Pensionierter Eisenbahner zeigt verborgene Orte am Hauptbahnhof Ganz nah an der Drehscheibe

Bahnhofsvorstadt. Eigentlich ist Jürgen Söncksen längst im Ruhestand, aber regelmäßig zieht es den Eisenbahner zurück an seinen alten Arbeitsplatz. Für den Verein Stattreisen führt er Gruppen hinter die Kulissen des Hauptbahnhofs.
14.04.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von CHRISTIANE MESTER

Eigentlich ist Jürgen Söncksen längst im Ruhestand, aber regelmäßig zieht es den Eisenbahner zurück an seinen alten Arbeitsplatz. Für den Verein Stattreisen führt er Gruppen hinter die Kulissen des Hauptbahnhofs.

Am Treffpunkt vor dem Übersee-Museum, in Sichtweite der Bahnhofsfassade, „herrschte bis zum Jahr 1889 ein besonders reges Treiben“, beginnt der Woltmershauser seine Führung mit einem Rückblick. Wer damals von Hannover nach Hamburg wollte, musste in Bremen einen längeren Zwischenstopp zum Umsteigen einplanen, um von einem Bahnhof zum anderen zu kommen: „Vom Hannoverschen da links“ – Söncksen deutet in Richtung Übersee-Museum – „musste man rüber zum Hamburgischen Bahnhof. Der lag dort, wo heute das Parkhotel ist.“

Und weil die Erfindung des Rollkoffers damals noch in weiter Ferne lag, eilten hier auch Heerscharen von Gepäckträgern hin und her, und wer es sich leisten konnte, ließ sich von einem Gleis zum anderen kutschieren. Angesichts solcher Umstände war die feierliche Eröffnung des neuen Central-Bahnhofs ein bedeutsames Ereignis. „Die Fassade ist von dem damaligen Star-Architekten Hubert Oswald Stier“, weiß Söncksen. „Die große Uhr in der Mitte steht für die neue Zeit.“ Wortwörtlich sei das in diesem Fall zu nehmen, denn der Ausbau des Schienennetzes habe zu mehr Mobilität geführt und auch den gesellschaftlichen Takt beschleunigt. „Plötzlich war es wichtig, die genaue Uhrzeit zu wissen, sonst war der Zug weg.“

Die große Fassadenuhr wird eingerahmt von zwei weiteren Darstellungen, die Söncksen erklärt: „Links sehen Sie ein Schiff mit einer jungen Frau. Das symbolisiert die vom Wind bewegte Schifffahrt.“ Auf der anderen Seite habe der Architekt die neue Errungenschaft der Eisenbahn verewigt: „Der von einem Drachen gezogene Feuerwagen steht für die Dampfeisenbahn, die von Kohle und Rauch bewegt wird.“

Seinen ersten Zwischenstopp legt Jürgen Söncksen an Gleis 1 ein. „An jedem Bahnhof ist das immer das nächstgelegene zum Haupteingang“, sagt er und holt die Gruppe mit aktuellen Zahlen und Fakten zurück in die Gegenwart: „Jeden Tag fahren 440 Reisezüge und bis zu 200 Güterzüge mit einer Länge von maximal 750 Metern durch den Bremer Hauptbahnhof“, erfahren die Teilnehmer. „Wer wann fahren darf, entscheidet nicht etwa der Zugführer, sondern der Fahrdienstleiter. Und das aus 125 Kilometern Entfernung.“ Der steuere auch die Signale, stelle die Weichen und schicke dem Lokführer während der Fahrt die aktuelle Geschwindigkeit aufs Display. Darüber entscheide der längst nicht mehr selbst: „Wie auch, wenn er mit 250 km/h bei Nebel unterwegs ist, da hat er doch keine drei Meter Sicht“, sagt Söncksen und kommentiert sogleich: „Die arbeiten dran, dass wir irgendwann gar keine Eisenbahner mehr brauchen.“

Das „Wir“ hat er sich auch im dritten Jahr seiner Pension nicht abgewöhnt. Söncksen ist Eisenbahner durch und durch und das man ihm mit Nörgeleien über verspätete Züge nicht zu kommen braucht, ist schnell klar. Den Versuch erstickt er im Keim. Söncksen denkt in größeren Dimensionen: „Was immer in der Welt los gewesen ist, der Bahnverkehr hat immer funktioniert. Trotz der DDR und was wir sonst so alles hinter uns gebracht haben.“ Auf eines sei immer Verlass gewesen: „Ein Mal am Tag fuhr der D-Zug von Köln nach Rügen.“

Auf dem Weg in Richtung Betriebsgelände hat der ehemalige Inspektor für Leitungs- und Sicherheitstechnik alle Gruppenteilnehmer im Blick. Ein leichtes für ihn, der bis zu seinem Ruhestand als Arbeitsschützer für knapp 1000 Leute zuständig gewesen ist, wie er erzählt. Vollzählig gelangen sie in den hinteren Bereich, wo außer den Beschäftigten niemand Zutritt hat. Hier liegen nicht nur die Bürogebäude, sondern auch das, was die Herzen von Eisenbahnfans augenblicklich höher schlagen lässt: Das Stellwerk mit der großen Drehscheibe, auf der die Loks für die Einfahrt in den angrenzenden Schuppen gewendet werden können. Dass im Lokschuppen aus dem 19. Jahrhundert schon die ganz alten Dampfloks startklar gemacht wurden, davon zeugen noch heute die rußigen Spuren an der Decke.

Im Inneren der Halle wächst gleich neben dem Eingang ein Schilderwald aus dem Betonboden. Hier sammelt sich, was auf den Strecken draußen gerade nicht gebraucht wird oder für immer ausrangiert ist. Gelagert werden auch kleinere Ersatzteile, die sich entlang der metertiefen Wartungsgräben griffbereit in Holzkästen stapeln. Alles wirkt so, als machten die Arbeiter gerade nur eine Pause, bevor die nächste Lok zur Wartung durch das hohe Tor gefahren wird. Das ist nicht so, klärt Söncksen auf: „Dieser ganze Bereich, die Drehscheibe und der Lokschuppen, werden nicht genutzt, weil es derzeit keine Bahngesellschaft gibt, die ihre Züge in Bremen bereitstellt.“ Das könne sich aber alles ändern. Bis dahin gibt es Führungen hinter die Bahnhofskulissen.

Die nächste Bahnhofsführung ist am Sonnabend, 21. Mai, um 14 Uhr. Anmeldung unter www.stattreisen-bremen.de und unter 4 30 56 56. Die Teilnahme an der Führung kostet zehn Euro, ermäßigt neun Euro. Der Treffpunkt ist vor dem Übersee-Museum.

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