, der Geschichte, Tradition und Moderne verbinde.

Die jahrhundertelange Tradition, die ihre Wurzeln im Abschiedsessen der Kaufleute und Kapitäne vor dem Auslaufen der Schiffe im Frühjahr hat, bestimmte die gesamte Kulisse im Rathaus, den Ablauf des ehrwürdigen Stiftungsessens von Haus Seefahrt und nicht zuletzt die Haltung von Schaffern und Gästen.

Tafel in Form eines Dreizacks

Otto Lamotte, Ralph Geuther und Nils Herrmann, diesjährige kaufmännische Schaffer, hatten sich zwei Jahre mit ihren Aufgaben vertraut gemacht. Am Freitag war der große Tag gekommen, an dem sie mit den sechs Kapitänsschaffern Heiko Walter, Michael Merkel, Artur Herzog, Nils-Volker Goebel, Franz Miesenberger und Michael von Gadow an ihrer Seite alle Anforderungen als Ausrichter bewältigten. Die Obere Halle war dementsprechend hergerichtet, die Tafel in Form eines Dreizacks eingedeckt für 300 Gäste, etwa 100 seemännische und ebenso viele kaufmännische Mitglieder von Haus Seefahrt sowie 100 geladene Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. In alter Tradition schmückten silberne Schiffe, Kerzenleuchter und Blumengestecke in den Landesfarben Rot und Weiß die Tische, auf denen im Laufe des Nachmittags die altbekannte Speisenfolge von der Bremer Hühnersuppe über Stockfisch mit Senfsauce und Salzkartoffeln, Seefahrtsbier aus großen Silberhumpen, Braunkohl mit Pinkel und Rauchfleisch, Kalbsbraten mit Selleriesalat und Katharinenpflaumen, Rigaer Butt, Chester- und Rahmkäse bis zum Mokka serviert wurde.

Zwischen dem jeweiligen Setzen und Abnehmen der Teller galt es für die drei Schaffer bei Stimme zu sein. Ihre Reden zu vorgegebenen Themen gehörten neben der Rede des Ehrengasts zu den Höhepunkten der langen Veranstaltung. Doch sämtliche Äußerungen waren daheim vielfach geprobt, von Familienangehörigen kritisch abgehört und schließlich für gut befunden worden. Während die diesjährigen Schaffer ein letztes Mal in Gedanken ihre Texte durchgingen, Tischordnungen und Dekoration überprüften, fanden sich im Schütting gegenüber vom Rathaus all jene kaufmännischen Mitglieder von Haus Seefahrt mit ihren Gästen und Handelskammer-Repräsentanten ein, die am Mahl teilnehmen wollten. Darunter war beispielsweise Reeder Niels Stolberg, der 2006 das Benefizessen zugunsten der Sozialkasse mit ausgerichtet hatte.

Piraterie war auch ein Thema

Die Entführung seines Schiffes „Beluga Nomination“ durch Piraten und die Todesfälle auf dem Schiff (wir berichteten) haben ihn sichtlich mitgenommen. „Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt kommen soll“, sagte er. Doch nicht zuletzt die Aussicht, das Thema Piraterie im Kreis von Kauf- und Seeleuten mit verantwortlichen Politikern wie dem Staatssekretär Hans-Joachim Otto ansprechen zu können, mag ihn bewogen haben, die Teilnahmezusage zu halten. „Wir müssen das gemeinsam lösen“, betonte er. Seinem Gast, Georg Knoth aus München, wollte Stolberg gern die Einzigartigkeit der traditionsreichen Schaffermahlzeit vermitteln.

Wie gut sich die Traditionen offenbar fortleben lassen, demonstrierten Familien wie jene von Otto und Nicole Lamotte. Sohn Albert (21) und Tochter Mathilde (20) tanzten am Abend die Polonaise mit, die traditionell von jugendlichen Paaren als Auftakt des Seefahrtsballs gilt. Auch Jonathan Weiß gehörte zu den Jugendlichen. Sein Vater Christoph Weiß und Großvater Joachim saßen an der Tafel. Christoph Weiß war der Stolz anzumerken: „So sind wir heute mit drei Generationen anwesend.“

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