Jochen Stoss führt am 31. Juli durch seine Pressefoto-Ausstellung im Haus der Bürgerschaft

Ganz in seinem Element

Altstadt. Hinter der Kamera hat er sich schon immer am wohlsten gefühlt. Als Rentner im Rampenlicht zu stehen, ist erst recht nicht seine Sache.
27.07.2017, 00:00
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Ganz in seinem Element
Von Monika Felsing

Altstadt. Hinter der Kamera hat er sich schon immer am wohlsten gefühlt. Als Rentner im Rampenlicht zu stehen, ist erst recht nicht seine Sache. Weil sich Jochen Stoss aber auch für eine Sache begeistern kann, war er bei seiner ersten Führung durch seine Ausstellung im Haus der Bürgerschaft ganz in seinem Element. Dieses Element, das ist sein Beruf, die Pressefotografie, das sind die Menschen, und das ist Bremen, seine Heimatstadt. Schon vom ersten Foto an, einem Motiv aus den Wallanlagen.

Gerade einmal 14 Jahre alt war Jochen Stoss damals, ein blonder Knabe mit Kamera. Den Fotoapparat hatte er von seinem Konfirmationsgeld erstanden, das Talent und den nötigen Ehrgeiz brachte er mit. Am Stadtgraben kletterte der junge Bremer also die verschneite Böschung hinunter, um den Arbeiter, der eine Laterne montierte, aus einer noch besseren Perspektive abzulichten. Selbstbewusst oder naiv, wie er war, marschierte er zur Zeitung, sobald er einen Abzug in Händen hielt. Und siehe da, die Zeitung zahlte Honorar. Das Bild ging in den Druck und Jochen Stoss schon bald in die Lehre.

Bis Donnerstag, 10. August, sind das erste und etwa 200 weitere Fotos aus einem halben Jahrhundert im Haus der Bürgerschaft zu sehen. Die nächste öffentliche Führung von Jochen Stoss ist am Montag, 31. Juli, um 11 Uhr. Diesmal werden Joachim Koetzle aus dem Peterswerder, der Leiter der Fotowerkstatt des Staatsarchivs, und sein Hemelinger Kollege Boris Löffler-Holte mit dabei sein. Beide haben sich intensiv mit den Fotos von Jochen Stoss befasst, der eine in der Fotowerkstatt, der andere im Bildarchiv. Längst sind sie auf Du und Du mit seinem Werk, aber auch mit ihm, genau wie er mit zahlreichen Bremerinnen und Bremern, unabhängig vom aktuellen Grad ihrer Bekanntheit, jenseits von Eitelkeiten.

Einer davon, ein Sportfunktionär, hat ihn einmal davon abhalten wollen, seinen Job zu machen – und dabei war Jochen Stoss gar nicht im Dienst. Diese nette kleine Geschichte zu erzählen, bleibt dem Schwachhauser für seine nächste Führung vorbehalten. Genau wie die Antwort auf die Frage, warum es so schwer war, Hans Koschnick für die Zeitung abzubilden, oder wen er am liebsten nur von hinten fotografiert hätte. Besonders geduldig war der erste Bremer Nachkriegsbürgermeister als Modell: „Du musst nur sagen, was du willst“, soll Wilhelm Kaisen, die Zigarre ihm Mundwinkel, dem jungen Fotografen bedeutet haben. Das Foto zeigt den Sozialdemokraten bei der Gartenarbeit.

Sicher aufbewahrt

Das Staatsarchiv hat die fotografische Ernte von Jochen Stoss vor gut zwei Jahren eingefahren, vermittelt von der Hollweg-Stiftung. Mehr als 750 000 Negative gehören dazu. „Originalverpackt, teilweise beschriftet“, sagt Joachim Koetzle anerkennend, denn er ist anderes gewohnt. Boris Löffler-Holte hat die Fotos zunächst grob verzeichnet und das, was auf den Hüllen stand, ins Archivsystem übertragen, die Schachteln nummeriert und sie ins Magazin gebracht. Inzwischen stecken die Negative in säurefreien, archivsicheren Hüllen, die auch keine Weichmacher enthalten. So haben sie eine Chance, die Zeit zu überdauern.

Im Staatsarchiv ist die Sammlung Stoss sicher verwahrt, aber nicht weggeschlossen. Wer ein bestimmtes Foto sucht, für ein Vereinsjubiläum, ein Buch über Bremen oder einen Vortrag, kann eine Anfrage starten. Ob die Recherche etwas kostet, und wenn ja, wie viel, entscheidet sich nach dem Aufwand der Suche und dem Zweck der Nutzung. Das Fotoarchiv besitzt mittlerweile eine ganze Reihe von Fotografennachlässen und fotografischen Sammlungen. Jochen Stoss hat sein Werk schon zu Lebzeiten aus der Hand gegeben – ein entscheidender Vorteil aus Sicht der Archivare. Sie können den Fotografen fragen, ob er noch weiß, wen er da bei welcher Gelegenheit vor seiner Linse hatte.

„In früheren Zeiten wurden einige Nachlässe nur eingelagert, jetzt werden sie verzeichnet“, sagt Joachim Koetzle. Zum Beispiel die 20 000 Glasplattenegative des Bremer Fotografen Stickelmann, die der Leiter der Fotowerkstatt eingescannt hat. Mit dem Material hat das Staatsarchiv schon zwei Ausstellungen bestückt. „Unsere ersten Aufgaben sind aber Erhaltung und Nutzbarmachung“, betont Koetzle. „Wir sind kein Museum.“ Ausstellungen sind die Ausnahme, von der alle etwas haben. Aktuell arbeitet das Team an einer Schau zum Reformationsjubiläum. Fotografisch ist da nichts zu wollen. „Aber wir haben hochinteressante Originale: Bücher, Urkunden, Schriften.“

Zu Koetzles nächsten Projekten gehören die Nachlässe des Fotografenehepaars Lohrisch-Achilles und des Nachkriegsfotografen Karl Edmund Schmidt. Der Namensvetter von Georg Schmidt war mit seinem Kollegen weder verwandt noch verschwägert. Zwei Konkurrenten im Dienst. „Die beiden haben oft nebeneinandergestanden und Fotos gemacht“, sagt Joachim Koetzle. Wenn man heute die Bilder nebeneinander halte, sei es manchmal nicht leicht, zu sagen, welcher der beiden auf den Auslöser gedrückt hat.

„Wir haben ein grobes System, bestimmte Sachen zu finden“, sagt Joachim Koetzle. „Bei Einzelpersonen ist es fast unmöglich. Bei Demonstrationen kann man zum Beispiel mit der Lupe rangehen: Was steht auf den Schildern?“ Oder man sieht in archivierten Ausgaben des WESER-KURIER nach, worüber in einem bestimmten Zeitraum mit Bild berichtet worden ist. Über das Hochwasser und Werftpleiten zum Beispiel, über Unfälle und Straßenbahnunruhen, aber auch über Konzerte, Staatsbesuche und den Freimarkt. Und immer wieder über Werder.

Hinter den Kulissen

Bei Annemarie Mevissen, der unerschrockenen Bremer Bürgermeisterin, ist Jochen Stoss ein ganz besonderes Foto gelungen. „Ich mag das Bild mit dem Löwen“, sagt er. „Das mögen ja alle.“ Nicht nur ästhetisch reizvoll findet er außerdem das Foto mit dem Rolls Royce der Queen und das mit Zarah Leander. „Da sieht man den Alltag von Pressefotografen.“ Über diesen Alltag erfährt die Öffentlichkeit in der Regel wenig, er ist eine der Geschichten hinter den Geschichten in der Zeitung, eine Geschichte fast ohne Glanz und Glamour, und häufig unter Druck. Denn so lange sie auch manchmal auf den entscheidenden Moment warten: Pressefotografen müssen schnell sein, nicht nur bei der Sportfotografie. An ihrer Ausrüstung haben sie schwer zu schleppen. Noch schwerer wiegt nur die Verantwortung. Als der Bus in Huckelriede entführt wurde, hat auch Jochen Stoss die Geiselnehmer in der Fußgängerzone in Vegesack fotografiert. „In dem Moment hat man seine Arbeit gemacht“, sagt er über einen der schwärzesten Tage seiner Laufbahn. „Erst hinterher kam man zum Nachdenken.“ Und für alles gebe es Grenzen. „Was da später noch gelaufen ist, das geht gar nicht.“ Es sind ethische Grenzen, an die sich seriöse Berichterstatter halten. Und es geht um das Rollenverständnis.

Gleichzeitig verändern sich die Arbeitsbedingungen der Fotografen, die mehrheitlich Freiberufler sind. Die Dunkelkammer ist geschlossen, die Materialschlacht eröffnet. Wie es sich auf die Pressefotografen ausgewirkt hat, dass das Digitale das Analoge abgelöst hat, darüber kann Jochen Stoss sehr lebhaft aus Sicht des Berufszeitzeugen erzählen. Er tut es mit dem nötigen inneren Abstand und einer Prise Bremer Humor. Weil Journalisten „immer etwas Neues wissen wollen“, schreckte der 75-Jährige schon bei der Premiere nicht vor Enthüllungen zurück: Jochen ist quasi sein Künstlername. Seine Eltern haben ihn anders getauft.

Jochen Stoss führt am Montag, 31. Juli, um 11 Uhr noch einmal durch seine Ausstellung im Haus der Bürgerschaft. Diesmal sind Joachim Koetzle und Boris Löffler-Holte vom Staatsarchiv dabei. Die beiden werden zusätzlich über ihre Arbeit berichten und können Fragen zum Archivieren von privaten Fotos und zu den Sammlungen des Staatsarchivs beantworten. Die Teilnahme ist gratis. Ohne Anmeldung. Weitere Führungen sind nicht geplant, aber auch nicht ausgeschlossen. Der Katalog zur Ausstellung kostet 20 Euro.
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