Korea in Bremen

Gastarbeiter, Kulturaustausch und K-Pop

2018 lebten 355 Koreanerinnen und Koreaner in Bremen. Und in der Hansestadt gibt es mehr koreanische Kultur, als man vielleicht denken würde. Und das Interesse daran wächst.
18.01.2020, 20:25
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Gastarbeiter, Kulturaustausch und K-Pop
Von Eva Przybyla
Gastarbeiter, Kulturaustausch und K-Pop

Jeden Sonntag findet hier der Gottesdienst statt – auf Koreanisch. Gil Cheon Lee ist der Älteste der koreanischen Gemeinde in Arsten.

Frank Thomas Koch

355 Koreanerinnen und Koreaner haben im Jahr 2018 in der Stadt Bremen gewohnt. Das belegen Zahlen des Statistischen Landesamtes Bremen. Viele von ihnen treffen sich in drei koreanischen Kirchengemeinden, in einer koreanischen Schule und in einem koreanischen Verein. Kulinarisch ist dafür nicht ganz so viel los, sagt Jung-Min Kim. Er betreibt das Maru in der Markthalle 8. Ansonsten gibt es noch das Restaurant Kimchi in der Humboldtstraße. Koreanische Partys wollen Sharkorean nun öfter feiern. Sie spielen K-Pop, auf den sich diverse Tanzgruppen in Bremen spezialisiert haben.

K-Pop, Tanz- und Schönheitswettbewerb, Essensschlacht sowie eine Tombola – das sind die Zutaten für eine koreanische Party. Zumindest in Bremen. Enyung Park hat Anfang Januar eine solche Nacht im Römer veranstaltet. Es war die erste Party der Bremer Gruppe Sharkorean, die neben Clubnächten auch andere Veranstaltungen plant. „Wir wollen Deutschen und Europäern eine frische, wirkliche und detaillierte Form der koreanischen Kultur zeigen“, sagt Park. Die Nachfrage gebe es, meint der Partyveranstalter, der aus Südkorea stammt: „Bremen hat mehr aktive K-Pop-Fans als Hannover und andere Städte in Niedersachsen.“

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Koreanische Popmusik, kurz K-Pop, heißt das erfolgreiche Phänomen aus Südkorea, das mit dem Hit „Gangnam Style“ von Psy 2012 seinen Anfang nahm. Seitdem begeistern Bands wie BTS, Astro und BlackPink Millionen Fans auf der ganzen Welt. Sie werden Schätzungen zufolge teils von mehr Menschen als Superstar Justin Bieber oder Taylor Swift gefeiert. Und in den sozialen Netzwerken wie Twitter und TikTok brechen sie Rekorde.

Auch Annika Meyer liebt K-Pop. Die 17-jährige Bremerin ist Mitglied einer K-Pop-Tanzgruppe, eine von sieben in Bremen, wie sie sagt. In einem Youtube-Video tanzt die Gruppe als „Blockbuster_DC“ auf einem Hochhausdach. Sie imitieren die Girlgroup BlackPink mit ihrem Song „Playing with Fire“. Mit den Lippen formen die vier Mädchen die passenden koreanischen Worte. Dazu drehen sie die Arme mal hubschrauberartig, dann wieder grazil. Das ist der „K-Style“ – eine Mischung aus Modern, Jazz und Hip Hop Dance, erklärt Meyer. Ihre Choreografien zeigt die Gruppe bei Wettbewerben in ganz Deutschland.

Die Bremer K-Pop-Tanzgruppe Blockbuster mit Annika Meyer (vorne links).

Die Bremer K-Pop-Tanzgruppe Blockbuster mit Annika Meyer (vorne links).

Foto: privat

Interesse über den K-Pop hinaus

Meyers Interesse für die koreanische Kultur geht noch über den K-Pop hinaus. Sie träumt von einem Auslandssemester in Südkorea und besucht bereits einen Sprachkurs an der koreanischen Schule Bremen, die noch heute Anlaufstelle für viele Eltern mit koreanischen Wurzeln ist.

22 Kinder lernen dort nach Angaben der Schulleiterin Songhee Eggeling-Hur die Sprache. Sie werden immer freitags in einer Schule in Kattenturm unterrichtet. Eggeling-Hur will, dass die Kinder auch in Deutschland zurecht kommen. Das konfuzianische Erbe sowie die koreanische Erziehung machten das ihnen nicht immer leicht. „Einige Kinder sind sehr zurückhaltend“, sagt die Schulleiterin, „wenn etwas falsch läuft, lächeln und schweigen sie.“ Doch in der koreanischen Schule sollten sie lernen zu sagen, was sie wollen.

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Die Schulleiterin setzt sich auch dafür ein, dass die Kinder mehr über ihre kulturelle Identität erfahren und mit dieser selbstbewusst umgehen. So führt die gebürtige Koreanerin und deutsche Staatsbürgerin das fort, wofür die Schule 1983 gegründet wurde. Besucht wurde sie zu Anfang etwa von den Kindern der koreanischen Gastarbeiter, die Deutschland in den 60er-Jahren angeworben hatte. Tausende Krankenschwestern und Bergleute waren deshalb in deutsche Städte gezogen.

Kontakt zu der ersten Generation koreanischer Immigranten hat die Künstlerin Guiyoung Gelhaus. Sie ist Vorsitzende des Koreanischen Vereins Bremen, der aktuell 43 Mitglieder in Bremen und Umgebung zählt. Die meisten sind alt. Für sie war der Verein eine wichtige Quelle für Kontakte zu Landsleuten und nützlichen Informationen als Arbeitsmigranten. Heute sei das anders. „Gott sei dank ist das Internet da“, sagt Gelhaus. Vereinsmitglieder besucht sie heute nicht selten in Altenheimen. Manche seien demenzkrank oder würden an Alzheimer leiden und sich nur noch an ihre Muttersprache erinnern können, sagt Gelhaus. Viele wünschten sich, in ihr Geburtsland zurückzukehren. Die Vereinsvorsitzende hilft dabei. Zwei Seniorinnen hat Gelhaus bereits bei der Rückkehr nach Südkorea unterstützt.

Ein Stück Deutschland aufleben lassen

Auch Jung-Min Kims Eltern sind vor mehr als zehn Jahren nach Südkorea zurückgekehrt. Während der Bremer in der Markthalle 8 das koreanische Lokal „Maru“ betreibt, leben die früheren Gastarbeiter heute in der Nähe des „German Village“ in Korea. In der Kleinstadt bauen Koreaner, die lange in Deutschland gelebt haben, Häuser mit Almhüttenbalkonen. Für Touristen veranstalten sie sogar das Oktoberfest. Auch Kims Eltern lassen dort ein Stück Deutschland aufleben. Zeitweilig hätten sie ein „Café Bremen“ betrieben, sagt er.

Der Gastronom hofft heute auf den großen Durchbruch koreanischer Esskultur in Bremen. In anderen deutschen Städten habe der längst begonnen. „Nur Bremen ist da etwas verschlafen“, sagt Kim. Für ihn ist klar: Die koreanische Küche ist der nächste kulinarische Hype – „wie Sushi“, sagt er. An seinem Gastro-Stand hat er nach eigenen Angaben bereits viele Stammkunden für landestypisches Bibimbap und Mandu begeistert.

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Spricht man mit Kim und Eggeling-Hur über Koreaner in Bremen, entsteht der Eindruck, man kenne sich. Menschen mit koreanischen Wurzeln treffen sich etwa in den drei koreanischen Kirchengemeinden in Bremen, eine katholische und zwei evangelische. In der koreanischen Gemeinde in Arsten ist Gil Cheon Lee der Älteste. Sonntagnachmittags besucht er zusammen mit rund 65 Mitgliedern in den Räumen der St. Markus-Gemeinde den Gottesdienst. Die Sprache: Koreanisch. Der Stil laut Lee: US-amerikanisch beeinflusst, doch „ruhiger“. „Aber nicht ganz so ruhig wie der deutsche Gottesdienst“, ergänzt er.

Die meisten Mitglieder der Gemeinde hätten wie er mit den früheren Gastarbeitern nichts zu tun. Sie seien zum Studieren oder Arbeiten nach Bremen gekommen. Besonders an der Hochschule für Künste (HfK) würden viele Koreaner studieren, sagt der Gemeinde-Älteste. Doch glaubt man Lee und Gelhaus, werden es jedes Jahr weniger. Während in Bremen das Interesse an koreanischer Kultur wächst, sei Koreanern die Stadt häufig zu langweilig, sagt Gelhaus. Die meisten gingen nun nach Berlin oder Frankfurt am Main, berichtet Lee. Koreanische Studierende in Bremen würden immer häufiger in ihre Heimat zurückkehren.

Doch manche bleiben auch. Und sie wollen mehr Korea nach Bremen bringen. So auch Partyveranstalter Park: „Wir wollen ein kultureller Knotenpunkt zwischen Korea und Deutschland werden – based in Bremen.“

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