Urban Gardening Gartenparadies bei der Pathologie

Gärtnern kann man nicht nur auf der Parzelle. Auf dem Gelände des Klinikums Bremen-Mitte gibt es ein „Urban Gardening“-Projekt.
04.09.2019, 12:33
Lesedauer: 4 Min
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Von Matthias Holthaus

Küchenkräuter, Sonnenblumen, Feldsalat, Frühlingszwiebeln und für das Auge auch ein paar Blumen. „Und haufenweise Tomaten“, sagt Anne Mechels, die mit neun anderen gärtnerwilligen Menschen Nutzpflanzen großzieht – und das mitten auf dem Gelände des Klinikums Bremen-Mitte. „Urban Gardening“, salopp übersetzt „Gärtnern in der Stadt“, hält schon seit längerer Zeit Einzug in den städtischen Raum. Der Lucie-Flechtmann-Platz in der Neustadt etwa ist solch ein Raum, wo der eigens gegründete Verein „Kultur-Pflanzen“ bereits 2013 die erste Gartensaison eingeläutet hat, die Gemüsewerft in der Überseestadt ist ein anderes Beispiel.

„Das Projekt hat in der Zwischenzeitzentrale (ZZZ) angefangen, dort haben wir mit Paletten gebastelt“, erinnert sich Christa Immel. Besagte Zwischenzeitzentrale hat zwischen September 2018 und Ende Juni 2019 das ehemalige Schwesternwohnheim auf dem Klinikgelände genutzt, um Raum für kreative Ideen oder für Treffpunkte aller Art zu schaffen, im Innenhof gab es erste Gärtnerversuche im Palettenbeet. „Wir hatten im März diesen Jahres ein erstes Planungstreffen“, sagt Anne Mechels, initiiert von der Stadtteilgenossenschaft Hulsberg.

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Wobei die Urban Gardening-Gruppe jedoch kein Projekt der Stadtteilgenossenschaft sei, sagt sie. Eher eigenständig, und eigenständig haben sie sich dann im Innenhof getroffen. „Zu Beginn war es noch kalt und es hat geschneit“, erinnert sich Sigrid Hopfe. Doch das Ende des Schwesternwohnheims war absehbar und der Abriss beschlossene Sache. „Wir hatten immer im Kopf, dass das alles befristet war. Und deshalb wollten wir einen Garten bauen, der umziehen kann.“ Der umzugsfähige Garten zog dann auch um und die Wannen, Kisten und Kübel mit Erde und Wuchs wurden Ende Juni in einen Cambio-Transporter geladen und zum neuen Platz gebracht.

In der Nähe der Pathologie

Der liegt in der Nähe der Pathologie und des Hubschrauberlandeplatzes und wurde gemeinsam mit Florian Kommer, dem Geschäftsführer der Grundstücksentwicklung Klinikum Bremen-Mitte (GEG), ausgesucht. „Er hatte Vorschläge, wir hatten Vorschläge, danach haben wir die ,Gesundheit Nord´ angesprochen“, sagt Anne Mechels. Gemeinsam und auch mit Hilfe des Ortsamtes hätten sie dann mögliche Orte angeschaut, die Wiese neben dem Landeplatz ist es geworden. Bis 2021 wird der temporäre Garten dem Hulsberg-Gelände erhalten bleiben, dann wird die Fläche bebaut.

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„Uns war es wichtig, in der Nähe des Bettenhauses zu sein“, sagt Sigrid Hopfe. „Das Haus im Blick zu haben, wo wir auch mal wohnen möchten.“ Die meisten von ihnen sind Mitglied in der Stadtteilgenossenschaft, die darum kämpft, das Bettenhaus als genossenschaftliche Wohnform nutzen zu können. Zwischen 27 bis 70 Jahren sind die Gärtnerinnen von „Urban Gardening“ alt, es sind drei Männer und sieben Frauen. „Und es gibt Sympathisanten, die Gießdienste anbieten“, sagt Anne Mechels. Und das ist keinesfalls ein langweiliger Job: „Jedes Mal, wenn ich gieße, bin ich im Gespräch.“

Denn darum geht es auch: Um Kontakte mit anderen Menschen, um Gemeinschaft. „Es ist ja auch ein Treffpunkt, wo andere Pause machen“, erzählt Beate Rösel vom „Urban Gardening“-Projekt. „Es kommen auch viele Patienten, die sich dort hinsetzen. Die dürfen das auch.“ Davon zeugt auch ein Schild, das zum Weg hin steht und besagt: „Genießen sie den Platz und bitte, bitte nehmen sie Abfall und Zigarettenreste mit.“

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Ab und zu Tomaten ernten

Mitarbeiter des Krankenhauses nutzten den Garten mit den Palettenmöbeln ebenso wie Krankenbesucher, die dann ab und zu auch ein paar Tomaten ernten. „Und auch die Nachbarn sind angetan. Wir erhalten viel Unterstützung, auch von der Geno“, sagt Anne Mechels. Den Schlauch für die Wasserversorgung etwa habe das Krankenhaus gelegt. „Das Zusammenmachen ist toll und das Zusammentreffen mit Menschen, die das freut.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass so eine kleine Fläche auf so viel positive Resonanz stößt“, so Beate Rösel. Die soziale Komponente sei sehr wichtig, „Urban Gardening“ setze ja auch ein Zeichen, fügt sie als mögliche Begründung für die Beliebtheit hinzu: „Um die zehn Hektar Land werden täglich in Deutschland zugebaut, das ist hier eine kleine Gegenbewegung.“ Mitstreiterin Angela Banerjee gefällt daher auch der öffentliche Charakter des Gärtnerns auf dem Klinikgelände: „Es gibt keine Zäune, nicht so wie in Kleingartengebieten.“ Und das sei auch gut, meint Christa Immel: „Dass keiner den Supergarten haben will.“

Sie seien übrigens auch sehr offen für Neue, die gerne mitmachen wollen, sagt Sigrid Hopfe. Und Gartenexperte muss man anscheinend auch nicht sein: „Wir testen einfach mal ein wenig herum“, sagt etwa Christa Immel, wobei sie da etwas tiefstapelt: Sie hat eine Wildkräuterausbildung, was sich auch am „essbaren Beet“ abbildet, in dem tatsächlich alle Pflanzen vom Stengel direkt in den Mund wandern können, ohne dass der Mensch Schaden nimmt.

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In den Mund wandern können auch diverse Beeren, die irgendwann reif sein werden. „Wir haben ganz viele Stecklinge abgeschnitten und in die Erde gesetzt“, sagt Laura Schneider, und diese Stecklinge werden sich dann über kurz oder lang zu Brombeeren, Himbeeren oder Johannisbeeren entwickeln.

Der Plan für das nächste Jahr lautet: mehr Gemüse. Und natürlich mehr Menschen, die den Garten mitbetreuen. Es gebe zwar eine Spendenkasse, doch Anne Mechels sagt: „Man muss kein Geld haben, um mitzumachen.“

Die Chance zum Mitmachen bietet sich wieder am Freitag, 6. September, um 17 Uhr. Treffpunkt ist dann die kleine Wiese zwischen dem Hubschrauberlandeplatz und der Pathologie.

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