Serie "Offene Wahl" (5): Bremen und Bremerhaven Ganz besondere Schwestern

Ein Land, zwei Städte und – im Großen und Ganzen – dieselben Probleme. Allerdings leidet Bremerhaven seit Jahren deutlich sträker. In unserer Serie "Offene Wahl" beleuchten wir die Sonderrrolle Bremens als Zwei-Städte-Staat.
10.03.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Silke Hellwig

Nicht nur rund 409 000 Bremer entscheiden am 10. Mai über die Zusammensetzung der Bremischen Bürgerschaft, also den Landtag, sondern auch rund 84 500 Bremerhavener. Das Verhältnis zwischen Bremen und Bremerhaven ist vielleicht nicht grundsätzlich angespannt, kompliziert aber ist es allemal.

Es ist nicht so, dass es täglich zu Nicklichkeiten, Eifersüchteleien oder abfälligen Bemerkungen käme. Nein, nur gelegentlich flammt irgendetwas zwischen Bremen und Bremerhaven auf, das der Konkurrenz unter Geschwistern gleichen mag. Indes ist Bremen gewissermaßen Schwester und Mutter zugleich. Auf kommunaler Ebene sind die beiden Städte als gleichwertig anzusehen, unterschiedlich nur in ihrer Größe. Doch in Bremen vermischen sich Stadt- und Landesebene – in Strukturen und in Personen. Das macht das Verhältnis aus Sicht der Bremerhavener nicht eben leichter. Irgendwie sind die Bremer immer im Vorteil, und das lassen sie die Bremerhavener manchmal auch spüren.

Ein Land mit zwei Städten, das ist bundesweit einzigartig und mit einer Reihe von Besonderheiten verbunden: Bremerhaven gilt als „freieste Gemeinde der Welt“ – mit einer eigenen Verfassung, mit städtischen Polizeibeamten und Lehrern, die nicht einer Landesbehörde unterstehen. Daran wird seit Jahren – von bremischer Seite – immer mal wieder herumgekrittelt, vor allem dann, wenn das Verhältnis von Beamten zu Einwohnern in den Städten unterschiedlich ausfällt. Weil die Fünf-Prozent-Hürde für Bremen und Bremerhaven getrennt gerechnet wird, saßen jahrelang DVU-Abgeordnete im Landtag. Das gefiel vielen Bremern (und wohl auch Bremerhavenern) ganz und gar nicht. Dank der getrennten Hürde ist zur Zeit Jan Timke für die als rechtspopulistisch geltenden „Bürger in Wut“ Mitglied der Bremischen Bürgerschaft.

Manchmal, sagt Hans Koschnick, Bremens Regierungschef von 1967 bis 1985, habe er in seiner politisch aktiven Zeit beinahe den Eindruck gehabt, „dass sich die Bremer zurück gesetzt fühlen und nicht die Bremerhavener“. Schließlich habe Bremen seine Schwesterstadt nicht etwa am langen Arm zappeln lassen, sondern eher gepäppelt. „Das ging auch nicht anders, die Ausgangslage Bremerhavens ist schwieriger.“

Das gilt bis heute als unbestritten, Bremerhaven muss sich Titel wie „das Armenhaus des Westens“ gefallen lassen, wird dafür aber finanziell besonders berücksichtigt. Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz sagt: „Ich denke, dass das Verhältnis zwischen Bremen und Bremerhaven so entspannt ist wie schon lange nicht mehr. Das heißt natürlich nicht, dass es in dem einen oder anderen Fall unterschiedliche Sichtweisen gibt. Die werden aber in freundschaftlicher Weise abgehandelt.“

Für das Miteinander zwischen den beiden Städten gibt es Grundlagen, teils ungeschriebene Gesetze, teils Abkommen, auch in den Koalitionsvereinbarungen wird Bremerhaven traditionell mit einem eigenen Kapitel bedacht. Als gesetzt gilt, dass im Senat nicht nur eine Frauen-, sondern auch eine Bremerhaven-Quote erfüllt wird. Zudem nimmt Bremerhavens Oberbürgermeister – ohne Stimmrecht – an den Sitzungen des Senats teil. Es gibt einen kommunalen Finanzausgleich – für beide Städte. Bremerhaven bekommt seit 2013 aufgrund seiner besonderen Schwierigkeiten (mehr arbeitslose und arme Menschen als in Bremen) pro Einwohner etwas mehr Geld als Bremen.

Der kommunale Finanzausgleich hat auch zu den jüngsten Verwerfungen geführt. Auslöser war die jüngste Volkszählung. Danach hat Bremerhaven rund 5000 Einwohner weniger als bei der Volkszählung zuvor, aus Sicht der Stadt entgeht ihr damit zu Unrecht Geld. Bremen war von der Klage nicht begeistert, aus Sorge um die Folgen für die überregionale Finanzverteilung. In erster Instanz verlor Bremerhaven, nun ist die Klage vor dem Oberverwaltungsgericht anhängig.

Durch Einwohnerrückgang haben die Bremerhavener schon zuvor an Einfluss verloren: 2006 reduzierte sich die Zahl der Sitze im Landtag von 16 auf 15. In der Debatte fielen auch unbedachte und böse Worte. Als verbrieft gilt, dass ein damaliger Bremer Abgeordneter die Kollegen aus Bremerhaven wissen ließ: „Geht pissen oder Fisch essen.“ Das ist natürlich längst verjährt und war ein grober Schnitzer. Denn den Politikern des Landes Bremen, vor allem auch den Bremern, ist sehr bewusst, dass man im Land ohne Unterstützung aus Bremerhaven nichts werden kann. Hans Koschnick sagt: „Ich bin nicht objektiv, ich bin Bremerhaven-Sympathisant. Ich habe jahrelang von der Zustimmung der Bremerhavener bei wichtigen Entscheidungen gelebt.“

Dennoch gibt es eine Reihe von Legenden und Anekdoten, die Missstimmungen auslösten oder belegen, dass in Bremerhaven – zumindest auch – empfindsame Seelen leben. 2001 echauffierte sich der damalige Oberbürgermeister Jörg Schulz in einer Protestnote an Radio Bremen über einen „Tatort“ in dem (von Kommissar Nils Stedefreund) die Worte fielen: „Waren Sie schon mal in Bremerhaven, ich meine jobmäßig? Das ist das absolute Abstellgleis.“

Doch die Stadt hat sich verändert. Grantz spricht von einem „bemerkenswerten Wandel“. Lange Zeit hatten Bremerhavener den Eindruck, dass (zu Zeiten der großen Koalition) allein die Stadt Bremen mit Sanierungsmillionen flott und schick gemacht werden sollte. Inzwischen gibt es die „Havenwelten“ mit Einkaufscenter, Hotel, Zoo am Meer, Klima- und Auswandererhaus, die Hunderttausende von Gästen anziehen und in die das Land kräftig investierte. Das sieht man in Bremerhaven offenbar als eine Art Gleichstand. Proporz ist enorm wichtig für das Verhältnis der Schwesterstädte: Ob beim Evangelischen Kirchentag in Bremen oder beim Besuch von Bundesprominenz – immer wieder wird in der sogenannten Seestadt die Frage laut: Wie viel bekommen wir ab? Wann besucht uns der Minister? Bei einer Entfernung von rund 60 Kilometern zeigt sich ein logistisches Problem, das nicht immer zu lösen ist.

Thomas Röwekamp bezeichnet sich als „Zwitter“. Er lebt in Bremerhaven und arbeitet in Bremen, als Anwalt, Notar und Politiker. „Ich nehme nicht wahr, dass es in Bremerhaven eine Grundstimmung gibt gegen ein hochnäsiges Bremen“, sagt er. Es gebe „regionale Eitelkeiten“, doch die seien nicht anders zu bewerten als zwischen Düsseldorf und Köln, Bochum und Gelsenkirchen. Allerdings erwarteten die Menschen in Bremerhaven einiges von der nächsten Landesregierung. Die Probleme der beiden Großstädten seien vergleichbar, aber der Leidensdruck in Bremerhaven größer, weil von den Problemen deutlich mehr Menschen betroffen seien.

Für Verstimmung sorgte in der Vergangenheit aber auch die bremische Wirtschaft. 2009 verärgerte der damalige Handelskammer-Präses Lutz Peper die Junge Union Bremerhaven. Peper forderte, Bremerhavens finanzielle Bevorzugung bei Investitionen zu beenden. Die JU befand, dass der Präses in Bremerhaven nicht mehr willkommen sei. Inzwischen fusionieren Handelskammer und Industrie- und Handelskammer Bremerhaven. Einfach sei es nicht, heißt es hinter den Kulissen. Doch dass es überhaupt dazu gekommen ist, war laut Melf Grantz „vor zehn Jahren noch undenkbar“.

Der Leiter des Staatsarchivs erklärt, wie der Zwei-Städte-Staat entstanden ist

Die Chronologie Bremerhavens

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+