Müller über die Diskussion in Bremen

Gastkommentar: Strategien gegen Antisemitismus offen diskutieren

Europaweit nehmen latenter und offener Antisemitismus zu. Auch in Deutschland. Antisemitische Äußerungen sind Alltag: auf Demonstrationen, auf Schulhöfen, in sozialen Medien. Und wie ist die Lage in Bremen?
10.09.2016, 00:00
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Von Henrike Müller
Gastkommentar: Strategien gegen Antisemitismus offen diskutieren

Henrike Müller ist Bürgerschaftsabgeordnete der Grünen und nimmt in ihrem Gastkommentar zu einem Beitrag des Rabbiners Abraham Cooper über anti-israelische Boykottbewegungen Stellung.

Lukas Klose

Europaweit nehmen latenter und offener Antisemitismus zu. Auch in Deutschland. Antisemitische Äußerungen sind Alltag: auf Demonstrationen, auf Schulhöfen, in sozialen Medien, gar in Landesparlamenten.

Selbst antisemitische Gewalttaten sind keine Seltenheit. Und wie ist die Lage in Bremen?

Bremen ist keine Hochburg des Antisemitismus – ganz sicher nicht. Veröffentlichungen, die dies nahelegen, sind sehr ärgerlich für alle Engagierten in Bremen, die intensiv gegen Antisemitismus kämpfen. Meinungsbeiträge, die mit Übertreibungen arbeiten, erweisen dem richtigen Ansinnen einen Bärendienst. Und doch stimmen die immer wiederkehrenden Berichte über einzelne Gruppen und deren Aktionen in Bremen, die als antisemitisch kritisiert werden, nachdenklich: Nehmen wir etwas nicht mehr wahr oder nicht ernst genug?

Bremen tritt dem Antisemitismus entgegen

Fragen nach den Ausprägungen antisemitischer Strukturen, Fragen nach Plattformen oder öffentlichen Räumen, in denen antisemitische Thesen vertreten werden, beleben eine wichtige Debatte über alte und neue Formen von Antisemitismus. Sie sind wichtig für eine Diskussion über notwendige neue Strategien zur Bekämpfung solcher Einstellungen.

Bremen hat eine lange und gute Tradition, jeder Form von Antisemitismus entgegenzutreten. Wir pflegen in Bremen eine vielfältige und eindrucksvolle Erinnerungskultur. Es gab und gibt in Bremen sehr viele engagierte Menschen, die Antisemitismus und jegliche Form von Rassismus bekämpfen. Aber der Eindruck, dass diese engagierten Menschen weniger und andere, die offenen Antisemitismus propagieren, mehr werden, muss überprüft werden. Und sollte sich dieser Eindruck bestätigen, müssen wir über neue und andere Formen von Erinnerungskultur und über ein Mehr an politischer Bildung sprechen.

Angebote müssen neu geprüft werden

Die in Bremen wiederholt auftretende Boykottbewegung „Kauft nicht bei Israelis“ und andere zumindest als stark anti-israelisch zu bezeichnende Veranstaltungen und die Reaktionen auf diese zeigen doch, dass eine Auseinandersetzung um und eine Differenzierung zwischen Israel-Kritik, latentem und offenem Antisemitismus dringend geboten sind. Dieser alten und neuen Aufgabe müssen wir uns stellen, mit offenen Fragen und Debatten.

Wir müssen auch überprüfen, ob Angebote und Maßnahmen der Erinnerungskultur und des Gedenkens, die in Bremen eine lange Tradition haben, heute noch die richtigen Mittel sind. Der Kampf gegen Antisemitismus ist eine sich jeden Tag neu stellende Aufgabe. Offene Debatten über hiesigen Antisemitismus sind daher selbstverständlich und beschädigen weder Bremen noch seine Bürgerinnen und Bürger.

Zur Person

Unsere Gastautorin ist Bürgerschaftsabgeordnete der Grünen. Sie nimmt Stellung zu einem Beitrag des Rabbiners Abraham Cooper über anti-israelische Boykottbewegungen. Bürgermeister Carsten Sieling hatte ihm in dieser Rubrik geantwortet.

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