Bauvorhaben in Bremen

Gartenstadt Werdersee & Co.: Warum dauert das so lange?

Die Gartenstadt Werdersee ist ein Wohnungsbauprojekt mit Potenzial. Doch erst nach Jahren rollen die Bagger. Es gibt weitere Beispiele, wie das Hulsberg-Quartier. Warum ziehen sich Bauvorhaben in Bremen so lange hin?
02.11.2017, 18:20
Lesedauer: 5 Min
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Gartenstadt Werdersee & Co.: Warum dauert das so lange?
Von Jürgen Hinrichs
Gartenstadt Werdersee & Co.: Warum dauert das so lange?

Hier, auf dieser Wiese, entsteht die Gartenstadt Werdersee. An diesem Freitag beginnen die Arbeiten.

Frank Thomas Koch

Die Fläche ist eine Wiese, unbebaut. Seit Jahrzehnten liegt sie da, unbebaut. Im Untergrund Schutt aus Kriegszeiten, nach Einschätzung der Behörden aber völlig harmlos. Diese Fläche wird jetzt angepackt – erster Baggerstich an diesem Freitag. 590 Wohnungen in bester Lage, 30 Prozent davon sozial gefördert. Bremen braucht so etwas, viel davon, da sind sich alle einig. Doch warum hat es so lange gedauert, bis die Gartenstadt Werdersee, so der Name für das Projekt, an den Start gehen konnte? Vor fünf Jahren hatte Bausenator Joachim Lohse (Grüne) das erste Mal von den Plänen gesprochen. Beschlüsse gab es ein Jahr später, das war im Oktober 2013. Und nun erst rollen die Bagger.

Es gibt weitere Beispiele, wie lang so ein Vorlauf sein kann. Bauen in Bremen – eine Wissenschaft für sich?

Die Gartenstadt Werdersee entsteht auf einem 16,3 Hektar großen Areal zwischen Huckelriede und Habenhausen, eingerahmt vom See, einem Friedhof, der Habenhauser Landstraße und einer bereits bestehenden Wohnsiedlung. Beste Lage, weil die Natur so nah und die Innenstadt nicht weit ist. Als die Fläche fürs Bauen ausgeguckt wurde, wollte die Behörde vorsichtig sein. In anderthalb Jahren, nicht früher, hieß es damals. Anderthalb Jahre bis zum Beginn. Es sind fünf geworden.

Start des Pilotversuchs Fußgängerzone Knochenhauerstraße - mit Bausenator Joachim Lohse

Bausenator Joachim Lohse (Archivbild)

Foto: Frank Thomas Koch

Der Grund sollen Eigentumsverhältnisse sein

Da staunt der Laie, und der Fachmann – erklärt die Gründe: Es soll nach Darstellung der Planer hauptsächlich mit den Eigentumsverhältnissen zu tun gehabt haben. Private Investoren hatten sich frühzeitig und unkoordiniert versorgt, weshalb die Flächen für eine vernünftige Straßenanbindung des Areals zunächst mal getauscht werden mussten. Schwierig für eine Behörde, der es dafür an Fachwissen fehlte, wie sie selbst einräumt. „Seit Jahrzehnten hat die Stadt keine Flächenbebauung mehr betrieben und so lange auch nicht mit einem derart komplexen Umlegeverfahren zu tun gehabt“, sagte Lohse vor der Presse.

Das war das eine, das andere: waren die Proteste der Bürger. „Rettet die grüne Lunge Werdersee“ überschrieb eine Initiative ihren Widerstand gegen die Pläne der Stadt. Sie wollte die Bebauung verhindern und erreichte am Ende, dass sie zumindest anders ausgefallen ist: Mehr öffentliches Grün, mehr sozial geförderte Wohnungen, breitere Straßen. Die höchsten Häuser werden nicht mehr sechs Geschosse bekommen, sondern nur noch fünf und auch nicht mehr direkt am Deich stehen, wie es vorgesehen war.

In fünf bis sechs Jahren sollen die 280 Einfamilienhäuser und 310 Wohnungen in mehrgeschossigen Gebäuden fertig sein. Gut zehn Jahre sind dann von den ersten Überlegungen bis zum Abschluss ins Land gegangen. Aber das ist noch gar nichts.

Beispiel: Hulsberg-Quartier

MIT Stadtplanerin Marion Skerra Neues Hulzberg-Viertel

Stadtplanerin Marion Skerra erklärt die Pläne für das Hulsberg-Quartier.

Foto: Roland Scheitz

Das Hulsberg-Quartier zwischen dem Viertel und Peterswerder sollte im Jahr 2019 vollendet sein, so war das mal geplant. Seit mehr als sechs Jahren wird in Dutzenden von Foren und Arbeitsgruppen darüber diskutiert, wie man die knapp 14 Hektar, die bisher vom Klinikum-Mitte genutzt werden, so entwickelt, dass die Ansprüche von dichtem Wohnungsbau mit dem Wunsch nach viel Grün, intelligenten Verkehrskonzepten und alternativen Wohnformen vereint sind. Zu Anfang hieß der Bausenator noch Loske, jetzt heißt er Lohse.

Dass jeder Zeitplan für das ambitionierte Projekt mittlerweile Makulatur ist, hat zuallererst mit den Verzögerungen beim Klinikneubau zu tun. Er wird wahrscheinlich Ende 2018 fertig sein, fast fünf Jahre später als geplant. Wenn eine Fläche nicht geräumt wird, kann sie nicht bebaut werden, so einfach. Doch es hapert auch sonst beim Hulsberg-Quartier. Immer noch gibt es keinen Bebauungsplan.

„Das ist nun mal kein normaler Bebauungsplan“, erklärt Florian Kommer, Geschäftsführer der Grundstücksentwicklung Klinikum Bremen-Mitte GmbH. Schon wegen der sensiblen Nachbarschaft mit dem Krankenhaus sei die Planung hoch kompliziert. Außerdem habe es in der Vergangenheit etwas gegeben, was Kommer „personelle Diskontinuitäten“ nennt. Zwei Senatoren, drei Staatsräte, drei Senatsbaudirektoren – so viele bislang, die für das Projekt verantwortlich waren oder es noch sind. „Dass es zwischendurch Wahlen gab, hat natürlich auch nicht beschleunigend gewirkt“, so der Geschäftsführer.

Es gab Vorstudien, Gutachten, Wettbewerbe, den Entwurf eines städtebaulichen Vertrages für die knapp 14 Hektar große Fläche und nun, endlich, den Bebauungsplan. Anfang kommenden Jahres soll er in der Baudeputation beraten werden und danach durch Senat und Bürgerschaft gehen. Erst mit dieser Grundlage kann die Vermarktung beginnen. Insgesamt sollen rund 1000 Wohnungen entstehen. Separat entwickelt werden konnte nur ein Grundstück an der St.-Jürgen-Straße. Dort wird in diesen Wochen ein Gebäude abgerissen und macht Platz für ein Ärztehaus.

Beispiel: Büropark Oberneuland

Büropark Oberneuland

Der Büropark Oberneuland wird jetzt auch für Wohnbau genutzt.

Foto: Karsten Klama

Drittes Beispiel ist der ehemalige Büropark Oberneuland. Weil er die Erwartungen mit bis zu 3000 Arbeitsplätzen nicht erfüllen konnte und nicht genügend gewerbliche Interessenten fand, schlugen Vertreter der SPD bereits vor 15 Jahren vor, auf einer Fläche von 3,5 Hektar stattdessen Wohnhäuser zu bauen. Die Wirtschaftsbehörde wollte ihr Vorhaben partout aber nicht aufgeben. Es dauerte zehn Jahre, bis sie ein Einsehen hatte. In der Zeit ließen die Leute dort ihre Hunde laufen.

Vor gut einem Jahr war schließlich das erste Haus fertig, bis zum Jahr 2019 sollen bis zu 200 Wohnungen entstehen. Wäre es nach der Bauwirtschaft gegangen, hätte es nach der Freigabe des Geländes deutlich schneller gehen können. Sie beklagte den langen Weg bis zu einem gültigen Bebauungsplan. „Ich kann die Ungeduld verstehen, und von außen wirkt das vielleicht umständlich“, hatte Bausenator Lohse damals gesagt. Die Abstimmung zwischen den verschiedenen Interessen dauere aber nun mal seine Zeit.

Beispiel: Ellener Hof

Der Vorsitzende der Bremer Heimstiftung geht davon aus, dass im Sommer die ersten Straßen und Flächen für den "Ellener Hof" erschlossen werden.

Ein Entwurf für die geplanten Wohnbauten auf dem Ellener Hof.

Foto: Atelier PK Architektur

Schließlich der Ellener Hof. „500 Wohnungen für Bremen“, lautete vor zwei Jahren die Schlagzeile. Ein Projekt der Bremer Heimstiftung auf dem fast zehn Hektar großen Gelände in Blockdiek. Der Bausenator versprach „schnellstmögliche Realisierung“. Zwei Jahre Planung, dann sofort bauen. Doch fragt man nach, gibt es für den Ellener Hof zwar viel Positives zu berichten, nichts aber, was auch nur ahnen lassen könnte, wann mit dem Bau begonnen werden kann. Trotzdem: „Der Turbo hat gezündet“, sagt Ulrich Schlüter, Leiter des zuständigen Ortsamtes Osterholz. Es sei eine ganze Reihe von Projekten angeschoben und realisiert worden. Darunter die Unterbringung von Flüchtlingen, der Betrieb einer Kindertagesstätte, kulturelle Nutzungen. „Eine nachhaltige Entwicklung“, hebt Schlüter hervor, „wir sind begeistert.“ Auf die Frage, wann die versprochenen Wohnungen entstehen, hat er keine Antwort.

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